Medikamente sollen sicherer werden: Arzneien bekommen einen Personalausweis

Medikamente sollen sicherer werden : Arzneien bekommen einen Personalausweis

Die Verpackungen für Medikamente sollen fälschungssicher werden. Hersteller, Händler und Apotheker bauen mit Milliardeninvestitionen ein lückenloses Kontrollsystem auf.

Mit einem neuen Sicherheitssystem baut die Pharmabranche dem Einzug von gefälschten Medikamenten in die Apotheken vor. Ab dem kommenden Samstag muss jede in der EU hergestellte, verschreibungspflichtige Arznei in einer fälschungssicheren Verpackung ausgeliefert werden. „Fälschung wird im stationären Handel sehr schwer gemacht“, verspricht Norbert Gerbsch, der für die Integration des EDV-gestützten Systems für den Branchenverein Securpharm zuständig ist.

Rund 750 Millionen Packungen verkaufen die Apotheken allein in Deutschland jährlich auf Rezept. Mit Ausnahme weniger Substanzen, die direkt vom Hersteller an den Patienten geliefert werden, müssen sie künftig zwei Sicherheitsmerkmale aufweisen. So erhält jede Schachtel eine individuelle Seriennummer sowie einen Verschluss, der Spuren hinterlässt, wenn er geöffnet wird. Damit wird es unmöglich, den Inhalt von Originalverpackungen durch billige Fälschungen zu ersetzen.

Der Apotheker überprüft anhand der Seriennummer, ob die Verpackung in der Datenbank verzeichnet ist, und gibt sie erst ab, wenn das System die legale Existenz bestätigt. Wurde diese Nummer schon einmal irgendwo ausgegeben, darf der Pharmazeut das Produkt nicht mehr verkaufen. „Jede Packung bekommt ihren eigenen Personalausweis“, erläutert Gerbsch. Ausgenommen von der verpflichtenden Sicherheitskennzeichnung sind all jene Pharmaprodukte, die ohne Rezept verkauft werden dürfen.

System wurde europaweit errichtet

Gefälschte oder gepanschte Substanzen gelangen in Deutschland bislang nur selten in den Pharmahandel. 2016 gab es 14 Verdachtsfälle, die sich jedoch nicht bestätigten. 2017 erwies sich eine von 57 Meldungen tatsächlich als illegale Kopie eines Markenmedikaments. Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gingen im vergangenen Jahr nur zehn Verdachtsfälle bei der Behörde ein. Anders als im stationären Apothekenhandel gilt das Internet als Tummelplatz für Arzneimittelfälscher. Laut Gerbsch beträgt die Rate illegal gehandelter Produkte dort bis zu 50 Prozent.

Für den Aufbau des Kontrollsystems haben sich Hersteller, Großhändler und Apotheker im Verein Securpharm zusammengetan. Die EU hatte der Branche 2016 drei Jahre für die Einrichtung des europaweiten Systems Zeit gegeben. Insgesamt schätzen die Experten der Kommission die Investitionen in Packanlagen, Software oder Lesegeräte auf zehn bis zwölf Milliarden Euro. Rund 22 000 Apotheken, Krankenhäuser oder Großhändler sind zur Kontrolle der Verpackungen verpflichtet.

Die Patienten werden von der Umstellung zunächst wenig spüren. Denn die Lager der Hersteller und Händler sind voll mit bereits hergestellten Pillen und Salben. Solange diese ihr Haltbarkeitsdatum noch nicht überschritten haben, werden sie verkauft. Erst nach und nach erreicht dann die neue Produktion auch den Verbraucher.

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