GA-Serie "Muss das so sein?": Hormonchemikalien aus dem Wasserkocher

GA-Serie "Muss das so sein?" : Hormonchemikalien aus dem Wasserkocher

Hormonchemikalien, die sich aus Plastik-Wasserkochern, Milchtüten oder Dosen lösen, in Nahrungsmittel und schließlich ins Blut wandern: Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa warnt vor Gesundheitsgefahren durch den Stoff Bisphenol A (BPA). Die Chemikalie ist in vielen Lebensmittelverpackungen enthalten. Hergestellt wird sie unter anderem vom Chemiekonzern Bayer in Leverkusen.

Forscher, Umweltschützer, Behörden und die Industrie streiten seit Jahren darüber, ob und wie gefährlich BPA wirklich ist. Mehr als 450 Studien haben die Efsa-Experten jetzt ausgewertet. Ihr vorläufiges Fazit: BPA könne "schädliche Wirkungen für Leber und Nieren sowie Auswirkungen auf die Brustdrüsen" haben. Zudem sei es möglich, dass BPA auch Fortpflanzungsorgane, das Nerven- und Kreislaufsystem oder den Stoffwechsel stören könne.

Die EU-Behörde empfiehlt, die tolerierbare tägliche Aufnahmedosis auf ein Zehntel des bisherigen Wertes zu senken. Im Sommer, wenn das Gutachten endgültig vorliegt, könnten EU-Kommission und Mitgliedsstaaten auch gesetzgeberisch aktiv werden. Allerdings sei die Gefahr für Verbraucher gering. Auch der neue Grenzwert werde durch Nahrungsaufnahme nicht erreicht.

Kritiker verdächtigen BPA schon lange, ähnlich wie das weibliche Hormon Östrogen zu wirken. In den USA wurde BPA bei einer Untersuchung von Männern mit Fruchtbarkeitsproblemen bei fast allen im Blut nachgewiesen. In Babyfläschchen ist der Stoff bereits EU-weit verboten. In Frankreich und Schweden gibt es ein Verbot der Chemikalie in Lebensmittelverpackungen für Kleinkinder. Nächstes Jahr soll BPA in Frankreich für Lebensmittelverpackungen komplett verboten werden.

Für die Industrie wäre eine weitere Einschränkung oder gar ein Verbot ein harter Schlag. Mit mehr als 3,8 Millionen Tonnen pro Jahr gehört BPA, das für die Produktion der Standardkunststoffe Polycarbonat, Vinylesterharz und Epoxidharz unverzichtbar ist, zu den meistproduzierten Chemikalien der Welt. Der Markt wächst rasant, bis 2018 soll sich die Menge an BPA weltweit verdoppeln. Bayer wiegelt daher auch ab: Bisphenol A sei "eine Chemikalie mit einer nachgewiesenen Sicherheitsbilanz", werde "seit über 50 Jahren sicher verwendet" und stelle "weder ein Risiko für die menschliche Gesundheit dar, noch hat es irgendwelche schädlichen Umweltauswirkungen".

Füllt man beispielsweise noch warme Tomatensoße in eine Dose, die BPA enthält, begünstigten die Hitze und das enthaltene Fett die Freisetzung des BPA. Bei kochendem Wasser nimmt die Löslichkeit von BPA um ein 55-Faches zu.

BPA im Plastik - das darf erst einmal weiter so sein. Wer das nicht möchte: Die Stiftung Warentest rät, für Lebensmittel keine Kunststoffbehälter zu verwenden, sondern Glas-, Keramik- oder Edelstahlbehälter.

Die GA-Serie "Muss das so sein?" entsteht in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Technikjournalismus der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Wenn auch Sie sich fragen, ob etwas wirklich so sein muss, wie es ist, schicken Sie Ihre Anregung an wirtschaft@ga-bonn.de oder an General-Anzeiger, Wirtschaftsredaktion, 53100 Bonn.

Wo Bisphenol A enthalten ist und wie man es erkennt

Bisphenol A findet sich in vielen Plastikverpackungen, Flaschen und Behältern für Lebensmittel und Getränke, in Innenbeschichtungen von Dosen, mikrowellenfestem Geschirr und Milchtüten. Eine generelle Kennzeichnungspflicht gibt es nicht. Polycarbonat, das BPA enthält, ist manchmal mit "PC" gekennzeichnet. Auch der Code "7" weist auf BPA hin. Aus Polycarbonat, Vinylesterharz oder Epoxidharz, die BPA enthalten, bestehen Teile von Elektrogeräten, Sonnenbrillen, Kühlschrankeinsätze, Motorradhelme, Zahnversiegelungen und Kunststoff-Füllungen, Klebstoffe, Nagellack und vieles mehr.

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