Rechenzentren-Bauer: Sankt Augustiner Firma Prior1 erstellt Gemeinwohlbilanz

Rechenzentren-Bauer : Sankt Augustiner Firma Prior1 erstellt Gemeinwohlbilanz

Der Sankt Augustiner Rechenzentren-Bauer Prior1 untersucht die Auswirkung der Geschäftstätigkeit aufs Gemeinwohl. Wir stellen Prior1 vor.

An der Pinnwand im Flur des Sankt Augustiner Unternehmens Prior1 hängen Fotos vom globalen Klimastreik im September. "Entrepreneurs for Future" steht auf dem Schild, das ein junger Mann in Bremen trägt. "Eine faire Wirtschaft ist möglich", heißt es auf einem Transparent in Köln. Andere Bilder zeigen Demonstranten in Siegburg und Freising. Die Angestellten von Stefan Maier hätten an diesem Freitag auch in ihren Büros arbeiten können. Brauchten sie aber nicht. "Wir haben es allen Mitarbeitern freigestellt, ob sie sich während der Arbeitszeit an den Streiks beteiligten wollen", sagt Maier.

Für den Mitbegründer und -gesellschafter des mittelständischen Rechenzentrum-Bauers ist der Klimaprotest kein Freizeitvergnügen. "Ich finde es wichtig, dass jeder die Möglichkeit bekommt, sich zu engagieren", sagt er. Maier hat für seinen mittelständischen Betrieb, den er gemeinsam mit Ralph Stadler 2005 gegründet hat, einen eher ungewöhnlichen Weg gewählt: Prior1 richtet seine Geschäftstätigkeit nicht nur nach Gewinn und Umsatz aus, sondern will auch für das Gemeinwohl einen Mehrwert schaffen. Dabei soll es nicht um Lippenbekenntnisse gehen: "Greenwashing ist mir ein Horror", sagt Maier. Die Anstrengungen, als Unternehmen möglichst ökologisch und sozial zu wirtschaften, hat er daher von einem externen Auditor überprüfen und in Zahlen festhalten lassen.

Gemeinwohl-Bilanz heißt das Dokument, das von Höchst- und Mindestverdiensten der Mitarbeiter über die Verlegung von Konten und Krediten zu ethisch orientierten Banken bis hin zu als Kompensation für CO2-Ausstoß gepflanzten Bäumen einen detaillierten Einblick in die Geschäftstätigkeit des Mittelständlers gibt. Zum Gesamtpaket gehört auch, dass Prior1-Mitarbeiter mit Anspruch auf einen Dienstwagen eine Jahreskarte der Bahn erster Klasse erhalten, wenn sie auf das Auto verzichten. Eine Mitarbeiterin bildet sich während der Arbeitszeit als eherenamtliche Hospiz-Begleiterin fort. Die Gemeinwohl-Bilanz bewertet über eine Matrix Einzelpunkte von der "Menschenwürde in der Zulieferkette" bis hin zur "Reduktion ökologischer Auswirkungen". Ende 2018 hat Prior1 erstmals Bilanz gezogen. Dabei stellte sich heraus: Vor allem bei Vorleistungen durch Lieferanten sei es schwer, die eigenen Ansprüche in die Praxis umzusetzen, so Maier. Nach zwei Jahren soll der Einfluss des Mittelständlers auf das Gemeinwohl erneut ermittelt werden.

Als Vertreter der Bau- und Technologiebranche ist Prior1 dabei ein echter Exot. Bisher sind es vor allem Firmen aus der Bio-Branche, Organisationen oder Kommunen, die eine Gemeinwohl-Bilanz für sich aufgestellt haben. Das Unternehmen mit 60 Mitarbeitern an vier Standorten bundesweit baut Räume für Rechenzentren oder richtet bestehende Gebäude dafür ein. Das "Zuhause für die IT", wie Maier es nennt, verlangt besondere Rahmenbedingungen: die Stromzufuhr muss durch Batterien und Generatoren jederzeit gesichert sein, die Rechner müssen ständig gekühlt werden und die Räume gegen Zutritt von Eindringlingen gesichert sein.

Dass die energieintensiven Rechenzentren unter ökologischen Aspekten betrachtet zu den eher bedenklichen Wirtschaftszweigen zählen, sieht Maier nicht als Widerspruch zu seinem Engagement. Im Gegenteil: "Bei uns ist der Hebel viel größer als bei einem Bio-Bauern, der ohnehin schon komplett nachhaltig wirtschaftet", sagt der Unternehmer. Wenn er Kunden vom Einbau einer effizienteren Klimaanlage überzeugen könne, habe das einen besonders großen Umwelt-Einfluss.

Die Digitalisierung treibt die Nachfrage in die Höhe: Innerhalb weniger Jahre ist der Jahresumsatz von Prior1 auf rund zwölf Millionen Euro gestiegen. Diese Summe will Maier bis 2024 verdoppeln.

"Wir müssen und wollen schließlich Geld verdienen", sagt er. Dem Vorurteil, dass eine ethische Unternehmensausrichtung deutlich zu Lasten der Gewinne gehe, widerspricht Maier vehement. Trotz Fachkräftemangels könne sein Unternehmen auf teure Headhunter verzichten: "Wir bekommen ausreichend Initiativbewerbungen", sagt Prokuristin Anja Zschäck, die für die Gemeinwohl-Bilanz im Unternehmen maßgeblich zuständig ist. Der Krankenstand liege deutlich unter dem Durchschnitt.

Nachdem er in den Anfangsjahren von anderen Unternehmern oft belächelt worden sei, hätten die Sankt Augustiner jetzt sogar schon einen Großauftrag aufgrund der Gemeinwohl-Bilanz verzeichnet. "In Zeiten der Fridays-for-Future-Bewegung hat sich das gesellschaftliche Klima deutlich gewandelt", sagt Maier. Heute interessierten sich zunehmend andere Unternehmer für seinen Weg. Als Marketing-Instrument will er seine Bemühungen um Nachhaltigkeit jedoch keinesfalls missverstanden sehen. "Die Inhaber und die Mitarbeiter müssen von der Sache überzeugt sein, sonst fehlt einfach die Glaubwürdigkeit", sagt er.

Für Maier ist die Ausrichtung auf das Gemeinwohl ein Prozess, der sich auch durch sein persönliches Berufsleben zieht. Als gelernter Gärtner sei er durch eine Wette im Vertrieb des Schraubenkonzerns Würth gelandet, erzählt er. Ein Freund habe nicht glauben wollen, dass er sich dort bewerbe und auch angenommen werde.

Die Wette hatte Maier gewonnen. Bald störte ihn im Großunternehmen der "menschliche Umgang", wie er sagt. Maier kündigte und wechselte in den Vertrieb eines Rechenzentren-Entwicklers, von wo aus er im Jahr 2005 mit Geschäftspartner Stadler in Siegburg den Schritt in die Selbstständigkeit wagte.

Derzeit baut Prior1 im Westerwald eine eigene Produktionshalle, wo Sicherheitsschränke für IT-Anlagen gebaut werden sollen. Das Grundstück ist doppelt so groß wie benötigt - neben der Halle soll eine Blumenwiese entstehen.