Steigende Übernachtungszahlen: So sehen chinesische Besucher Bonn

Steigende Übernachtungszahlen : So sehen chinesische Besucher Bonn

Die deutsche Tourismusindustrie setzt auf Reisende aus China. In der Region ist die Zahl der Übernachtungen um 54 Prozent gestiegen.

Der Zeitplan für den Bonn-Besuch ist voll: erst ins Haus der Geschichte, dann ins ehemalige Regierungsviertel und zur Krönung noch in Beethovens Geburtshaus. Lin Ping und Luo Jilian aus Schanghai haben genau einen Tag für die Stadt eingeplant – und den wollen sie voll nutzen. Der Komponist gehört dabei für das Paar aus Schanghai zum Pflichtprogramm. „Wir hören in China sehr oft Musik von Beethoven“, sagt die 51-Jährige. Das Stück „Für Elise“ – „so gefühlvoll!“. Und die tragische Krankheitsgeschichte des großen Komponisten – „ein echtes Drama.“ Rund 6300 Chinesen haben allein 2017 das Beethoven-Haus besichtigt, sie machen sieben Prozent aller Besucher aus.

Das Paar aus der Millionenmetropole gehört zu den neuen chinesischen Touristen, die eine auch wirtschaftliche immer bedeutsamere Gruppe bilden. Mit asiatischen Reisegruppen, die in möglichst wenigen Tagen durch möglichst viele Länder Europas geschleust werden, haben sie wenig gemeinsam. Zwei Monate lang sind Frau Lin und Herr Luo durch Deutschland gereist. Bonn gefalle ihnen besser als Köln – „hier ist es authentischer, nicht so touristisch“ sagt Lin Ping in fließendem Englisch.

Die wachsende Zahl von Individualtouristen aus dem Riesenreich mit knapp 1,4 Milliarden Einwohnern gilt der deutschen Tourismusbranche als Hoffnungsträger. „Als Zukunftsmarkt für unsere Region sehen wir China ganz oben“, heißt es bei der Tourismus & Congress GmbH Region Bonn/ Rhein-Sieg/Ahrweiler (T&C). Neben den städtischen Sehenswürdigkeiten will man die Besucher aus Asien mit dem „romantischen Rheintal mit Siebengebirge, Drachenfels und Rolandsbogen“ locken. Offenbar mit Erfolg: Die Zahl der Gästeübernachtungen von Chinesen ist laut T&C 2017 um fast 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf rund 27.000 gestiegen. Insgesamt kletterte die Zahl der Übernachtungen in der Stadt lediglich um 3,7 Prozent.

Die Chinesen sind eine lukrative Zielgruppe: Nach Angaben der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) gaben sie 2015 im Schnitt 448 Euro pro Reisetag in Deutschland aus. „Eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Chinesen ist das Shopping“, heißt es bei der DZT. „Das meiste Geld geben sie für Schmuck, Uhren, Mode und Textilien aus.“

Hohe Ausgaben

Bevorzugt tragen die Urlaubsmitbringsel das Logo von Luxusmarken. Nach Einschätzung von Unternehmensberater Alexander Glos geben chinesische Reisende in Europa rund 3000 Euro allein für Einkäufe aus. Der Amerikaner betreibt mit seiner Agentur i2i group nach eigenen Angaben in China den größten Verlag für Reisemagazine und veranstaltet unter anderem Kongresse, die europäische Tourismusanbieter auf die Kundschaft aus Fernost vorbereiten sollen. Für ihn ist Tourismus ein Vorreiter für stärkere wirtschaftliche Bindungen zwischen Deutschland und China. Viele Asiaten verknüpften einen Messebesuch in Deutschland mit einigen Tagen Urlaub, sagt der Experte. „Es muss nicht immer die Reise im Familienkreis sein, Chinesen haben eine sehr enge Bindung zu ihren Kollegen und verreisen oft gemeinsam mit ihnen.“

Glos warnt die deutschen Anbieter davor, China als einen homogenen Markt misszuverstehen. „Die Zielgruppen sind extrem unterschiedlich“, sagt der in China lebende Amerikaner. „Es gibt die Gruppenreisenden, aber auch eine neue Mittelschicht die internationale Reisen aus ihren Jobs kennen und vor Ort vor allem authentische Erlebnisse und auch Kontakt zu den Einheimischen suchen.“ Reisen entwickelten sich in Asien zunehmend zu Statussymbolen. So würden in China Reisen in die Antarktis – Kostenpunkt: rund 20 000 Euro – unter den wohlhabenden Bevölkerungsgruppen immer beliebter. „Die Bilder von dem Trip werden dann in den sozialen Medien verbreitet“, sagt Glos.

Wachsende Reiselust

Der Experte sieht die wachsende Reiselust der Chinesen als Anfang einer Entwicklung, die nur durch eine schwere Wirtschaftskrise aufgehalten werden könnte. Bisher hätten nur drei Prozent der Chinesen überhaupt einen Reisepass, sagt er. „Das wird noch deutlich mehr werden.“ Die chinesische Regierung habe bereits die Urlaubsregelungen so verändert, dass sich Reisende aus Fernost nicht mehr nur an Feiertagen wie dem chinesischen Neujahrsfest geballt auf Tour begeben, sondern sich die Trips auf das ganze Jahr verteilen.

Für Lin Ping und Luo Jinlian steht nach zwei Monaten in Deutschland fest: „Am schönsten ist es in Bacharach.“ Dort suchte das Paar nicht nach Gucci und Chanel, sondern nach urigen Gassen und malerischen Weinbergen. Gemütlich sei es dort gewesen – wie in Bonn.

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