Vierjährige Entwicklung: Uni Bonn entwickelt Roboter für Katastrophenfälle

Vierjährige Entwicklung : Uni Bonn entwickelt Roboter für Katastrophenfälle

Die Universität Bonn hat den Roboter "Centauro" vorgestellt, der Werkzeuge bedient und für Unglückseinsätze konzipiert ist. Anstoß für die Entwicklung war vor vier Jahren die Reaktorkatastrophe in Fukushima.

Er kann eine Labortür aufschließen, Rohre anschließen und Stecker verbinden. Auch vor Hammer, Bohrmaschine oder Akkuschrauber macht „Centauro“ nicht halt. Der Roboter kann fast alles, was seine Entwickler für nützlich halten, um nach einem Reaktorunfall oder einem Chemie-Unglück aufzuräumen.

In der Roboterhalle im Informatik-Zentrum der Universität Bonn stellte der Humanoide am Donnerstagmittag zum Abschluss eines vierjährigen Projektes sein Können unter Beweis. Das von Informatik-Professor Sven Behnke koordinierte Projekt mit der RWTH Aachen, der Technische Hilfsdienst GmbH in Karlsruhe und Partnern aus Deutschland, Italien und Schweden war nach dem Reaktor-Unfall im japanischen Fukushima ins Leben gerufen worden. „Damals stellte man fest, wie wenig ferngelenkte Rettungsroboter tatsächlich erst konnten“, berichtete Behnke. Die Geräte hatten nur einen simplen Greifarm und versagten schon auf unebenem Gelände.

Operateur bedient Centauro

Vier Jahre später – und nach der Investition von 4,1 Millionen Euro Fördergeld unter anderem der Europäischen Union – ist die Technik mit Centauro nach Ansicht seiner Experten ein ganzes Stück weiter. Mit seinen Räderbesetzten vier Füßen rollt der Roboter problemlos eine vorbereitete Rampe hinauf, nähert sich vorsichtig einem Zwischenraum und setzt nach gehöriger Erkundung mit 3-D-Laserscanner, Kameras und Sensoren einen Fuß nach dem anderen über eine störende Lücke. Mit den zwei Greifhänden kann er externe Werkzeuge aufnehmen und bedienen. Dabei ist er anders als Industrie-Roboter sehr nachgiebig und legt so bei Bedarf sogar eleganten Hüftschwung aufs Parkett.

Von selbst geht bei Centauro allerdings gar nichts. Hinter einer Wand sitzt der Hauptoperateur Massimiliano Solazzi verkabelt in einem sogenannten Exo-Skelett, das futuristisch wirkt. Dessen Entwicklung sei ebenso teuer gewesen wie der Roboter selbst, berichtet Koordinator Behnke. Über eine Datenbrille sieht Solazzi mit dem Kameraauge von Centauro. In den Fingern spürt er, was der Roboter greift und ob ihm eine Schraube wieder aus der Hand fällt. Experten nennen das Tele-Präsenz.

Allerdings kann er nur den Oberkörper steuern. Die Beine werden mit drei Fußpedalen grob bewegt. Den Rest erledigen entweder Bewegungs-Algorithmen oder weitere Bediener im Hintergrund. Als Centauro für eine Greifaufgabe einen halben Meter zu weit von den Objekten entfernt ist, versagt die Koordination noch vollends.

Vollständige Autonomie ist nicht erwünscht

Vollständige Autonomie sei bei einem solchen System keineswegs erwünscht, betont Behnke. „Die Bediener wollen immer entscheiden, was die Maschine tun soll – entweder im Detail oder in abstrakteren Aufgaben“, sagt er. Von praktischen Einsätzen ist Centauro noch weit entfernt. „Er ist schon ein paar Mal umgefallen. Aufrichten kann er sich dann nicht“, erzählt Tobias Klamt. Der 28-Jährige hat sich für seine Promotion zweieinhalb Jahre mit dem Rettungsroboter befasst und viel dabei gelernt. Bei der Demonstration dauert es eine halbe Stunde, um zwei Aufgaben zu lösen. Im Ernstfall wäre das viel zu langsam. Bei einer Batterieleistung von maximal zwei Stunden käme das Gerät so nicht weit. Es seien allerdings technische Grundlagen geschaffen worden, die in anderen Systemen zum Einsatz kommen werden, resümiert Behnke.

Eine gewerbliche Ausgründung zur wirtschaftlichen Nutzung strebt die Uni Bonn aus dem Projekt nicht an. Bei den Partnern in Italien könne man aber einen Prototypen bestellen, heißt es. Die Kosten liegen zwischen 300.000 und 500.000 Euro ohne die Bedieneinheit. Heimwerker werden demnach allein aus Kostengründen wohl noch einige Zeit den Akkuschrauber nicht via Datenbrille vom Sofa aus bedienen können.

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