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Diesel-Skandal: Das Diesel-Dilemma

Diesel-Skandal : Das Diesel-Dilemma

Drohende Fahrverbote und ein Marktanteil im Sinkflug – der Diesel steckt in der Krise. Twintec aus Königswinter will ein Nachrüstsystem entwickelt haben, mit dem sich die Euro-6-Norm erreichen lässt.

Streitende Politiker, schweigsame Wirtschaftsbosse, verunsicherte Autofahrer: Am Diesel scheiden sich die Geister – nach Bekanntwerden des VW-Abgasskandals, nach Diskussionen um Schadstoffemissionen und drohenden Fahrverboten heute mehr denn je.

Dabei galt der Diesel vor gar nicht allzu langer Zeit noch als besonders umweltfreundlich. Das allerdings vor allem deswegen, weil die Selbstzünderaggregate weniger Kraftstoff schluckten als vergleichbare Benzinmotoren. Dann schauten Experten genauer hin – und zwar auf das, was aus dem Auspuff kommt. Das Ergebnis war weniger überraschend, sorgte dafür aber für umso mehr Wirbel. Zwar stoßen Dieselfahrzeuge deutlich weniger Kohlendioxid (CO2) aus als Benziner, doch die in die Luft geblasenen Stickoxide (NOX) sind das Problem. Zu viele Stickoxide machen krank, können Herz und Kreislauf schädigen und greifen die Atemwege an. Außerdem tragen sie zur Bildung von Feinstaub und Ozon bei. Der einst gelobte Diesel eine Dreckschleuder?

Diesel raus aus deutschen Innenstädten fordern auf einmal nicht nur grüne Politiker. Ihr Lösungsvorschlag: Fahrverbote – zunächst nur an Tagen mit besonders hoher Luftschadstoffbelastung könnten helfen. Und Ausnahmen könnte es auch geben, ließen sie wissen. Dieselfahrzeuge der modernsten Bauart könnte man durchwinken. Ihre freie Fahrt sollte eine gut sichtbar angebrachte blaue Plakette gewährleisten. So weit die Theorie.

Twintec will System zur Nachrüstung entwickelt haben

Manche dieser Ideen werden kommen, so etwa Fahrverbote für Innenstädte. Stuttgart will es ab 2018 vormachen, andere Städte, wie auch Köln und Bonn, können sich vorstellen, nachzuziehen. Bundesweit blieben so fast 13 Millionen Dieselfahrzeuge aus den Innenstädten ausgesperrt. Doch die blaue Plakette wird es vorerst wohl doch nicht an die Windschutzscheiben schaffen. Wenn von einer blauen Plakette die Rede ist, sehen mittlerweile viele Politiker rot – vor allem solche aus dem schwarzen Lager.

Der Sticker würde auch wenig Sinn ergeben, angesichts jüngster Erkenntnisse, dass die modernsten Diesel im normalen Fahrbetrieb nicht nur weit schmutziger sind als erlaubt, sondern sogar noch mehr Stickoxide ausstoßen als ihre Vorgängermodelle, wie Messungen des Umweltbundesamtes jüngst ergeben haben. Wohin also führt der Weg den Diesel, dessen Technik vor mittlerweile 125 Jahren patentiert worden ist? Kann eine Nachrüstung die Lösung des Problems sein? Beim Thema Nachrüstung hält sich die Autoindustrie bedeckt: Eine Nachrüstung von Euro 5 auf Euro 6 sei komplex und teuer, weil sie zahlreiche Eingriffe in die Motorsteuerung und Abgasreinigung erfordere. Knapp sechs Millionen fast neue Diesel-Fahrzeuge kämen hierzulande überhaupt für eine solche Nachrüstung infrage. Manche Zulieferer sind optimistischer. So etwa die Königswinterer Baumot-Gruppe, zu der auch der Hersteller für Abgasreinigungstechnik Twintec gehört. Sie will nach eigener Aussage ein System entwickelt haben, mit dem sich die Euro-6-Norm erreichen lässt. Kostenpunkt: Rund 1500 Euro, Einbauzeit: rund ein halber Tag.

Die Nachrüstlösung soll den Angaben zufolge „Stickoxide unter realen Bedingungen um über 90 Prozent reduzieren“. Die damit erreichten Emissionswerte von nachgerüsteten Fahrzeugen ab der Schadstoffklasse Euro 2 seien unter realen Bedingungen besser als jene der aktuellen Euro 6 Kategorie, heißt es bei Twintec. Staatlich gefördert wird eine solche Nachrüstung bislang allerdings nicht. Doch in verschiedenen Bundesländern ist eine Diskussion über etwaige finanzielle Unterstützungen entbrannt.

Viele Kunden sind stark verunsichert. „Die kontinuierlichen negativen Meldungen über Diesel-Neuwagen, die vom Kraftfahrtbundesamt, dem ADAC und BUND und der Deutschen Umwelthilfe (DUH) nachgewiesenen hohen Überschreitungen der Stickoxid-Emissionen der überwiegenden Mehrheit der getesteten neuen Euro-6-Diesel scheint zu verunsichern“, bestätigt Ferdinand Dudenhöffer, Chef des Car-Center Automotive Research der Universität Duisburg-Essen. Autohersteller müssten im Neuwagenmarkt mit noch höheren Rabatten Käufer locken. Dies gelte insbesondere für Firmenwagen, denn bei Unternehmen würden 70 Prozent der Pkw als Diesel erstzulassen. Dudenhöffer: „Private Käufer sind deutlich zurückhaltender beim Diesel. So wurden in den ersten beiden Monaten des Jahres gerade mal 26 Prozent aller Neuwagen, die auf Privatkunden zugelassen wurden, als Diesel motorisiert.“

Experte: Umstieg auf E-Autos beschleunigen

Handel und Industrie steuern gegen und locken mit Preisnachlässen, mit Sonderausstattungen, kostenlosen Wartungsintervallen und zusätzlichen Garantiepaketen. Mehr als 400 solcher Sonderaktionen hat das Institut allein im vergangenen Monat gezählt – so viel wie nie. Durchschnittlich gab es für den Käufer mehr als 14 Prozent Neuwagenrabatt, im Internet winkten im Schnitt sogar 19 Prozent. Was die Kunden freut, bringt die Autobauer in Schwierigkeiten. „Der Pkw-Diesel entwickelt sich für die Autobauer zum Dauerproblem“, meint Dudenhöffer. Der Diesel sei zum Risiko geworden und sei zusehends schwieriger, auch sozial zu rechtfertigen.

„Das könnte für die wichtigste Käufergruppe für Diesel-Pkw, die Unternehmen, die mit 568 600 Diesel-Pkw-Neuzulassungen im Jahr 2016 für 37 Prozent aller Diesel-Pkw-Käufe in Deutschland standen, zum einem Abrücken vom Diesel führen. Mehr als 70 Prozent der Neuwagenkäufe von Unternehmen sind Diesel-Pkw.“ Sein Fazit: Ein belastendes Umweltimage für Unternehmen mit großen Dieselflotten brächte den Pkw-Diesel noch schneller in noch größere Bedrängnis.

Die Kundenverunsicherung hat einen klaren Abwärtstrend beim Pkw-Diesel eingeleitet. Das zeigt laut Car-Center die Entwicklung der Marktanteile. Wurden im November 2015, also kurz nach Bekanntwerden der VW-Abgasbetrügereien in USA, noch 49,9 Prozent aller Neuwagen in Deutschland mit Dieselmotor auf die Straße gebracht, schrumpfte der Dieselanteil bis auf 43,3 Prozent im Februar 2017. Und die politische Diskussion des Diesel-Problems sorgen eher für mehr denn für weniger Verunsicherung. Während etwa Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) von ihrem Regierungskollegen Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) fordert, mehr Druck auf die Autoindustrie auszuüben, hält dieser die Füße still. Während Dobrindt eine stärkere Einflussnahme Brüssels strikt ablehnt, wünscht sich die Umweltministerin eine strengere Linie bei einheitlichen Abgasgrenzwerten, deren Überwachung und Sanktionierung.

Fachleute zeichnen für den Diesel alles andere als ein rosiges Bild. Dudenhöffer: „Für Autobauer wären mittelfristig jährlich dreistellige Millionenstrafzahlungen wegen der Verfehlung von CO2-Vorschriften in der EU nicht auszuschließen. Die Hersteller müssen daher den Umstieg ins Elektroauto weiter beschleunigen.“