Technischer Fortschritt: Chinesen greifen Markt für E-Roller an

Technischer Fortschritt : Chinesen greifen Markt für E-Roller an

Niu, der chinesische Hersteller für Elektroroller, will in Europa stark wachsen. Die deutschen Hersteller bleiben allerdings entspannt. Einer der Wettbewerber sitzt in Remagen.

Wieder mal heißt es für die deutschen Hersteller: warm anziehen. Auf einem weiteren aussichtsreichen Zukunftsmarkt steht ein chinesisches Unternehmen vor der Türe. Diesmal geht es um Elektroroller – kleine, den traditionellen italienischen Vespas nachempfundene Motorräder für die Stadt. Niu ist der Name der Firma aus Fernost. Joseph Constanty, ein 37jähriger Amerikaner aus Philadephia, bearbeitet für die Chinesen gerade den europäischen Markt.

„Das ist der nächste Schritt für Niu“, sagt Constanty, schwarze Jeans, schwarzes Sweatshirt, die Haare auf dem Hinterkopf zum Zopf gebunden. In China habe Niu mittlerweile 350.000 Roller verkauft, in Deutschland nach eigenen Angaben rund 1500. Damit liegt der aktuelle Marktanteil hierzulande wohl um die zehn Prozent. Aber es soll rasch mehr werden. Vor allem chinesische Investoren haben Niu mindestens 60 Millionen Euro Kapital zur Verfügung gestellt.

Mit solchen E-Rollern zielen mehrere Anbieter vorzugsweise auf junge Leute in den Großstädten. Mit den wendigen Gefährten steht man nicht im Stau, und man kann die Batterien an der Steckdose aufladen. Benzinkosten: null. Wer keinen der sogenannten Streetscooter kaufen will, kann sie unter anderem in Berlin, Hamburg und München mittlerweile auch per Smartphone-App am Straßenrand mieten, flexibel für ein paar Kilometer benutzen und wieder abstellen. Scooter-Sharing funktioniert ähnlich wie Carsharing.

Bei Niu meldet der Computer jedes E-Rollers seine Nutzungsdaten alle fünf bis zehn Sekunden in das globale Netzwerk des Unternehmens. Ein Vorteil: Wenn das Fahrzeug geklaut wird, empfängt das eigene Smartphone sofort eine Warnung, und man weiß, wo der Roller hinfährt. Nutzer, die nicht ständig von einem chinesischen Konzern beobachtet werden möchten, ärgern sich aber vielleicht über diese Datensammelei.

Der Markt für E-Roller in der Bundesrepublik ist noch klein. Verkauft wurden hier bisher schätzungsweise um die 10 000 Gefährte. Genaue Zahlen gibt es nicht. Zum Vergleich: Insgesamt sind etwa zwei Millionen Benzin-Roller auf bundesdeutschen Straßen unterwegs.

Kumpan Electric aus Remagen verkauft Roller für 3849 Euro

Ein deutscher Wettbewerber ist das Unternehmen Kumpan Electric aus Remagen. Die drei Brüder Daniel, Patrik und Philipp Tykesson entwickeln seit 2010 E-Roller und bieten heute mehrere Modelle an, das günstigste beginnt bei 3849 Euro – rund 1000 Euro teurer als die Konkurrenz aus China.

Die Roller von Govecs GmbH aus München werden auch beim Sharing-Anbieter Emmy in Berlin und München eingesetzt. Die Firma hat nach eigenen Angaben 2017 über 6500 E-Roller abgesetzt, davon etwa 1500 des neuen Modells Elektro-Schwalbe. Angesichts des Markteintritts der Chinesen mache er sich keine Sorgen, sagt Götz Schmidt, Marketing-Chef bei Govecs. „Wir liefern europäische Qualität für den europäischen Markt.“ Die Firma entwickelt und produziert seit 2009 im eigenen Werk in Wroclaw, Polen. Die kompletten Antriebsstränge der Roller mit Motor, Batterien, Ladegerät, Steuereinheit und Display kommen von Bosch. Ähnlich entspannt sieht man es bei Emco im niedersächsischen Lingen. „Der Markt für Elektroroller wächst.

Neue Wettbewerber sind deshalb nicht von Nachteil“, sagt Emco-Vertriebsleiter Mirko Lühn. Die Firma produziert die Roller unter deutscher Regie, tatsächlich hergestellt werden die Fahrzeuge aber größtenteils im eigenen Werk in China. Auch ein weiterer Anbieter, Unu aus Berlin, lässt seine Elektro-Zweiräder in Fernost zusammenbauen. Umgekehrt vertraut aber selbst Niu auf deutsche Technologie: Die Elektromotoren dieser Roller stammen ebenfalls von Bosch. Doch wo produziert sie der Konzern aus Baden-Württemberg? In China.