Konzern in der Krise : Kahlschlag bei Thyssenkrupp

Der Konzern Thyssenkrupp plant massive Einschnitte in der Essener Zentrale. Dort soll jede zweite Stelle wegfallen

In den vergangenen Jahren hatte das Thyssenkrupp-Management seine Bilanzdaten stets im Foyer der Essener Konzernzentrale vorgestellt. Dank der luftigen Architektur konnten die Mitarbeiter von den Balustraden der oberen Stockwerke aus verfolgen, wie die Konzernführung den Journalisten im Erdgeschoss Rede und Antwort stand.  Doch nach turbulenten Monaten ist in diesem Jahr vieles anders. Nicht nur, dass mit der gerade erst sieben Woche amtierende Vorstandschefin Martina Merz erstmals eine Frau an der Spitze steht.  Die Veranstaltung wurde zudem in einen Saal im Nachbargebäude verlegt – ohne die Zuschauer von der Balustra de.

Aus Kostenspargründen, wie Kommunikationschef Christoph Zemelka zum Auftakt sagte. Eine Ersparnis an anderer Stelle dürfte allerdings ebenfalls eine Rolle dabei gespielt haben: Thyssenkrupp streicht in der Konzernzentrale knapp die Hälfte aller Stellen. Von 800 bleiben 430 übrig. Konzern- und weltweit will das Unternehmen 6000 Stellen streichen, für 2100 gebe es bereits Vereinbarungen mit der Arbeitnehmerseite, erklärte Personalvorstand Oliver Burkhard. Er deutete jedoch an, dass es weitere Einschnitte geben könnte: „Zum aktuellen Zeitpunkt können wir nicht ausschließen, dass es mehr Stellen werden, die wir abbauen müssen.“

Die Lage beim einst so stolzen Industriekonzern ist verheerend. Das Unternehmen verbuchte einen Nettoverlust von 304 Millionen Euro, der Free Cashflow betrug minus 1,3 Milliarden Euro, das Eigenkapital schrumpfte im Vergleich zum vorangegangenen Geschäftsjahr um 983 Millionen auf 2,2 Milliarden. Die Eigenkapitalquote entspricht damit gerade noch sechs Prozent.

Den Konzern belasten hohe Pensionsverpflichtungen. Und auch vonseiten der Kartellbehörden droht in den kommenden Wochen Ungemach. Wie Personalvorstand Burkhard erklärte, habe Thyssenkrupp Rückstellungen für ein drohendes Bußgeld in Höhe von 370 Millionen Euro getätigt.

Es gab nichts zu beschönigen, und dieser Versuchung erlag Thyssenkrupp-Chefin Merz auch nicht: „Was ich gesehen und gehört habe, hat mich zum Teil ernüchtert“, sagte sie mit Blick auf die ersten Gespräche mit Investoren, Managern und Mitarbeiter. Geschäfte hätten mit Zielen operiert, die in der dafür vorgesehenen Zeit kaum erreichbar gewesen seien. Und dort, wo es gute Verbesserungsansätze gegeben hätte, seien diese nicht umgesetzt worden. Merz’ Rede war eine klare Absetzbewegung von ihrem Vorgänger Guido Kerkhoff und dessen Vorgänger Heinrich Hiesinger. Insbesondere Letzterer hatte ein en Kulturwandel bei Thyssenkrupp propagiert, aber nie durchgesetzt. Im Ruhrkonzern haben Befehl und Gehorsam lange Tradition. Viele sehen darin den Grund, dass viel zu spät bei den katastrophalen Fehlinvestitionen in Brasilien und den USA umgesteuert wurde. Hiesinger hatte zwar immer beteuert, dies ändern zu wollen, doch am Donnerstag sprach Merz davon, eine viel zu starke Top-down-Kultur habe dazu geführt, „dass die tatsächliche Leistungsfähigkeit beziehungsweise kurzfristige Krisenanpassungsfähigkeit der Geschäfte immer wieder überschätzt wurde“.

Neue Details zum Verkauf oder Börsengang  der Aufzugsparte gab es nicht. Merz, die in der Vergangenheit Wert darauf gelegt hatte, dass mitnichten der Ausverkauf von Thyssenkrupp angefangen habe,  kündigte an, dass weitere weitere Unternehmensteile veräußert werden könnten: „Wenn wir mit einzelnen Geschäften nicht zu den Branchenbesten aufschließen können, müssen wir uns offen eingestehe n, dass wir nicht der beste Eigentümer sind.“  Die Mitarbeiter blicken nun sorgenvoll auf den 3. Dezember. Dann präsentiert der Vorstand der Stahlsparte dem Aufsichtsrat seine Sparpläne. Angekündigt ist der Wegfall von 2000 Stellen. Die IG Metall hat für diesen Tag bereits Aktionen in Duisburg angekündigt.