Interview mit Ökonom Ralf Marquardt: Letzte Starthilfe für die Wirtschaft Südeuropas

Interview mit Ökonom Ralf Marquardt : Letzte Starthilfe für die Wirtschaft Südeuropas

Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), eine Billion Euro in den Währungsraum zu steuern, um Kreditvergabe und Wirtschaft in Südeuropa anzukurbeln, stößt auf Unverständnis.

Sind billige Kredite nicht das genau falsche Signal für den überschuldeten Süden? Mitnichten, sagt Prof. Ralf Marquardt von der Westfälischen Hochschule im Interview mit Jasmin Fischer.

Sparer jammern nach der EZB-Entscheidung über dauerhaft mickrige Zinsen und fürchten einen Renditeverfall ihrer privaten Rentenversicherung. Warum bewerten Sie den Schritt positiv?
Ralf Marquardt: Die EZB fungiert derzeit als Lückenbüßer, weil die EU-Finanzpolitik bei der Stabilisierung der Währungsunion versagt hat - und die EZB versucht ihr möglichstes. Mit einem Verfall der Verbraucherpreise in der Eurozone um 0,2 Prozent vergangenes Jahr stecken wir in einer echten Deflation. Der EZB-Schritt ist also nicht falsch. Er hätte höchstens noch eher erfolgen müssen.

Inwiefern hilft die Maßnahme denn Südeuropa?
Marquardt: Die EZB springt ersatzweise für die Privat- und Geschäftsbanken ein, die in Südeuropa sehr zurückhaltend bei der Kreditvergabe geworden sind. Sie pumpt im Prinzip an der Quelle Geld ins System, in der Hoffnung, dass Unternehmer wieder mehr Kredite für Investitionen bekommen und die Wirtschaft wieder anspringt.

In Griechenland sind Haushalte, Firmen und Staat doch jetzt schon überschuldet. Ist der Lockruf billiger Kredite da nicht das genau falsche Signal? Müsste man nicht eher vernünftiges Sparen lehren?
Marquardt: Wenn alle sparen, kauft keiner mehr Güter, und dann verkauft auch keiner mehr Güter. Dann gibt es keine Investitionen mehr, und Ihr Erspartes mag dann auch niemand mehr haben. Heißt: Es gibt eine Grenze, wo gesundes Sparen aufhört. Ich plädiere nicht gegen das Sparen, aber in dieser Phase wäre es besonders kontraproduktiv. Zurzeit ist es das Beste für die Eurozone, wenn Kunden ihr Geld nicht auf der hohen Kante bunkern, sondern Güter kaufen und damit die Produktion ankurbeln. Genau das soll die EZB-Politik erreichen. Ihr Schritt ist zugleich das letzte Mittel, das sie hat.

Glauben Sie, dass die Maßnahme dem Süden wirklich helfen wird?
Marquardt: Es ist fraglich, ob Unternehmer in einer ausgewachsenen Wirtschaftskrise, die den Süden ja nun mal im Griff hat, die Billigkredite überhaupt haben wollen. Angesichts von Absatzschwierigkeiten und Kundenmangel werden Firmenchefs sicher nicht ihren Maschinenpark ausweiten wollen. Die EZB hätte den Schritt also schon eher gehen müssen. Langfristig hilft es nur, Griechenland wettbewerbsfähiger zu machen und Strukturanpassungen vorzunehmen.

Dann würde die EZB die 1,1 Billionen doch besser nicht ausschütten?
Marquardt: Was die EZB tut, gehört zum Krisenmanagement, um die Währungsunion zu sichern. Es ist aber auch ihre Ultima Ratio. Letzten Endes muss Griechenland die Chance haben, sich zu entschulden, um überhaupt wieder wettbewerbsfähig zu werden. Heißt: Schuldenschnitt, gesichtswahrend kaschiert, indem man die Tilgung der Kredite auf den Sankt-Nimmerleins-Tag streckt .

Damit tritt genau das ein, was viele Sparer immer befürchtet haben.
Marquardt: Man muss der Politik durchaus den Vorwurf machen, und damit meine ich auch die Regierung unter Gerhard Schröder, dass sie zu großzügig war bei der Auswahl der Länder für die Währungsunion. Heute schiebt sie die Schuld auf manipulierte Daten der Griechen. Aber man konnte doch bei einem Besuch in Griechenland schon mit bloßem Auge sehen, dass das Land bei Weitem nicht so wettbewerbsfähig war wie andere in Europa - dafür brauchte man gar keine Daten. Aber die Warnungen von Wirtschaftsexperten wurden in den Wind geschlagen.

Wie erklären Sie sich das?
Marquardt: Die deutsche Industrie, die deutschen Banken haben unglaublich vom Beitritt Griechenlands profitiert, deshalb hat man nicht mehr Vorsicht walten lassen. Die Kehrseite unserer Gewinne aber ist, dass die Griechen verschuldet sind, und zwar bei uns. Hiesige Steuerzahler zahlen dafür die Zeche. Das ist eine Sauerei, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Profiteure ihre Gewinne nicht immer in Deutschland versteuert haben. So sind die Kosten eines Schuldenschnitts leider der Preis für die Fehler der Politik.

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