Traditionsgeschäft in Bonn: Parfümerie Vollmar verkauft neun ihrer 15 Filialen

Traditionsgeschäft in Bonn : Parfümerie Vollmar verkauft neun ihrer 15 Filialen

Martin Hergarten, Inhaber der Parfümerie Vollmar, trennt sich aus Altersgründen von zwei Drittel seiner Läden. Der 62-Jährige findet keinen Nachfolger.

„Ich habe immer noch Lust auf Expansion“, hatte Martin Hergarten dem General-Anzeiger im Sommer 2010 gesagt. Damals steuerte die inhabergeführte Parfümerie gerade auf ihr hundertjähriges Bestehen zu. Doch nun ist Schluss mit Wachsen: Weil die beiden Söhne nicht in das Geschäft einsteigen wollen, konzentriert sich Hergarten auf fünf Geschäfte, darunter das Stammhaus in der Sternstraße mit dem barocken Interieur aus dem 18. Jahrhundert. Neun Filialen hat er an die Parfümerie Becker aus Neuss verkauft, wie er auf Anfrage des General-Anzeigers am Freitag bestätigte. Ein weiterer Laden in Schleiden in der Eifel werde geschlossen.

„Ich gehe von Vollgas in den vierten Gang“, sagte Hergarten, der die Parfümerie Vollmar in dritter Generation seit 1983 führt. „Ich will lieber agieren als reagieren. Es ist besser, ruhig und gesittet die Geschäfte in andere Hände zu geben, als später Hals über Kopf Unsinn zu machen.“ Hergarten ist 62, in zwei Jahren wolle er in Rente gehen. Es sei ein Generationswechsel, denn der Käufer, Willi Becker, sei 25 Jahre jünger.

Auch die Parfümerie Becker ist ein Traditionsunternehmen, sie wurde bereits 1897 in Neuss gegründet, der jetzige Geschäftsführer ist der Urenkel des Gründers. Mit künftig rund 80 Filialen gehört Becker zu den größten inhabergeführten Parfümerieunternehmen in Deutschland. In Duisdorf und in Beuel sind bereits Filialen in der Bundesstadt in seiner Hand. Hier übernimmt Becker nun die Läden von Vollmar in Poppelsdorf, Oberkassel und Plittersdorf

Bei Vollmar bleiben 40 Mitarbeiter

Bei Vollmar verbleiben außer dem Stammhaus die Filiale am Kaiserplatz sowie Vollmar Secrets, das Hergartens Frau Gabriele führt und das ein breites Sortiment an ausgefallener Spitzenunterwäsche für Frauen sowie klassische Dessous hat. Außerhalb der Bundesstadt hält Hergarten an den Läden in Bad Münstereifel und Linz am Rhein fest. Für die Mitarbeiter soll sich nichts ändern. „Das Personal bleibt, wo es ist. Das ist ein normaler Betriebsübergang“, erklärte Hergarten. Bei Vollmar bleiben 40 Mitarbeiter, Becker übernimmt rund 70 Beschäftigte.

Dass sich Vollmar so lange am Bonner Markt halten konnte, erklärte der Geschäftsführer einmal mit der „menschelnden Atmosphäre“ in seinen Läden sowie dem gelungenen Spagat zwischen Tradition und Moderne. So hielt die frühere Geschäftsinhaberin Gertrud Hergarten-Vollmar, die Mutter vom heutigen Inhaber, an den mit Puttenbüsten verzierten Holzschnitzereien eisern fest, als Unternehmensberater sie überzeugen wollten, dass das Hauptgeschäft eine trendigere Innenausstattung brauche.

Kein Onlineshop

Einen Onlineshop sucht man bei Vollmar bis heute vergeblich, Hergarten, der Diplombetriebswirt ist, hatte sich eine Zeitlang mit der Idee herumgetragen, doch Aufwand und Risiko waren ihm dann doch zu groß. Stattdessen hat er im vergangenen Jahr das Loft8 eröffnet, das sich zur Friedrichstraße hin öffnet, aber mit dem Hauptgeschäft in der Sternstraße verbunden ist. Auf 300 Quadratmetern können Kundinnen in einem hallenartigen Geschäft die großen internationalen Make-up-Marken ausprobieren, es gibt Schminkshows und Jazzkonzerte, und an einer Bar können sich Kunden mit Getränken versorgen. „Wer heutzutage im stationären Geschäft Erfolg haben möchte, der muss den Kunden durch eine besondere Atmosphäre verzaubern“, erklärte dazu Hergarten dem Internet-Informationsdienst „Markt Intern“ im Januar.

Welche Pläne Willi Becker mit dem Zukauf hat, blieb am Freitag offen, da er für ein Gespräch nicht erreichbar war. „Für Becker ist es eine sinnvolle Erweiterung nach Süden“, erklärte Hergarten. Die Neusser übernehmen nach seinen Worten außerhalb Bonns die Filialen in Erftstadt-Lechenich, Ahrweiler, Bornheim, Remagen, Mechernich und Niederkassel.

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