37. Wirtschaftstalk in Bonn: So schwierig ist die Nachfolge in einem Familienunternehmen

37. Wirtschaftstalk in Bonn : So schwierig ist die Nachfolge in einem Familienunternehmen

Beim 37. Wirtschaftstalk in Bonn diskutierten die Teilnehmer, was zu berücksichtigen ist, wenn Chefs von Familienunternehmen in die Jahre kommen und die Übergabe an einen Nachfolger naht.

In rund 150.000 familiengeführten Unternehmen steht in Deutschland in naher Zukunft der Generationswechsel an. Allein in Nordrhein-Westfalen sind es mehr als 32.000.

Die Zahlen stammen vom Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn, sie beziehen sich auf den Zeitraum 2018 bis 2022.

Welche Fragen sich für den Unternehmer daraus ergeben, welche Überlegungen er anstellen sollte, darüber diskutierten am Mittwochabend beim „Wirtschaftstalk“ in der Bundeskunsthalle Stefan Hagen, Präsident der Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg, Rainer Virnich, Vorstandsmitglied der Sparkasse Köln-Bonn, der Geschäftsführer der Intes-Akademie für Familienunternehmen, Dominik von Au, sowie Marco Westphal, Geschäftsführer der Stadtwerke Bonn (SWB).

„Als Eltern wünscht man sich, dass die Kinder das Familienunternehmen weiterführen“, sagte von Au, wobei auch deutlich wurde: Selbstverständlich ist die Übergabe an den Sohn oder die Tochter heute nicht mehr. Hagen betonte: „Die Veräußerung des Unternehmens muss auch eine Option sein.“

Kinder müssen nicht in die Fußstapfen der Eltern treten

Die Intes-Akademie in Bad Godesberg, die Teil der PricewaterhouseCoopers-Gruppe (PwC) ist, berät ebenso wie die IHK Firmen, die aus Altersgründen die Übergabe vorbereiten. Als Alternative, wenn die eigenen Kinder nicht in die Geschäftsführung eintreten wollen, gibt es das Modell des angestellten Geschäftsführers, während die Familie als Gesellschafter am Unternehmen beteiligt bleibt.

„Ich habe meinen Kindern immer gesagt: Wo liegen eure Interessen, wofür schlägt euer Herzblut, wo liegen eure Talente?“, berichtete Hagen, der ein Consultingunternehmen in Siegburg betreibt und in den kommenden Jahren selbst an die Nachfolge denken muss.

Moderatorin Nathalie Bergdoll hatte die Diskutanten zu Beginn nach ihrem Alter und ihrer eigenen Lebenssituation befragt. Der IHK-Präsident machte mit seiner Antwort deutlich: Seine Generation, die Babyboomer, erwartet nicht mehr, dass die Kinder in die eigenen Fußstapfen treten.

Prominentes Beispiel für ein Unternehmen, in dem die Familie als Gesellschafter und nicht als Geschäftsführer wirkt, ist der BMW-Konzern. „Die Familien Quandt und Klatten waren nie aktiv im Unternehmen“, sagte Hagen. Leichter wird es mit einer solchen Gesellschafterstruktur aber nicht.

Der jungen Generation sei zu raten: „Ihr müsst eurer Verantwortung als Gesellschafter nachkommen. Das ist die wichtigste Aufgabe des Nachfolgers“, erklärte von Au. Sehr häufig scheitere eine Firma, weil es in Inhaberfamilien zu Streit gekommen sei. „Die Nachfolge zu regeln ist hoch komplex, es geht um viel: Vermögen, Macht, Geld, Liebe, um alles“, sagte von Au.

Neben der Frage, wie das Unternehmen künftig strukturiert wird, müsse der „Familiencodex“ festgelegt werden. Von Au versteht darunter, wie das Erbe in der Zukunft geregelt wird: Soll nur in der Blutslinie vererbt werden oder sind auch angeheiratete Familienmitglieder zu berücksichtigen?

„Bonitätsmerkmal“

Sparkassen-Vorstand Virnich empfahl, dass ein „williger Nachfolger“, so es ihn denn gebe, eine Zeit lang mit dem bisherigen Inhaber die Geschäfte parallel führt, um richtig eingearbeitet zu werden.

Andernfalls könne ihm die Geschäftsführung einer Gesellschaft im Ausland überantwortet werden, sagte von Au. Auf jeden Fall ist für die Sparkasse die Nachfolgefrage auch ein Bonitätsmerkmal: „Wir sind Kreditgeber, wir wollen das Unternehmen auch weiter begleiten“, sagte Virnich.

Der Generationsübergang findet aber nicht nur in der Geschäftsführung statt. Auch die Belegschaft altert. Westphal berichtete, dass bei den Stadtwerken in den kommenden zehn Jahren ein Drittel der Belegschaft in den Ruhestand tritt.

Ob alle frei werdenden Stellen nachbesetzt würden, sei nicht nur eine Frage des Arbeitskräfteangebots: Möglicherweise entfielen Jobs auch durch die Digitalisierung.

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