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Ohne Stöpsel im Ohr ist der Lärm unerträglich

Ohne Stöpsel im Ohr ist der Lärm unerträglich

Am europäischen Drehkreuz für Luftfracht in Brüssel arbeiten fast 5 000 Menschen für DHL, eine Tochter des Bonner Konzerns Deutsche Post - Sie sind durch den Umzug nach Leipzig verunsichert

Brüssel. Flughafen Brüssel-Zaventem. Es ist 22 Uhr. Wie jeden Tag macht sich Maurice (31) langsam auf den Weg. Eine halbe Stunde fährt er, bis er die "Stadt" am Rande des Flughafens erreicht hat. Der rote Pullover mit dem "DHL"-Emblem - der Wechsel zu den Farben gelb-rot wurde erst 2003 vollzogen - wird übergestreift und dann geht er hinüber zum Hauptgebäude "3", klettert über schmale Stahltreppen in die laufende Maschine. Dort ist sein Platz.

Bis zum nächsten Morgen um vier Uhr. Bevor er zupackt, stopft er sich noch Stöpsel ins Ohr, anders ist der ewige Lärm der Bänder nicht auszuhalten. Und dann steht er, in einem Gang, der kaum mal einen halben Meter misst, fast 100 Meter lang, zwischen weiteren 100 Kolleginnen und Kollegen, die dasselbe machen, wie er: Pakete sortieren. Es ist kurz nach 23 Uhr.

Eben ist der erste Jet aus East Midland, einem weiteren DHL-Umschlagplatz im Norden Großbritanniens, gelandet. Wie eine Ameisenstraße zieht eine endlose Kette von Gabelstaplern die Container aus dem Flugzeugbauch, bringt sie in die erste Halle, wo sie entladen werden. Sie verschwinden in einem unübersehbaren Wirrwarr von Laufbändern und Fächern, an denen die Arbeiterinnen und Arbeiter stehen, sie neu sortieren, wieder in Container packen, erneut zu einem Flugzeug bringen.

"Wenn viel los ist, fliegt die Maschine von East Midland in einer Nacht mehrmals hin und her", sagt Xavier Lesenne, der am "DHL HUB Brüssel", wie sich das einzige europäische Drehkreuz für Luftfracht und Luftpost offiziell nennt, für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

In dieser Nacht ist viel los. Um ein Uhr wird die Boeing 757 wieder in Richtung Kanal starten. Gegen vier soll sie wieder zurück sein. 175 000 Pakete und Päckchen, von der Weihnachtspost über riesige Kartons mit Warenlieferungen, werden hier in einer Nacht umgeschlagen. 60 DHL-Maschinen fliegen Brüssel-Zaventem pro Nacht an - und verlassen den Airport auch wieder.

Auf dem Flugfeld arbeitet Greta, eine 43-jährige Hausfrau und Mutter. "Ich bin fast jede Nacht hier draußen", sagt sie. "So kann ich wenigstens tagsüber bei meinen Kindern sein." "Aus ganz Europa kommen die Sendungen hierher, außerdem werden wir aus den USA, dem arabischen Raum und vor allem Asien angeflogen. Dann werden die Sendungen neu sortiert. Also was aus den USA für Europa bestimmt ist, bleibt hier, was aus Europa für die USA bestimmt wird, wandert in die Jets", erklärt Xavier Lesenne. Bis zum Morgen um fünf Uhr sind alle Maschinen wieder unterwegs.

Geruhsam und vor allem warm geht es nebenan zu. Hier sitzen die Operatoren, die den Himmel, der in den Nächten der DHL zu gehören scheint, überwachen. "Wir sehen alle Maschinen, können erkennen, wo es zum Beispiel wegen des Wetters zu Verspätungen kommt", sagt einer der Flug-Operatoren. Verunsicherung liegt über den fast 5 000 Menschen, die hier in Zaventem in DHL-Diensten stehen, seitdem die Tochter der Deutschen Post bekannt gegeben hat, dass sie ihr europäisches Drehkreuz von Brüssel zum Flughafen Leipzig/Halle verlegen will.

2008, wenn in Sachsen die gelben Jets zum ersten Mal landen sollen, werden in Brüssel zwar nicht die Lichter ausgehen, aber es wird eben doch nur noch ein nationales Drehkreuz sein. In Leipzig/Halle rechnet man mit 5 000, einige sogar mit 8 000 neuen Arbeitsplätzen, weil sich auch Zulieferer im Umfeld der DHL-Stadt niederlassen wollen. Inzwischen stehen wir an der vollautomatischen Sortiermaschine für Brief- beziehungsweise Dokumenten-Sendungen. Jeder Umschlag wird automatisch gescannt und weiter sortiert.

Nur zwei, drei Menschen werden da noch gebraucht. "Hoffentlich macht man sich in Leipzig/Halle nicht zuviel Hoffnung", sagt Xavier Lesenne. "Denn wenn DHL alle Sortieranlagen neu baut, wird alles automatisiert, da werden längst nicht so viele Leute gebraucht, wie wir hier noch haben." Die meisten, einfachen Arbeiten könnten am Ende sogar wegfallen, vermutet man in Brüssel.

In dieser Nacht frieren die Flugeinweiser trotz der Hektik erbärmlich. Aber darauf nehmen die Pakete keine Rücksicht. Der Lärm ist ohrenbetäubend und ohne Schutz kaum auszuhalten - ein Grund, warum man DHL eine Erweiterung in Brüssel verweigerte: Denn die Flughafenanwohner liefen Sturm gegen die Aussicht, dass ausgerechnet zwischen 23 Uhr und fünf Uhr morgens noch mehr Maschinen über ihren Dächern lärmen würden. Um fünf Uhr morgens sind rund 180 000 Pakete und Päckchen verarbeitet, die Schicht verlässt müde und abgearbeitet die 60 Hektar große "DHL-Stadt" am Rande des normalen Flughafens.

Ruhe kehrt allerdings nicht ein: Vor den Toren stehen Schlangen von Lkw, die die Sendungen weiter transportieren. Und auch die wollen schnell beladen werden. "Wir arbeiten ohne Ausnahme an 365 Tagen 24 Stunden", sagt Xavier Lesenne. Der Satz geht fast unter dem Lärm der Maschine, die gerade zur Startbahn rollt.