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Eine Ära geht nach 50 Jahren zu Ende: Bayer-Aufseher Werner Wenning tritt ab

Eine Ära geht nach 50 Jahren zu Ende : Bayer-Aufseher Werner Wenning tritt ab

Mehr als 50 Jahre lang diente Werner Wenning dem Chemiekonzern Bayer Leverkusen - und stieg in dieser Zeit vom Azubi zum Chefkontrolleur auf. Nun verabschiedet er sich aus dem Bayer-Aufsichtsrat.

Am 28. April geht eine Ära zu Ende: Nach der Hauptversammlung verabschiedet sich Werner Wenning aus dem Aufsichtsrat von Bayer – dem Konzern, bei dem der Opladener 1966 als Lehrling angefangen hatte und dem er über 50 Jahre diente. „Meine persönliche Lebensplanung sah eigentlich vor, dass ich mich schon im vergangenen Jahr mit Erreichen der Altersgrenze zurückziehen wollte“, erklärte der 73-Jährige. Der Aufsichtsrat habe ihn wegen der damaligen Lage aber gebeten, weiter zu machen. „Diesem Wunsch bin ich aus meiner tiefen Verbundenheit zum Unternehmen gerne nachgekommen“, so Wenning.

Bayer war nach der Übernahme des US-Konzerns Monsanto in schweres Fahrwasser gekommen. Tausende Amerikaner haben Bayer wegen des Unkrautvernichters Glyphosat verklagt, der Konzern hatte über die Hälfte seines Börsenwertes verloren. Wenning wollte Bayer und den „kleinen Werner“, den von ihm geförderten Vorstandschef Werner Baumann, nicht im Stich lassen.

Nun rückt ein Vergleich und damit ein Ende mit Schrecken näher, und Wenning kann sich guten Gewissens von der Spitze des Aufsichtsrates zurückziehen. „Ich habe immer gerne Verantwortung übernommen“, sagte er mal im Interview. Vielleicht, weil er das schon zu Hause musste: Sein Vater starb früh. Wenning arbeitete bereits mit 14 Jahren als Kartoffelpacker, damit die Familie über die Runde kam. 1966 fing er bei Bayer mit einer Ausbildung zum Industriekaufmann an.

Als junger Mann in Südamerika

Als 24-Jähriger ging er für Bayer nach Peru, insgesamt elf Jahre arbeitete er in Südamerika. Später ging es für vier Jahre nach Spanien. Als er 2002 das Steuer von Manfred Schneider übernahm, war der Konzern in einem desaströsen Zustand: Wochenlang stand Bayer wegen Todesfällen von Patienten, die den Cholesterinsenker Lipobay genommen hatten, in den Schlagzeilen und musste das Medikament vom Markt nehmen, Gewinn und Aktienkurs brachen ein.

Und dann verkürzten ZDF-Journalisten ein Interview mit Wenning noch auf einen kalten Satz: „Man muss zur Kenntnis nehmen, dass Medikamente Nebenwirkungen haben können, die zum Tode führen.“ Der Boulevard titelte anschließend: „Der Bayer-Chef verhöhnt die Opfer.“ „Das war der bitterste Moment meiner Karriere“, sagte Wenning. Er versuchte, die Pharmasparte zu verkaufen, doch keiner wollte sie haben. Dann kam die Wende: Bayer gliederte die Chemiesparte unter dem Namen Lanxess aus und übernahm den Pharma-Riesen Schering. Innerhalb von zehn Tagen habe man den Deal gemacht, erzählte Wenning stolz.

Der große Dealmaker

Überhaupt wurde er zum großen Dealmaker: Wie kein Bayer-Chef vor ihm baute er den Leverkusener Konzern um. 17 Milliarden Euro gab Bayer für Schering aus, acht Milliarden für die Übernahme von Aventis Crop Science. 2010 trat Wenning als Vorstandschef ab, 2012 kam er als Chefkontrolleur zurück und der Umbau ging weiter: Zehn Milliarden Euro gab Bayer für Mercks Geschäft mit rezeptfreien Arzneien aus. Die Kunststoffsparte wurde unter dem Namen Covestro abgespalten. Dann kam 2018 der ganz große Deal: Bayer übernahm Monsanto für 59 Milliarden Euro. Wenning selbst hatte den Deal mitverhandelt. Durch die Monsanto-Übernahme wurde Bayer zum größten Agrochemiekonzern der Welt und steht seither auf zwei starken Beinen. Doch der Preis war hoch: Die Klagewelle und drei Schadenersatz-Urteile ließen die Aktie auf 50 Euro abstürzen.

Land in Sicht

Inzwischen ist Land in Sicht: Man ließ sich mit Ken Feinberg auf einen prominenten Mediator ein und verstärkte den Aufsichtsrat. Bayer hofft nun auf einen Vergleich von zehn Milliarden Dollar, die Aktie liegt wieder bei 70 Euro. „Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, mein Amt an einen Nachfolger zu geben“, sagte Wenning. Er selbst hat den Neuen, Norbert Winkeljohann, ausgesucht. So viel Kontinuität muss sein, auch seinen Stammplatz in der Bayarena wird der Fan der Werkself behalten. Nur hat er mehr Zeit. Die Familie, zwei Töchter und drei Enkel, wird es freuen.