Hirndoping: Mit Pillen gegen den Leistungsdruck

Hirndoping : Mit Pillen gegen den Leistungsdruck

Frische im Kopf, als ob man einen Strandspaziergang bei frischer Luft gemacht hat. So fühlt sich Felix (Namen der Betroffenen von der Redaktion geändert), 30 Jahre alt, wenn er eine Ritalin-Tablette geschluckt hat. "Ritalin erzeugt ein leichtes Vitalitätsgefühl", versucht er zu erklären.

"Selbst wenn man total unausgeschlafen ist, fühlt man sich nach der Einnahme fit und konzentriert."

Felix ist selbstständiger Unternehmer, parallel holt er seinen Abschluss in einem technischen Studiengang nach. Um die Doppelbelastung im Alltag zu meistern, schluckt er regelmäßig Ritalin. Das verschreibungspflichtige Medikament bekommt er vom Arzt.

"Eine Freundin hat mir das wärmstens empfohlen", erzählt Felix. "Dann habe ich es mal mit einer von ihren Tabletten ausprobiert und fand es nicht schlecht. Auch wenn das jetzt keine Wunderpille ist, mit der man fliegen kann. Aber ich bin dann zum Arzt und hab es mir auch verschreiben lassen."

Felix gehört damit zu einer wachsenden Gruppe der Bevölkerung in Deutschland. Denn: Immer mehr Deutsche nehmen verschreibungspflichtige Medikamente oder Drogen, um im beruflichen Alltag leistungsfähiger zu sein. Experten sprechen vom sogenannten Neuro-Enhancement oder Hirndoping. Das ist die missbräuchliche Einnahme etwa von Mitteln wie Ritalin zur besseren Konzentration, Betablockern gegen Nervosität, Antidepressiva zur Stimmungsaufhellung oder Amphetaminen, die wach machen.

Die Gründe für Hirndoping am Arbeitsplatz sind vielfältig, sagt Hubert Buschmann, Chefarzt der AHG Klinik Tönisstein und Facharzt für Neurologie: "Allem voran steht immer der Leistungsdruck." Das betreffe vor allem Berufsstarter, auch, weil deren Arbeitsverträge erfolgsabhängig seien. Das bestätigt auch Sabine Spitzlei, Psychologin im Betrieblichen Beratungszentrum (BBZ) der Suchtberatung Bonn: "Es ist erschreckend. Manche Klienten sind erst Mitte 20 und schon völlig ausgebrannt."

Es seien fast immer junge Führungskräfte, denen ein hohes Maß an Verantwortung in Verbindung mit enormer fachlicher Kompetenz abverlangt würde. "Es sind zielstrebige junge Menschen, doch sie können das Pensum nicht leisten", sagt Spitzlei.

So wie Tobias*. Er ist Ende 20, BWL-Absolvent. Er hatte seine Promotion schon begonnen, bekam dann aber während eines Praktikums direkt eine lukrative Stelle angeboten - und promovierte nun nebenher. Irgendwann fühlte er sich dem Druck nicht mehr gewachsen. Tobias fing deshalb an, Kokain zu nehmen. "Ich hatte von Kommilitonen gehört, dass sie mit Kokain viel aktiver und leistungsstärker seien," erzählt er.

Dass gerade jüngere Berufseinsteiger die Medikamente oder Drogen auf Empfehlung von Kollegen oder Kommilitonen nehmen, sei der Regelfall, berichtet Buschmann. "Wir sehen eine Generation heranwachsen, in der das Doping völlig normal ist", sagt er. "Meine Eltern und Freunde wissen davon", erzählt auch Felix.

"Die sehen das locker. Ich setze ja keine Heroinnadeln." Er nehme das Ritalin nur zum Lernen. "Ich bin eigentlich ein absoluter Gegner davon, dass man sich beruflich so viel zumutet, dass man zu solchen Dopingmitteln greifen muss", sagt er. Und doch relativiert er nach kurzem Innehalten im nächsten Satz: "Das kann man mal machen, wenn man eine sehr wichtige Konferenz oder einen wichtigen Termin hat und 100 Prozent geben muss."

Allein, dass sich immer mehr Deutsche vorstellen können, zum Doping zu greifen, sei ein gefährlicher Trend, sagt Hubert Buschmann. "Das sagt viel über die Problematik aus", findet er. "Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich scheint: Zum einen technisch, zum anderen soll es für jedes Problem eine Pille geben."

Dazu komme, dass sich immer mehr Menschen einzig über ihren Erfolg im Beruf definierten. Und auch wenn manchen Mitteln kein Effekt nachgewiesen werden kann, gilt laut Buschmann: "Die Substanzen aktivieren das Belohnungssystem. Das ist fatal." Die unmittelbare Rückmeldung, der Erfolg, und das positive Auffallen könne schnell süchtig machen und zu härteren Substanzen verleiten.

"Mein Selbstwertgefühl nahm deutlich zu. Mein Antrieb, meine Denkfähigkeit und meine Kreativität schienen unbegrenzt", erzählt Tobias. Am Anfang nahm er das Kokain nur in Stressphasen. "Die Nacht durchzuarbeiten war plötzlich kein Problem mehr." Auch für Felix hatte das Ritalin einen positiven Überraschungs- und Erfolgseffekt: "Ich war ganz erstaunt, wie schnell man so ein paar tausend Seiten von dem Stoff ins Hirn bekommt."

Das Beschaffen der "Helferchen für den Alltag" ist in Zeiten des Internets unkompliziert und leicht zu finanzieren. Aber nicht selten handelt es sich um verschriebenes Doping. Bei Felix etwa habe der Neurologe eine leichte Form der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS, festgestellt. "Ich habe es nicht drauf angelegt, aber ganz ehrlich: Diesen Test zu faken kriegt man locker hin, wenn man nicht völlig auf den Kopf gefallen ist."

Laut Hubert Buschmann spielt für das Doping auch das Betriebsklima eine wichtige Rolle. Nicht selten höre er von Führungskräften: "Sollen die Jungen doch 18 Stunden am Tag arbeiten. Das nächste Projekt macht dann halt ein anderer". Gute Leistung schaffe keine Sicherheit mehr. "Je unsicherer der Job, desto höher das Risiko zu dopen", so Buschmann.

Das BBZ der Suchthilfe Bonn setzt dort mit Führungskräfte-Coachings und Beratung an und versucht zu vermitteln, "dass Chefs Modelle sein und Grenzen wahren müssten", sagt Sabine Spitzlei.

Bei einer Umfrage unter den Unternehmen in der Region heißt es zumeist, dass Fälle von Doping am Arbeitsplatz nicht bekannt seien. Ford, die Deutsche Post oder die Kreissparkasse bemühen sich nach eigenen Angaben vielmehr um Prävention: Sie bieten etwa Trainings zur Stressbewältigung oder Entspannungsangebote wie Yoga oder Tai-Chi an.

Felix will das Ritalin nach der Prüfungsphase übrigens wieder absetzen. Aus ganz pragmatischen Gründen: "Man sollte Ritalin auch nicht dauerhaft am Stück einnehmen, weil dann die Wirkungsweise sehr nachlässt."

Die Krankenkasse DAK veröffentlicht heute im Gesundheitsreport 2015 eine groß angelegte Studie zum "Doping am Arbeitsplatz".

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