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Interview mit Thomas Ogilvie von DHL: „Unbefristete Arbeitsplätze sind die Regel“

Interview mit Thomas Ogilvie von DHL : „Unbefristete Arbeitsplätze sind die Regel“

Thomas Ogilvie ist seit 1. September Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Deutschen Post DHL. Der 41-Jährige ist damit für mehr als 510 000 Menschen weltweit zuständig, die beim Bonner Logistikkonzern arbeiten.

Findet die Post noch genügend Zusteller?

Thomas Ogilvie: Ja, auch wenn dies angesichts der wachsenden Paketmengen natürlich eine Aufgabe darstellt. Für das Weihnachtsgeschäft haben wir alle Möglichkeiten der Personalgewinnung genutzt und mehr als 20 000 Bewerbungen erhalten. Das zeigt: Das Interesse für die Deutsche Post DHL Group als Zusteller zu arbeiten ist ungebrochen, was vor allem daran liegt, dass wir als Arbeitgeber attraktivere Konditionen und Strukturen als unsere Wettbewerber bieten.

Suchen die meisten Bewerber für die Zustellung eine langfristige berufliche Perspektive?

Ogilvie: Ein Teil der Bewerber baut ihre Lebensplanung fest darauf auf. Deshalb haben wir in diesem Jahr auch 7000 Stellen entfristet. Aber natürlich gibt es auch Mitarbeiter, die nach kurzer Zeit feststellen, dass dieser Beruf nicht zu ihnen passt, oder die aus anderen Gründen nur eine Zeit lang für uns arbeiten wollen – wie etwa Studenten in den Semesterferien.

Welchen Stellenwert hat bei der Post die Ausbildung?

Ogilvie: Wir bilden in 31 Berufen aus beziehungsweise bieten duale Studiengänge an. In einigen Ausbildungsgängen haben wir die Zahlen erhöht, weil es Nachwuchsmangel gibt. Das betrifft zum Beispiel Berufskraftfahrer. In der Zustellung bewegen wir uns an der Grenze zwischen einem klassischen Ausbildungsberuf und einem Anlernberuf. Deswegen wollen wir im kommenden Jahr einen neuen Weg gehen. Neben der klassischen Ausbildung zur Fachkraft in Kurier-, Express- und Postdienste bieten wir eine berufsbegleitende Qualifizierung mit einem IHK-Abschluss an.

Die Gewerkschaft hat kritisiert, dass mit dem neuen Weg eine Halbierung der der klassischen Ausbildungsplätze von derzeit 1400 auf rund 750 verbunden ist.

Ogilvie: Das stimmt so nicht. Wir halbieren nicht die Zahl der Ausbildungsplätze, sondern wollen den Bewerbern die Wahl lassen, welchen Weg sie einschlagen. Bis zu 1510 Menschen können sich im kommenden Jahr zwischen beiden Wegen entscheiden. So haben wir oft Bewerber, die etwas älter sind, schon eine andere Ausbildung gemacht haben und deshalb direkt in den Beruf einsteigen wollen.

Ist das deutsche System der Berufsausbildung nicht mehr überall passend?

Ogilvie: Tätigkeitsfelder verändern sich über die Zeit. Ausbildung ist in vielen Berufen essenziell. In anderen Berufen brauchen wir eine größere Pluralität, weil Lebensentwürfe vielfältiger geworden sind. Und im internationalen Vergleich ist das deutsche Ausbildungssystem sicher beispielhaft.

Wie entwickelt sich der Anteil der befristeten Arbeitsverträge in der Zustellung?

Ogilvie: Unbefristete Arbeitsplätze sind die Regel. Je nach Jahreszeit haben wir 80 bis 90 Prozent unbefristete Stellen. Kurzfristige Arbeitsverhältnisse brauchen wir aber auch, um Auftragsspitzen abzufangen. Die anderen Zustelldienste suchen auch Personal. Über langfristige Beschäftigungsverhältnisse können wir uns vom Wettbewerb abheben. Deshalb haben wir den Akzent hier verschoben.

In der Zustellung ist der hohe Krankenstand immer wieder ein Problem. Manchmal bleibt Post liegen Was tun Sie dagegen?

Ogilvie: Wir stellen jeden Tag mehr als 59 Millionen Briefe und über vier Millionen Pakete zu. Die überwältigende Mehrheit der Sendungen kommt am nächsten Tag an, aber es gibt jeden Tag eben auch einige wenige Tausend Briefe oder Pakete, bei denen etwas dazwischenkommt. Gegen Wetterprobleme oder Krankheitsfälle kann man sich nur bedingt wappnen. Dennoch arbeiten wir hier mit einer Fülle von Maßnahmen. Zum Beispiel haben über 60 000 Teilnehmer an Gesundheitsmanagementkursen im Jahr teilgenommen. Außerdem entwickeln wir gerade einen Schuh, der Zusteller vor Unfällen schützt. Das ist gut für unsere Mitarbeiter und gut für die Qualität.

Zusteller bekommen in Zeiten des Internethandels eine immer größere Bedeutung. Müssten sie nicht mehr Geld bekommen?

Ogilvie: Wir zahlen tarifvertraglich geregelte Löhne, deutlich über dem Mindestlohn. Außerdem gibt es Regelungen zu Spesen und leistungsorientierten Prämien. Daher sind unsere Löhne auf einem guten Level. Das gilt auch für unsere Arbeitsbedingungen. Was die Bezahlung betrifft, sind wir Branchenführer. Ich würde es begrüßen, wenn die anderen so viel zahlen wie wir.

Vor zwei Jahren hat die Post 46 DHL Delivery-GmbH-Regionalgesellschaften für Paketzustellung gegründet, um von der niedrigeren Entlohnung des Flächentarifvertrages der Speditions- und Logistikbranche zu profitieren. Wie sieht die Bilanz Ihres Hauses nach zwei Jahren aus?

Ogilvie: Die Delivery GmbHs sind für uns eindeutig ein Erfolgsmodell. In der regionalen Struktur haben wir es geschafft, wettbewerbsfähige Tarifarbeitsplätze zu schaffen. Wir liegen deutlich über dem Mindestlohn, damit die Mitarbeiter ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

Was erwarten Sie von der Tarifrunde, die zu Jahresbeginn für die Post AG ansteht? Die Verdi-Spitze hat ja eine Diskussionsempfehlung von 5,5 Prozent Lohnsteigerung beschlossen.

Ogilvie: Sie verstehen sicher, dass ich mich hierzu nicht detailliert äußern werde. Schließlich beginnen die Verhandlungen ja erst noch. Wir haben weiterhin dauerhafte Rückgänge bei den Briefmengen und im kommenden Jahr sind Preissteigerungen regulatorisch ausgeschlossen. Gleichzeitig arbeiten mehr Menschen für uns als noch vor zwei Jahren und wir haben in den letzten Jahren die Reallöhne deutlich gesteigert. Ich sehe daher nur einen sehr engen Spielraum für die anstehende Lohnrunde etwa in Höhe der aktuellen Inflationsquote.

Die Post engagiert sich seit 2015 mit einer Initiative für Flüchtlinge. Entstehen daraus viele langfristige Arbeitsverhältnisse?

Ogilvie: Wir haben mittlerweile über 600 Flüchtlingen einen festen Arbeitsplatz ermöglicht. Unabhängig davon, was man zuvor erlebt hat: Eine Arbeitsstelle hilft sehr bei der Integration. Aber es gibt auch von unseren Mitarbeitern immer wieder tolle Initiativen, die Flüchtlinge bei der Integration unterstützen.

Bei der Post arbeiten knapp 40 000 Beamte. Sind besondere beamtenrechtliche Vorschriften für ein börsennotiertes Unternehmen ein Problem?

Ogilvie: Wir sind stolz auf unsere Vergangenheit. Der Bund hat die Postreformen mit viel Umsicht gestaltet. Die Beamten sind ein elementarer Bestandteil unseres Arbeitsalltags. Wir haben eine gute Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt für Post und Telekommunikation, was beispielsweise die Umsetzung des Aufstiegs und den Vorruhestand betrifft.

Wie regeln Sie Arbeit aus dem Homeoffice?

Ogilvie: Am Standort Bonn haben wir gerade eine umfangreiche Betriebsvereinbarung für Heimarbeit erneuert.

Gilt noch, dass Heimarbeit der Karriere schadet?

Ogilvie: Wer an 99 Tagen von 100 Tagen zu Hause arbeitet, für den könnte es zum Problem werden. Aber grundsätzlich arbeiten wir ergebnisorientiert. Die reine Präsenz am Arbeitsplatz bedeutet ja nicht automatisch, dass daraus gute Arbeit entsteht.

Nachwuchsführungskräften von heute wird nachgesagt, dass die Karriere gar nicht unbedingt im Mittelpunkt steht. Stimmt das?

Ogilvie: Engagiert ist der Nachwuchs auf jeden Fall wie eh und je. Die Jugend von heute ist da wie die Jugend von gestern. Es gibt aber heute eine größere Erwartung, auch einen eigenen Beitrag leisten zu können. Junge Menschen wollen schneller Verantwortung übernehmen.

Hilft es Ihnen in Ihrer Arbeit als Personalvorstand, dass Sie Psychologie studiert haben?

Ogilvie: Ich glaube nicht, dass ich dadurch grundsätzlich einen Vorteil habe, weil ich Situationen deuten gelernt habe. Das kann man auch durch gesunden Menschenverstand und Erfahrung lernen. Rüstzeug bietet das Studium aber beispielsweise für Fragen, wie man gemeinsam zum Erfolg kommt, und wie Zusammenarbeit funktioniert. Es ist also auch kein Nachteil.