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Verkehr: Wettbewerber setzen Bahn im Nahverkehr zu

Verkehr : Wettbewerber setzen Bahn im Nahverkehr zu

Go Ahead und Abellio ergattern in vielen Bundesländern wichtige Aufträge. Der Marktanteil der Deutschen Bahn sinkt.

Der Juli war kein guter Monat für die Deutsche Bahn (DB). Vergangene Woche besiegelten in Stuttgart Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Herrmann sowie die britischen und niederländischen Bahn-Wettbewerber Go Ahead und Abellio, dass der Nahverkehr in Stuttgart ab 2019 mit fast 15 Millionen Zugkilometern von den privaten Firmen besorgt wird. Die börsennotierte Go Ahead ist in Großbritannien eine Größe.

Mit 26.000 Mitarbeitern befördert das Unternehmen mit den Ablegern Southeastern, Govia Thameslink Railway sowie London Midland dort rund 30 Prozent aller Bahnreisenden. Zudem betreibt es 4600 Busse, darunter auch die berühmten roten Londoner Doppeldecker. Auch Abellio, eine 2001 gegründete Tochter der niederländischen Staatsbahn, ist in Großbritannien aktiv. Seit 2009 tritt das Unternehmen zudem in Deutschland an.

Fünf Tage zuvor hatte die DB bereits den Kürzeren bei der Vergabe von S-Bahn-Linien im Ruhrgebiet gezogen. Keolis, eine Tochter der französischen Staatsbahn SNCF, übernimmt ab 2019 für zwölf Jahre die Linien S 1 und S 4, Abellio für 15 Jahre die Linien S 2, S 3, S 9, RB 3, RB 40 und RB 41. Das sind immerhin 7,1 Millionen Zugkilometer pro Jahr.

Den Nahverkehr auf der Schiene verliert die Bahn immer öfter an Konkurrenten. Diese Verkehre werden von den Ländern oder dafür zuständigen Verkehrs- oder Zweckverbünden vergeben, die sich über den Wettbewerb freuen. In zum Teil europaweiten Ausschreibungen können sie geringere Kosten, besseren Service oder gar beides durchsetzen. Die blau-weißen Züge von National Express bedienen bereits die Rhein-Wupper-Bahn und den Rhein-Münsterland-Express. Ein Elektronetz in Mittelsachsen ging an Transdev, das Dieselnetz Sachsen-Anhalt an Abellio.

Und die Konkurrenz wird immer schärfer, wie die Bahn in ihrem jetzt vorgelegten Wettbewerbsbericht feststellt. Insgesamt 412 Unternehmen waren im vergangenen Jahr im deutschen Netz unterwegs, elf mehr als 2014. Kein Zufall. Der deutsche Markt für Schienenverkehr ist offen, ebenso der in Großbritannien und Schweden. In anderen EU-Ländern gibt es meist hohe Hürden für Anbieter aus dem Ausland. Und Besserung ist vor 2020 kaum in Sicht.

Angesichts der scharfen Konkurrenz sank der Marktanteil der DB im deutschen Nahverkehr im vergangenen Jahr um zwei Prozentpunkte auf 70,8 Prozent. Und neu ausgeschrieben wurden rund 117 Millionen Zugkilometer. Dabei lag die Gewinnquote von DB Regio bei 53 Prozent der vergebenen Zugkilometer. 2014 betrug die Quote noch 64 Prozent.

Die Auftraggeber in Deutschland würden Barrieren und Betriebsrisiken für die Anbieter senken, so die DB. Es gebe etwa Finanzierungshilfen für die Beschaffung von Fahrzeugen. Teilweise würden die Fahrzeuge vom Auftraggeber gestellt. Auch würden Teilleistungen wie Wartung und Instandhaltung getrennt ausgeschrieben. Wettbewerbsvorteile eines Komplettanbieters gingen da verloren. In NRW rechnet die DB, dass ihr Marktanteil bis 2020 auf unter 50 Prozent sinkt. Hier schlägt auch zu Buche, dass National Express und Abellio im vergangenen Jahr den Zuschlag für den Rhein-Ruhr-Express ab 2018 erhalten hatten.

Die DB bewerbe sich deshalb auch um Teilaufträge und warte etwa die Fahrzeuge von National Express für die Rhein-Wupper-Bahn und den Rhein-Münsterland-Express. Außerdem arbeite die DB an der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Der Verlust von Strecken bedeutet dabei auch, dass weniger Personal benötigt wird. Das wird nicht immer komplett vom neuen Anbieter übernommen.

Unklar ist etwa noch, was mit den 900 DB-Mitarbeitern in Stuttgart passiert. Go Ahead will 300 Mitarbeiter einstellen, Abellio hat den Bedarf von 200 Mitarbeitern signalisiert. Einige Fahrzeuge der Baureihe ET 422 wird die DB an den Verkehrsverbund Rhein-Ruhr verkaufen und bis mindestens 2034 Wartung und Instandhaltung der Züge übernehmen.