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Millionen Haushalte in NRW betroffen: Umstellung auf neue Erdgas-Sorte kann teuer werden

Millionen Haushalte in NRW betroffen : Umstellung auf neue Erdgas-Sorte kann teuer werden

Millionen Haushalte in Nordrhein-Westfalen müssen ihre Heizgeräte auf eine neue Erdgassorte umstellen lassen. Das kann unter Umständen teuer werden.

In Nord- und Westdeutschland läuft eines der größten Gasinfrastrukturprojekte aller Zeiten an: die Umstellung von niedrig- auf hochkalorisches Erdgas mit höherem Methangehalt. Davon sind nach Auskunft der Bundesnetzagentur vier Millionen Kunden mit 5,5 Millionen Gasgeräten betroffen. Der Löwenanteil entfällt auf NRW: Mehr als die Hälfte der Haushalte und Geräte befinden sich hierzulande – also mehr als zwei Millionen Kunden und knapp drei Millionen Gasgeräte. Nach zehn Jahren Planung wird die Umstellung für weite Teile des Landes nun konkret, vielerorts steht sie innerhalb der nächsten Monate an. Bis 2030 soll die Umstellung abgeschlossen sein.

Welche Haushalte sind betroffen?

Betroffen sind große Teile Nordrhein-Westfalens, darunter die Städte Köln und Bonn. In diesen Regionen soll künftig die andere Gassorte durch die Leitungen strömen. In den Gebieten, in denen die Umstellung erfolgt, sind grundsätzlich alle Gaskunden betroffen – unabhängig von ihrem Lieferanten und unabhängig davon, ob sie zur Miete wohnen oder Eigentümer sind. Die Rheinische Netzgesellschaft Köln rechnet mit 500.000 Gasgeräten. Im Raum Mönchengladbach sind laut NEW Netz rund 100.000 Haushalte (140.000 Geräte) betroffen.

Warum ist die Umstellung notwendig? Bisher verbrennen viele Gasgeräte in NRW niedrigkalorisches Erdgas, das etwa aus den Niederlanden stammt. Dort gehen die Reserven zu Neige, außerdem führt die Förderung des Gases dort zu Schäden. Die Alternative: hochkalorisches Erdgas aus Ländern wie Norwegen und Russland – mit Vorräten für Jahrzehnte. Der Unterschied zwischen den Gassorten: Hochkalorisches Gas (H-Gas) hat einen Methangehalt von bis zu 99 Prozent, niedrigkalorisches Gas (L-Gas) mit maximal 87 Prozent einen niedrigeren Brennwert. Aus Sicherheitsgründen müssen die Geräte deshalb umgestellt werden. Einem Sprecher der Bundesnetzagentur zufolge kommt in manchen L-Gas-Gebieten schon jetzt H-Gas zum Einsatz, dessen Methangehalt durch eine Beimischung verringert wird. Die Kosten dafür sollen eingespart werden – was wiederum die Anpassung der Infrastruktur erzwingt.

Was genau wird verändert – und wie läuft das ab? Die Erdgas-Umstellung hat direkte Folgen für Verbraucher. Sie müssen mindestens zweimal Monteure in ihre Wohnung lassen: Beim ersten Besuch machen diese eine Bestandsaufnahme der Gasverbrauchsgeräte, beim zweiten geht es an die Umrüstung. Konkret muss an jedem einzelnen Gerät eine Düse ausgetauscht werden. Außerdem müssen Techniker die Steuerung der Geräte so anpassen, dass hochkalorisches Gas durchströmen kann und weiterhin das gleiche Brennverhalten gewährleistet ist. Gaskunden werden per Brief vom Netzbetreiber über die Umstellung informiert. Laut Bundesnetzagentur sind in NRW rund 60 Netzbetreiber in die Erdgas-Umstellung involviert. Diese Betreiber wiederum arbeiten eigens für die Umstellung mit Fachunternehmen zusammen, die sich um die Technik kümmern. Die Arbeiten sind vorher europaweit ausgeschrieben worden. Termine werden direkt mit den Bewohnern vereinbart.

Muss man sich selbst um die Umstellung kümmern? Nein. Die Netzbetreiber treten mit ihren Kunden in Kontakt und leiten alles Technische in die Wege. Allerdings sind die Netzbetreiber darauf angewiesen, dass ihre Kunden Termine einhalten und Monteure in die Wohnungen lassen. Die Ersatzteile für die Umrüstung der Geräte besorgen diese in der Regel direkt beim Hersteller.

Welche Kosten kommen auf Gaskunden zu? Teuer kann es für Mieter und Eigentümer werden, die über 30 Jahre alte Gasgeräte nutzen: Für diese gibt es oft keine Ersatzteile, deshalb können sie häufig nicht umgerüstet werden. Gaskunden müssen sie auf eigene Kosten ersetzen. Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass ein bis zwei Prozent aller Geräte nicht umgerüstet werden können. In den meisten Fällen kommen auf Gaskunden direkt jedoch keine zusätzlichen Kosten zu. Die Ersatzteile zahlt der Netzbetreiber. Allerdings werden die Kosten für das gesamte Infrastrukturprojekt auf alle Gaskunden bundesweit umgelegt. Allein in Köln rechnet man bis 2030 mit Kosten von 220 Millionen Euro. Für Verbraucher soll das nur geringe Auswirkungen haben, Gasrechnungen sollen pro Jahr nur um wenige Euro teurer werden. Auch brauchen Verbraucher durch das H-Gas, das einen höheren Brennwert hat und teurer ist, nach Auskunft der Bundesnetzagentur keine Zusatzkosten zu fürchten. „Das H-Gas ist etwa zehn Prozent teurer, allerdings verbrauchen Nutzer auch etwa zehn Prozent weniger“, sagt ein Sprecher.

Was passiert wenn sich Kunden weigern? Wird ein Gasgerät nicht für den Durchstrom der neuen Gassorte angepasst, besteht laut Bundesnetzagentur Gefahr. Die Umstellung ist Pflicht. Wer sich weigert, riskiert, vom Netz getrennt zu werden. Gerichte in Norddeutschland entschieden zuletzt zugunsten der Netzbetreiber.

Wie können sich Kunden vor Betrügern schützen? Wollen Techniker die Umstellung direkt vor Ort in bar abrechnen, deutet das auf Betrug hin. Die Rheinische Netzgesellschaft Köln etwa kooperiert in Sachen Erdgas-Umstellung mit der Polizei, um vorbeugend vor Trickbetrügern zu schützen. So erhalten Kunden zum Terminschreiben für die technische Umrüstung ihrer Gasgeräte einen PIN-Code, mit dem sich der Monteur jedes Mal vor Ort authentifizieren muss.