Greven-Verlag: Wie das Telefonbuch ins Internet kommt

Greven-Verlag : Wie das Telefonbuch ins Internet kommt

Wie lässt sich schnell eine Telefonnummer oder Adresse finden? Was für die meisten Menschen eine rein praktische Frage ist, beschäftigt Patrick Hünemohr vom Kölner Verlag Greven Medien professionell. Über 185 Jahre lang hat der Verlag gedruckte Adress- und Telefonbücher herausgegeben. Er tut es auch heute noch. Aber wie geht es weiter, wenn das Internet das Suchen und Finden übernimmt und der Konkurrent Google heißt?

Die „Gelben Seiten“, das „Telefonbuch“ oder „Das Örtliche“ gehörten früher zu jedem Haushalt. Ohne sie ging in Sachen Kommunikation nichts, daher ist es sogar rechtlich geregelt, Pflichtprogramm der Telekom. Das hat sich grundlegend gewandelt. Wenn ab Ende Juni die rund 100 Millionen neuen Telefonbücher verteilt werden, dann wundern sich viele Menschen darüber. Viele Bücher landen direkt im Altpapier oder liegen wochenlang im Treppenhaus. Überflüssige Mühe?

„Das ist ein Irrtum“, sagt Geschäftsführer Hünemohr, „denn die Nutzung ist relativ stabil“. Das kann er mit Zahlen belegen. Insgesamt geht die Auflage zurück. Aber fast zwei Drittel der Haushalte in Deutschland bekommen noch ein Telefonbuch und rund 60 Prozent der Menschen greifen regelmäßig zu einem der gedruckten Verzeichnisse, so eine Studie des Verbandes Deutscher Auskunfts- und Verzeichnismedien (VDAV). Damit schlägt das alte Medium die modernen Neuen. Vor allem ältere Nutzer mögen Telefonbücher. Auffällig auch: Sie werden vor allem dann zu Rate gezogen, wenn es um größere Projekte beispielsweise die Suche nach Handwerkern geht. Auch wer ein Taxi braucht, nimmt gerne das Telefonbuch.

Greven beobachtet eine sehr stabile Nutzung und hohe Kundenloyalität. Das hilft Hünemohr, wenn er seine rund 30 000 Kunden überzeugen muss, weiter dort zu werben. Das traditionelle Branchenbuch lebt. Gemessen wird das mit besonderen Telefonnummern, die in den Büchern angegeben werden und unauffällig zählen, wie viele Kontakte auf diesem Weg zustande gekommen sind. Auch wenn viele kein Telefonbuch mehr wollen. Für eine generelle Abschaffung plädierten in einer Umfrage des Meinungsforschungsportals yougov nur knapp ein Viertel der Befragten. Die Deutschen denken offenbar noch sehr analog.

Dennoch ist dem Traditionsunternehmen vollkommen klar, dass die Zukunft den digitalen Medien gehört. Auch hier sprechen Zahlen eine deutliche Sprache. Immer mehr Menschen nutzen den PC, Apps und das Smartphone. „Der Trend ist ungebrochen“, sagt Hünemohr. Wenn der Verlag seine Existenz bewahren und die Arbeitsplätze seiner rund 140 Mitarbeitern sichern will, muss er sich neu erfinden. Das Vehikel dafür sind die bekannten Marken „Das Örtliche“ oder „Gelbe Seiten“. Seit 1997 gibt es sie im Internet, seit 2009 auch als App. 2739 Visits pro Stunde verzeichnet der Verlag auf seinen digitalen Verzeichnissen, über 24 Millionen im Jahr. Das sind gute Zahlen, aber noch kein Geschäft.

Die Daten für die Verzeichnisse liefert traditionell die Telekom, der Greven-Verlag ergänzt und berichtigt. Die Telefonbuchverlage leben indes von der Werbung, die sie in den Verzeichnissen platzieren. Im Internet ist dieses Geschäft viel schwieriger und anspruchsvoller als in der Welt der gedruckten Medien. Greven hat sich entschlossen, auch in Zukunft das zu tun, was es am besten kann. Bei rund 30 000 kleinen und mittleren Unternehmen aus rund 3000 Branchen in der Region hat das Unternehmen gewachsene Kundenbeziehungen. Auf dieser Basis geht es weiter, aber mit einem veränderten und sehr viel breiteren Angebot. Greven wandelt sein Verlagsgeschäft nach und nach in das einer Agentur um, die Kunden bei allen Werbeformen unterstützt, auch und vor allem im Internet. Hünemohr ist sich sicher, dass im lokalen Geschäft die Zukunft liegt.

„Ein Konzern wie Google schafft die letzte Meile zum Kunden nicht“, sagt der Geschäftsführer. Dafür kauft das Unternehmen Kompetenz hinzu, wie die Düsseldorfer Agentur TWT, oder es beteiligt sich an Portalen wie billiger.de oder auskunft.de. Das Telefonbuch wird es noch geben, solange es Nachfrage gibt, ist sich Hünemohr sicher. Aber daneben muss er sich ständig neue Dinge einfallen lassen. Nächstes Projekt ist eine digitale Anwendung, die Einzelhändlern Kunden in die Läden bringen soll, wenn sie an der Ladentür vorbeikommen. Wenn es klappt, ein neues Geschäftsmodell. Wenn nicht, war es einen Versuch wert: Das ist ein ziemliches Stück weit entfernt vom Telefonbuch, aber immerhin spielen Telefonnummern noch eine Rolle.