Unternehmen tarent programmiert den Einkaufswagen: Software aus Bonn für den Einkauf der Zukunft

Unternehmen tarent programmiert den Einkaufswagen : Software aus Bonn für den Einkauf der Zukunft

Das Bonner Unternehmen tarent solutions hat eine Handy-App entwickelt, mit der Kunden im Laden Ware selber scannen und bezahlen können. Die Software soll bald bei Knauber zum Einsatz kommen.

Wenn es nach den Entwicklern des Bonner Softwarehauses tarent solutions geht, sieht der Einkauf der Zukunft so aus: Der Kunde gibt den Einkaufszettel zu Hause in sein Smartphone ein. Eine App des Supermarkts errechnet für ihn den günstigsten Weg durch die Gänge und lotst ihn vor Ort von Produkt zu Produkt.

Die Waren scannt der Nutzer entweder mit seinem Handy oder mit einem am Einkaufswagen angebrachten Minicomputer. Nähert er sich dem Ausgang, liefert ihm sein Handy die Rechnung, die er mit einem Tastendruck bezahlt. Anstehen an der Kasse: von gestern.

„Noch vor zwei bis drei Jahren war so eine Technologie für den deutschen Einzelhandel reine Zukunftsmusik“, sagt Sebastian Mancke, technologischer Leiter der tarent solutions GmbH. „Aber die aggressiven Pläne des US-Konzerns Amazon im digitalen Handel haben alle aufgeschreckt.“ So testet nun eine große deutsche Handelskette in einigen osteuropäischen Filialen die Einkaufs-App von tarent.

Digitalisierter Einkauf

Und auch in Bonn kommt der Handy-Einkauf im Laden: Ende dieses Jahres startet die regionale Baumarktkette Knauber den digitalen Testlauf mit tarent. Schrittweise soll die Knauber-Kundenkarte mehr Funktionen erhalten, noch im kommenden Jahr wollen die Bonner ihren Kunden in der App eine Navi-Funktion für die Endenicher Hauptfiliale und auf Wunsch auch eine Zahlung per Handy anbieten. „Als mittelständisches Familienunternehmen müssen wir uns mit mehr Service von den großen Ketten abheben“, sagt Knauber-IT-Chef Hasan Cürük. „Was wir mit der Einkaufs-App ausprobieren, ist im deutschen Einzelhandel komplett neu.“

Bei tarent tüfteln Entwickler an der Software für den digitalisierten Einkauf im Laden seit Jahren. „Für den Einzelhandel ist das System interessant, weil er mit weniger Kassen Ladenfläche spart und Kassen außerdem sehr teuer sind“, sagt Stefan Barth, der tarent gemeinsam mit drei weiteren Geschäftsführern leitet.

Außerdem erhalte der Einzelhändler durch den Gebrauch der App wertvolle Informationen über den Weg der Kunden durch den Laden und wie viel Zeit sie an welchen Regalen verbringen. „Bisher müssen zur Marktforschung oft noch Studenten mit Block und Stift die Kunden in den Filialen beobachten“, sagt Barth. Anonyme Käufe seien mit der Bezahl-App nicht möglich, räumt er ein. Aber auch heute schon hinterließen Käufer beim Online-Shopping und bei elektronischen Zahlungen jede Menge Daten.

Programmierer gesucht

Auch Entwickler Mancke glaubt, dass die Vorteile für den Kunden größer seien als dessen Datenschutzbedenken. Schlangen vor der Kasse gehörten zu den größten Ärgernissen beim Einkauf, sagt er. „Außerdem wollen viele Leute ohne persönliche Interaktion einkaufen“ – lieber ein Tastendruck als ein Plausch mit der Kassiererin. Die Tests in Osteuropa bestätigten diese Theorie, so Mancke. „Wir sehen, dass immer mehr Kunden dort unsere App herunterladen.“Neben der Einkaufs-App bietet tarent weitere Software für den Einzelhandel und andere Branchen an – unter anderem ein Programm, mit dem die Preise der Konkurrenz beobachtet werden können. Grundlage der Programme ist frei verfügbare sogenannte Open-Source-Software.

Das Unternehmen musste sich etwas Neues einfallen lassen, als 2013 sein Hauptkunde wegbrach: Nachdem die Mitentwicklung des E-Postbriefs für die Post lange Zeit Hauptumsatzbringer der tarent war, änderte sich dies nach strategischen Entscheidungen des Konzerns 2013 unvermittelt. Der E-Postbrief erwies sich als wenig erfolgreich. „Das war ein schwerer Schlag, wir mussten jede zehnte Stelle streichen“, erinnert sich Geschäftsführer Barth. Heute ist die Krise längst überwunden. Tarent suche händeringend Programmierer, sagt er. Die Belegschaft sei in diesem Jahr um 20 Mitarbeiter auf 172 gewachsen, davon arbeiten 155 in Bonn. Sie erwirtschaften einen Jahresumsatz von rund 16 Millionen Euro.

Die Zukunft sehen die Bonner unter anderem in der Entwicklung neuer digitaler Bezahlsysteme, bei denen die Nutzer die hohen Gebühren von Diensten wie Paypal oder bei Kreditkarten sparen können. Ein weiteres Problem beschäftigt die Programmierer: die „Inventurdifferenz“, wie Einzelhändler Ladendiebstahl bezeichnen. „Auch bei Einsatz der App muss der Händler den Ladenausgang im Blick behalten“, meint Mancke. Doch die Entwickler sammeln bereits Erfahrungswerte, um Diebe zu überführen. „Wenn sich aus den Daten ergibt, dass jemand viel Zeit am Alkoholregal verbringt und am Ende nur eine Packung Kaugummi kauft, sollte das misstrauisch machen.“