Training für Manager in Eitorf: Rusty zeigt dem Chef, wo es langgeht

Training für Manager in Eitorf : Rusty zeigt dem Chef, wo es langgeht

Die Eitorferin Gudrun Schönhofer-Hofmann bietet Manager-Seminare mit Pferden an. Nicht nur in der Reithalle zählen klare Ziele und Ansagen.

Er ist der Albtraum eines jeden Vorgesetzten: Rusty ignoriert freundliche Aufforderungen grundsätzlich, quittiert Befehle mit einem missmutigen Gesichtsausdruck, und sobald man ihm den Rücken zuwendet, nutzt er die Gelegenheit für Unsinn. Auf übertriebene Machtdemonstrationen reagiert er gerne mit einem Biss in den Ärmel des Störenfrieds.

Trotzdem ist Rusty einer der besten Mitarbeiter der Eitorferin Gudrun Schönhofer-Hofmann. Denn der siebenjährige Appaloosa-Wallach zeigt den Teilnehmern ihres „pferdegestützen Manager-Coachings“ wie kein anderer, was Führung ausmacht.

In Tageskursen lassen sich auf dem Paulinenhof bei Alzenbach Chefs ein bisschen vom Pferd erzählen, aber vor allem vom Tier den Spiegel vorhalten. „Es wird bei den Kursen nicht viel geredet und analysiert“, sagt Schönhofer-Hofmann. Die meisten Erkenntnisse ziehen die Teilnehmer aus ihren Erlebnissen im ganz konkreten Umgang mit dem Pferd.“

Das sei auch der wichtigste Unterschied zu herkömmlichen Coachings: „Gerade Führungskräfte können Erkenntnisse aus dem Umgang mit den Tieren oft viel besser annehmen als Ratschläge eines Coaches“, meint die 48-Jährige. „Oft sind es auch sehr persönliche Gefühle, die durch die Reaktion der Pferde bei den Menschen hervorgerufen werden“, hat sie festgestellt. „Das behält dann jeder für sich.“

Der Tag mit Rusty und seinen vierbeinigen Co-Trainern beginnt in aller Ruhe. Die Kursteilnehmer holen die Pferde aus ihrer Box und machen sich mit den – für die meisten ungewohnten – Tieren vertraut. Noch ahnt niemand, dass schon sehr bald Führungskompetenzen gefragt sind. In der Reithalle sollen die Kursteilnehmer die mit Halfter und Strick ausgerüsteten Pferde durch einen einfachen Parcours aus Pylonen führen. „Braver Rusty, komm mit“, lockt Wolfgang, Mitte 50, selbstständiger Handwerker. Rusty rammt seine vier kräftigen Beine in den Boden und fängt an, provokativ auf dem Führstrick herumzukauen. „Na, komm schon“, bittet Wolfgang und krault dem Tier das Kinn. Keine Reaktion.

Erst nach ein paar Minuten fragt Schönhofer-Hofmann: „Würdest Du das mit deinen Mitarbeitern auch so machen?“ Wolfgang überlegt kurz, dann dreht er sich um und stapft los, sein Ziel im Parcours vor Augen. Der überraschte Rusty folgt willig.

Wolfgang hat nie zuvor in seinem Leben ein Pferd geführt. „Das hat mich sehr beeindruckt“, sagt er später. „Sobald ich für mich selber den Beschluss gefasst hatte, dass ich jetzt gehen möchte und ihm das klare Signal gegeben hatte, lief es plötzlich.“

Für Schönhofer-Hofmann hat Rusty seine Aufgabe erfüllt: „Wer führen will, muss klare Ziele haben und diese vor allem auch deutlich vermitteln“, sagt die Seminarleiterin.

Wie stark die Pferde auf Köpersprache und geistige Fokussierung der Menschen reagieren ist ein Überraschungseffekt, den sie gerne nutzt: „Am Anfang des Tages werden wir hier von vielen Führungskräften, die ihr Arbeitgeber geschickt hat, noch etwas belächelt“, sagt die zierliche Frau mit dem Cowboyhut. Aber das ändere sich schnell, wenn es an die konkrete Arbeit ginge.

Die Kunden lassen sich das Seminar einiges kosten: Der Tag für etwa acht Teilnehmer schlägt mit rund 5000 Euro zu Buche. Es seien vor allem Konzerne, viele Versicherungen, die ihre Mitarbeiter zu der tierischen Weiterbildung schickten, sagt die Trainerin. Schönhofer-Hofmann ist ausgebildete Tierpsychologin, für ihre Arbeit als Coach mit und ohne Pferden hat sie verschiedene Weiterbildungen absolviert.

Nach Rusty tritt der siebenjährige Warmblutwallach Rohan seinen Trainerdienst an. Er läuft frei in der rund eingezäunten Halle, ein Teilnehmer soll von der Mitte aus das Tempo bestimmen. Charlotte (27) ist Referendarin an einer Schule und darf das Seminarprogramm testen. Die bei Rusty gesammelten Erfahrungen setzt sie direkt um und treibt das Pferd energisch mit dem Strick an. Rohans Augen weiten sich. Hektisch galoppiert er im Kreis. Dabei sollte er eigentlich ruhig im Schritt gehen. „Er ist ein sehr sensibles Pferd und braucht nur minimale Signale“, verrät die Trainerin. „Führung funktioniert bei ihm ganz anders als bei Rusty.“ Wieder eine Lektion gelernt. „Das eigene Verhalten mehr zu hinterfragen“, habe sie aus der Übung mitgenommen, sagt Charlotte. „Die Kinder in der Klasse reagieren auch alle unterschiedlich.“

Abgrenzung ist für Schönhofer-Hofmann ein weiteres Thema: auf dem Reitplatz wie im Berufsalltag. Dem frechen Rusty dürfen die Teilnehmer notfalls mit einem Klaps auf die Nase deutlich machen, dass er ihnen nicht die Jackentaschen nach Essbarem durchsuchen soll. „Für viele Menschen ist es eine wichtige Erkenntnis, dass ein Nein von den Pferden angenommen wird und sie nicht unglücklich macht“, sagt die Turnierreiterin. „Es ist nicht schlimm, Grenzen klar abzustecken, sondern notwendig.“ Gerade Menschen, die vor einem Burnout stehen, falle die Abgrenzung im Umgang mit den Pferden auffallend schwer.

Wolfgang hat am Ende des Tages einen neuen Freund gewonnen. Rusty folgt ihm wie ein Hund durch die Halle, ganz ohne Führstrick und Halfter. Der gestandene Handwerker wirkt gerührt. „Dass man nur über die Willenskraft so viel bewirken kann“, sagt er. „Das hat mich wirklich erstaunt.“