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Inklusion auf dem Arbeitsmarkt: Mehr Menschen mit Behinderung haben einen Job

Inklusion auf dem Arbeitsmarkt : Mehr Menschen mit Behinderung haben einen Job

Lernbehinderte stoßen im Berufsleben auf viele Hürden. Doch mittlerweile haben mehr Menschen mit Behinderung haben einen Job. Auch die Arbeitsagentur kann helfen.

Marcel Hartuhn hat schon als Kind gern gekocht, manchmal klappte es, manchmal ging's daneben. „Mein Bruder mochte keine Suppe – aber meine hat er gegessen“, erzählt der 21-Jährige über seine frühen Küchenexperimente. Seit vier Monaten ist Hartuhn als Fachpraktikant bei der A & Z Foodmanufaktur GmbH beschäftigt, einem Kantinenbetreiber aus Bergheim. Früher nannte sich sein Beruf „Beikoch“, weil es seine Aufgabe ist, dem Koch zu assistieren.

Ralf Mandt ist Hartuhns Arbeitgeber. Er hat mit Vermittlung der Arbeitsagentur Bonn vier Fachpraktikanten eingestellt, die im Vergleich zu einem Koch eine abgespeckte Ausbildung durchlaufen. Sie dauert zwar auch drei Jahre, hat aber weniger Theorieanteile als eine Kochlehre. Der Grund ist, dass Hartuhn von klein auf Probleme mit dem Lernen hatte. „Ich brauche länger, bis ich mir etwas merke“, erklärt er.

"Die jungen Menschen wachsen mit ihren Aufgaben."

Bei seinem gleichaltrigen Kollegen Mario Canero ist es speziell das Rechnen, das ihm schwer fällt. „Fachpraktikanten haben 50 bis 60 Prozent der Kenntnisse eines Kochs“, berichtet Mandt. In der Kantine der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) in Bonn-Mehlem ist Canero für das Catering bei Konferenzen zuständig. Dafür erhält er von seinem Chef, Betriebsleiter Guido Remberg, eine Liste mit den bestellten Speisen und Getränken, die er in der gewünschten Menge in den jeweiligen Tagungsraum bringt. „Zum Abschluss muss er auch den Verbrauch erfassen“, erklärt Remberg. „Und das alles eigenverantwortlich. Die jungen Menschen wachsen mit ihren Aufgaben.“

„Die Arbeitgeber müssen sich in Zukunft für andere Bewerbergruppen öffnen“, sagt Christine Wyrwich, die bei der Agentur für Arbeit Bonn für schwerbehinderte Menschen zuständig ist. Das hat vor allem mit dem Fachkräftemangel zu tun. Kantinenbetreiber Mandt erzählt, dass die Abiturienten früher Schlange für einen Ausbildungsplatz in der Gastronomie standen. Sie blieben aber oft nicht lange, weil sie auch noch studieren wollten. Unbeliebt sind in der Restauration zudem die unregelmäßigen Arbeitszeiten, weshalb Unternehmen händeringend nach Bewerbern Ausschau halten.

Mehr Menschen mit Behinderung haben einen Job

Seit 2011 gibt es den Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung, der die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen umsetzen soll. Dass Schwerbehinderte Seite an Seite mit Nichtbehinderten in Unternehmen arbeiten, gehört zu den Zielen der Konvention. Im Agenturbezirk Bonn, zu dem auch der Rhein-Sieg-Kreis gehört, wächst seitdem der Anteil behinderter Menschen am Arbeitsmarkt . So waren 2015 gut 7,9 Prozent der Arbeitsplätze in der Region mit Schwerbehinderten besetzt, 2013 waren es 7,71 Prozent. In absoluten Zahlen gab es 2015 15 466 schwerbehinderte Beschäftigte, ein Plus von fast drei Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Sandra Coppola ist wie ihre Kollegen seit der Klasse 9 von der Arbeitsagentur betreut worden. „Ich bin richtig glücklich, dass ich einen Vertrag bekommen habe“, sagt sie. Coppola hat früher gern mit dem Vater in der Küche gestanden. Ihren Job bei der A & Z Foodmanufaktur verdankt sie einem Bewerbertag, bei dem die Arbeitsagentur ihre Kandidaten mit dem Unternehmen zusammenbrachte. „Wir haben bei der Einstellung klar gemacht, dass wir das Arbeitsverhältnis schnell beenden, wenn es nicht klappt“, erklärt Geschäftsführer Mandt, um nicht den Eindruck zu erwecken, es gebe Sonderkonditionen für Schwerbehinderte. Doch die ersten Monate mit Coppola, Canero und Hartuhn haben ihm gezeigt: „Das ist hier für uns eine Win-Win-Situation.“

Für die Integration braucht es einen langen Atem

Wyrwich von der Arbeitsagentur erklärt dies so: „Menschen mit Behinderungen sind gut qualifiziert, sie sind motiviert und bindungsfähig. Aber man braucht für ihre Integration einen langen Atem. Die Motivation ist alles.“

Würde es mal nicht klappen, kann der Arbeitgeber sich von dem Beschäftigten mit Behinderung nach einer dreimonatigen Probezeit auch wieder trennen. Während dieser Zeit übernimmt die Arbeitsagentur für die Unternehmen die Kosten, wenn ihnen welche entstanden sein sollten. Remberg ist aber nur voll des Lobes für den jüngst eingestellten Hartuhn: „Er ist auf einem Superweg.“