Verkehrskongress in Bonn: Theoretisch schlimm, praktisch noch weit weg

Verkehrskongress in Bonn : Theoretisch schlimm, praktisch noch weit weg

Trotz Studien sorgt sich die Logistikbranche wenig um Grenzschließungen in Europa. Theoretisch könnte die Abschaffung des freien Handels jedoch Folgen haben.

Es sind nicht mal zehn Minuten in mehr als zwei Stunden Diskussion. Fast weniger. Es geht um Europäische Verkehrspolitik – sicher ein weites Feld mit vielen Defiziten und Ärgernissen für die Logistikbranche. Dennoch überrascht die Intensität, mit der Argumente bei Themen wie Maut und Finanzierung der Infrastruktur ausgetauscht werden. Vergleichsweise nüchtern und in Rekordzeit dagegen handeln die Anwesenden die in den letzten Wochen intensiv diskutierten Grenzschließungen in Europa ab.

Gekommen sind die Entscheider der Logistwirtschaft aus Deutschland, Österreich und auch den Niederlanden. Auf dem Podium sitzt auch Franz Glanz, Geschäftsführer des Cargo Center in Graz. Sein logistisches Dienstleistungszentrum liegt nur wenige Kilometer von der Grenze zu Slowenien entfernt. Nicht weit entfernt stehen Zelte für etwa 1200 Flüchtlinge, wie Glanz erzählt. Aber Probleme weil Österreich derzeit wieder Grenzkontrollen durchführt, sieht er keine.

Theoretisch könnte die Abschaffung des freien Handels in Europa jedoch Folgen haben. Zu diesem Ergebnis kommen mittlerweile gleich mehrere Studien. Die Europäische Union, die Bertelsmannstiftung und zuletzt vergangene Woche das Ifo-Institut legen konkrete Zahlen vor. Wirtschaftswachstum und Wohlstand könnten demnach massiv leiden.

Die EU-Kommission beziffert die Rückschläge der europäischen Wirtschaft auf bis zu 18 Milliarden Euro pro Jahr, würden dauerhaft Grenzkontrollen in den 28 Mitgliedsstaaten eingeführt. Auch die Bertelsmannstiftung bescheinigt erhebliche Verluste: Wachstumsdefizite in Höhe von 77 Milliarden Euro allein für Deutschland bis 2025, für die EU insgesamt 470 Milliarden im selben Zeitraum.

Doch das Podium will sich mit dem Thema am Freitagmorgen im Rheinhotel Dreesen in Bad Godesberg nicht intensiver auseinandersetzen. „Nein, ich glaube nicht, dass das Wirklichkeit wird“, schüttelt der Niederländer Mark Dijk den Kopf. Er gehört dem Management des Hafens in Rotterdam an. „Wir sollten die erfolgreiche Zusammenarbeit mit offenen Grenzen in Europa nicht aufgeben“, fordert er auf.

Die Gelassenheit ist nicht ganz neu. Bereits Post-Chef Frank Appel war bei der Vorlage des Jahresberichts vergangene Woche ebenfalls entspannt, als es um das Thema Grenzkontrollen ging.

Nur Frank Schmid, Inhaber der Beratungsfirma Schmid Mobility Solutions am Niederrhein, wird an diesem Freitagvormittag etwas konkreter und nennt die Gefahren beim Namen: Es gebe an den Grenzen keine Verkehrsanlagen mehr, die die Kontrollen stemmen könnten. Das bedeute, es entstünden lange Staus. Diese wiederum wirkten sich auf die Lenk- und Ruhezeiten der Lkw-Fahrer aus: „Und wenn der Fahrer nach nur zwei Stunden Fahrtzeit wieder im Stau an der Grenze steht, verlängern sich die Fahrtzeiten.“ Das beeinflusse letztendlich auch die Fertigungsprozesse.

Warum an diesem Vormittag andere Themen wesentlich emotionaler angegangen werden, versucht ein Teilnehmer zu erklären: „Es ist ja noch nicht so weit, dass Deutschland Grenzen schließt.“

Allein zwischen den Niederlanden, Deutschland, Österreich und Polen sind laut Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg jährlich insgesamt 13,5 Millionen Lkw unterwegs. Knapp 60 Prozent des deutschen Außenhandels entfallen demnach auf Europa. 80 Prozent davon würden mit dem Lkw befördert. Der Veranstalter des Kongresses in Bonn – die Union europäischer Industrie- und Handelskammern (UECC) – fordert natürlich, dass die innereuropäischen Grenzen offen bleiben müssen.

In seiner Begrüßung widmet sich der Präsident der Vereinigung, Christian Moser, aber auch lieber anderen Themen. Er betont, wie unzufrieden die Unternehmer in Europa mit der Verkehrsinfrastruktur, vor allem auf der Straße, seien. Es seien vor allem unterschiedliche Mautsysteme, Lenkzeiten und Sicherheitsstandards, die der Wirtschaft zu schaffen machten. „Wir brauchen mehr Europa“, sagt der Präsident der UECC, der aktuell rund 60 Kammern aus Deutschland, Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Rumänien und der Schweiz angehören.

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