Interview mit Ulrich Hemel: Bund Katholischer Unternehmer feiert 70-jähriges Bestehen

Interview mit Ulrich Hemel : Bund Katholischer Unternehmer feiert 70-jähriges Bestehen

Der Bund Katholischer Unternehmer feiert sein 70-jähriges Bestehen in Siegburg. Ein Interview mit dem BKU-Präsidenten Professor Ulrich Hemel über die Geschichte, aktuelle Herausforderungen und die Neuentdeckung der sozialen Marktwirtschaft.

Der Tradition der christlichen Soziallehre verbunden, bietet der Bund Katholischer Unternehmer (BKU) ein Forum für christlich motiviertes Handeln in der Unternehmensführung. Seine Jubiläumstagung zum 70-jährigen Bestehen hält der Verband am kommenden Wochenende im Katholisch-Sozialen Institut (KSI) in Siegburg ab. Ein Gespräch mit dem BKU-Präsidenten Prof. Ulrich Hemel.

Der BKU wurde 1949 in Königswinter gegründet. War die Gründung auch eine Reaktion auf die Gründung der CDU, die anders als das Zentrum nicht mehr rein katholisch orientiert war?

Ulrich HEMEL: In Köln und im katholisch geprägten Rheinland hat man das nach dem Krieg meines Erachtens nach nicht besonders stark gemerkt. Das zeigte sich auch in einer gewissen Liberalität. Denken Sie etwa ans „Fringsen“, also den Kohlenklau zum blanken Überleben. Es war eher die katholische Soziallehre, die die Verbandsgründung begünstigt hat.

Ulrich Hemel, Präsident des Bundes Katholischer Unternehmer. Foto: Martin Wein/Martin Wein, Bonn

Wen vertreten Sie heute?

Hemel: Wir sind eine Vereinigung an katholischen Werten orientierter Unternehmer und Unternehmerinnen. Die Kirchenmitgliedschaft ist aber keine Voraussetzung. Wir haben auch einige ausgetretene oder evangelische Mitglieder.

Sie vertreten also nicht überwiegend kirchliche Unternehmen?

Hemel: Die gibt es bei uns – vor allem im Bereich Gesundheitswesen. Aber wir sind darüber hinaus ganz breit aufgestellt.

Haben Sie einen Mitgliederschwerpunkt in der Region?

Hemel: Ja, in Köln besteht die größte Diözesangruppe mit über 100 von insgesamt 1000 Mitgliedern. Eine weitere Gruppe gibt es in Bonn.

Warum hat der Verband heute noch eine Berechtigung?

Hemel: Wir leben doch in einer Zeit, die händeringend nach Orientierung sucht. Als Unternehmer können Sie sich in anderen Kreisen nur selten über Wertegrundlagen austauschen. Dabei entstehen gemeinsame Ideen und Gestaltungsperspektiven. Wir setzen uns beispielsweise dafür ein, dass Mitarbeiter aller Religionen an ihren wichtigen Feiertagen frei bekommen können. Für uns als Unternehmer ist es wichtig, eine Leitlinie zu haben.

Wie halten Sie es mit dem Karneval, an dem in vielen Unternehmen nicht mehr automatisch frei ist, weil das ungerecht gegenüber Beschäftigten anderswo sei?

Hemel: Gerechtigkeit hat immer einen Kontext. Der ist im Rheinland klar karnevalistisch. Natürlich muss dafür Urlaub genommen werden. Sonst wären das Sonderfeiertage.

Es gibt bei Ihnen einen Arbeitskreis für „Christliche Spiritualität“. Wie darf man sich die im Berufsalltag vorstellen?

Hemel: Wir haben konkret vor einem Jahr ein Manager-Gebetbuch herausgegeben mit Texten, die unsere Mitglieder eingereicht haben. Wir bieten auch Exerzitien in unterschiedlicher spiritueller Ausrichtung.

Sie sind ja kein klassischer Wirtschaftsverband. Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgaben?

Hemel: Unternehmer tragen natürlich Verantwortung für ihre Firma. Aber sie sind in gewisser Weise immer auch dem Gemeinwohl verpflichtet. Dieser Verpflichtung versuchen wir durch Mitgestaltung in Politik, Kirche und Gesellschaft nachzukommen.

Der BKU ist Mitinitiator der Jenaer Allianz zur Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft. Wohin müsste die Reise gehen?

Hemel: Das ist unser Jahresthema. Die soziale Marktwirtschaft wird derzeit unter Wert verkauft. Wir müssen sie ethisch, digital und international neu entdecken und codieren. Dann ist sie ein Friedensprojekt, das einerseits die beste Lösung im freien Wettbewerb zulässt und andererseits klare gesetzliche Mindeststandards festschreibt – am besten international.

Kirchliche Unternehmen pochen seit Jahrzehnten auf ihre Sonderrolle bei Tarifverträgen und betrieblicher Mitbestimmung. Ist das noch zeitgemäß?

Hemel: Dieser „Dritte Weg“ ist in einer inneren und einer äußeren Krise. Er wird von außen in Frage gestellt, aber auch aus den Organisationen und Betrieben heraus. Auch kirchliche Unternehmen fragen zunehmend, ob ein Taufschein das geeignete Kriterium für die Personalauswahl sein sollte. Ich halte die Verhältnisse nicht für zeitgemäß und ich glaube auch nicht, dass sie in 50 Jahren noch Bestand haben.

Ist es überhaupt christlich, Geschiedene oder Menschen anderer Konfessionen mit Verweis auf den Tendenzschutz nicht zu beschäftigen?

Hemel: Das war lange Zeit gelebte Praxis vor allem katholischer Träger. Wichtiger ist doch, ob ein Bewerber in einem Kindergarten den Werten religiöser Erziehung offen gegenüber ist. Fragen des Privatlebens sollten da keine Rolle spielen.

Vielfach steht es bei der katholischen Kirche nicht so gut um Transparenz in wirtschaftlichen Dingen. Nur wenige Bistümer haben eine Vermögensbilanz offengelegt. Wie stehen Sie als Verband dazu?

Hemel: 2019 hat die Bischofskonferenz beschlossen, dass jede Diözese einen transparenten Haushalt vorlegen muss. Das ist ehrlich und fair. Beim Sondervermögen des Bischöflichen Stuhls fehlt das tatsächlich. Dort sind Grundstücke, Erbschaften und andere Vermögenswerte enthalten. Allerdings möchte vielleicht auch nicht jeder Stifter, dass seine Erbschaft in konkreter Höhe öffentlich wird.

Wie trifft Sie die wachsende Zahl von Kirchenaustritten?

Hemel: Ja, das lässt sich nicht leugnen. Wir müssen gewaltige Anstrengungen unternehmen, um alle zu erreichen, die ihre Heimat im Verband haben könnten.

Haben Sie über einen offeneren Namen nachgedacht?

Hemel: Das ist immer eine große Sache. Ich verstehe katholisch ohnehin eher als umfassend. Wir haben aber auch ein sehr gutes Verhältnis zum Arbeitskreis evangelischer Unternehmer und sind gemeinsam im Weltverband der christlichen Unternehmerverbände.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat seinen Umzug von Bonn nach Berlin beschlossen. Bleiben Sie in Köln?

Hemel: Ja, das Rheinland ist viel stärker katholisch geprägt als die Hauptstadt. Deshalb fühlen wir uns hier wohl.

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