Post-Vorstandschef im Interview: Frank Appel: "Die Entscheidung der EU war falsch"

Post-Vorstandschef im Interview : Frank Appel: "Die Entscheidung der EU war falsch"

Der Vorstandschef der Deutschen Post DHL, Frank Appel, weiht am Donnerstag die Erweiterung des DHL-Drehkreuzes am Flughafen in Cincinnati (Ohio) ein. Appel kritisiert die Entscheidung der EU, im Solarstreit mit China Strafzölle zu verhängen. Mit dem Chef des Bonner Konzerns sprach Claudia Mahnke in Miami.

Bei Ihrem Amtsantritt als Vorstandschef 2008 war das nationale US-Expressgeschäft mit milliardenschweren Verlusten eine der größten Baustellen des Unternehmens. Welche Lehre haben Sie aus den Problemen gezogen?
Frank Appel: Welches Produkt man auch immer verkauft, es muss aus Sicht des Kunden einen höheren Nutzen haben als das Konkurrenzprodukt. Es muss ein besseres Preis -Leistungsverhältnis oder eine höhere Qualität haben. Und das trifft mittlerweile fast auf unsere gesamte Angebotspalette zu. Wir sind weltweit häufig führend oder mindestens genauso gut wie die Wettbewerber.

Empfinden Sie es als persönlichen Erfolg, dass es heute für die Deutsche Post DHL im Expressgeschäft auf dem US-Markt hohe Wachstumsraten gibt?
Appel: Erst einmal ist es ein Erfolg von meinem für das Expressgeschäft zuständigen Vorstandskollegen Ken Allen und seiner Mannschaft. Ich treffe ja eine solche Entscheidung wie damals den Rückzug vom nationalen Expressgeschäft in den USA nicht alleine, sondern berate mich mit meinen Kollegen. Aber natürlich freue ich mich als Vorstandschef auch sehr darüber, dass wir dies gemeinsam erfolgreich bewältigt haben.

Ist der Imageschaden, den Ihr Unternehmen damals in den USA erlitten hat, ausgebügelt?
Appel: Auf jeden Fall. Unser Image ist aus Sicht von Meinungsführern heute besser als das von Fedex und UPS, haben unabhängige Befragungen ergeben. Wir haben den Imageschaden also mehr als wettgemacht. Als Unternehmen befinden wir uns derzeit in einer Phase, in der die Resultate unserer Strategie nachhaltig sichtbar werden.

Welche Risiken sehen Sie durch die schwächelnde Entwicklung der Weltwirtschaft für Ihr Unternehmen?Appel: Wir können uns von der Konjunktur natürlich nicht abkoppeln. Wenn die Weltwirtschaft langfristig lahmt, werden wir das auch spüren. In den letzten 18 Monaten haben wir die Konjunktureinbrüche wettgemacht, indem wir schneller gewachsen sind als die Wettbewerber und darüber Marktanteile gewonnen haben. Aber unsere Wettbewerber schlafen ja auch nicht. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir nicht nachlassen: Wenn es Unternehmen gut geht, müssen sie jeden Tag daran arbeiten, besser zu werden.

Sie betonen derzeit öfter Kostenkontrolle als Schlüssel zum Unternehmenserfolg: Was betrachten Sie als wichtigste Einflussfaktoren?
Appel: Die Standardisierung von Prozessen ist sicherlich ein Schlüssel. Wobei das für ein Unternehmen, das in mehr als 220 Ländern und Territorien tätig ist, leichter gesagt ist als getan. Daneben achten wir ständig darauf, dass wir keine unnötigen Kosten in Bereichen haben, die dem Kunden keinen Mehrwert bringen. Nur so kann man die erste Wahl beim Kunden werden und dann auch bleiben.

Welche Rolle spielt neue Informationstechnologie (IT) für die Kostensenkung im Unternehmen?
Appel: Die Vergangenheit hat gezeigt: Der Einsatz neuer IT hat nie Kosten gesenkt, weil ein Unternehmen ja erst einmal hohe Ausgaben für den Kauf der Systeme hat. IT kann aber Kundennutzen stiften und für mehr Transparenz sorgen.

Was muss die Politik dazu beitragen, dass die Investitionsbedingungen für die Unternehmen sich verbessern?
Appel: Es ist richtig und wichtig, dass in Europa jetzt endlich damit begonnen wird, die Haushaltsdefizite der Staaten zurückzufahren. Man darf nicht das Geld der nächsten Generation ausgeben. Das wird Europa auf Dauer wettbewerbsfähiger machen als manch andere Region der Welt. Es wird noch einige Jahre schwierig bleiben, aber der Weg ist beschritten.

Was ist mit Deutschland?
Appel: Deutschland hat in den letzten 24 Monaten an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Die Lohnkosten sind deutlich höher als die Produktivität gestiegen. Die staatlichen Strukturen müssen schlanker werden, damit mehr Geld für die Erhaltung der Infrastruktur zur Verfügung steht. Jährlich müssten sieben bis acht Milliarden Euro mehr in die Infrastruktur investiert werden, damit sie auf einem guten Niveau bleibt. Ein anderes Feld auf dem größere Anstrengungen erforderlich sind ist Bildung. Hier liegt der Schlüssel zu unserer langfristigen Wettbewerbsfähigkeit.

Was sagen Sie zum Handelsstreit der EU mit China, wo ja gerade Strafzölle gegen die Solarbranche verhängt wurden?
Appel: Ich finde richtig, dass Deutschland sich gegen Strafzölle gegen China ausgesprochen hat. Als Exportland und Nutznießer von Handelsbeziehungen sind Handelsbarrieren nicht in unserem Interesse. Damit würden wir uns nur selbst schaden. Deshalb war die Entscheidung der EU falsch.

Halten Sie ein weltweites Freihandelsabkommen für sinnvoll und erreichbar?
Appel: Sinnvoll wäre es, aber derzeit halte ich es kaum für erreichbar. Deshalb sind bilaterale Freihandelsabkommen umso wichtiger. Sie reduzieren Kosten in Bereichen, die nicht wertschöpfend sind, etwa bei der Zollabfertigung. Freihandel führt auch zu größerem Wettbewerbsdruck - und das ist heilsam. Deutschland ist das beste Beispiel dafür: Vor zehn Jahren waren wir der kranke Mann Europas. Jetzt gelten wir als Musterknabe.

Weltweiter Handel nützt auch bei der Schaffung von Arbeitsplätzen: Wir haben in der Bonner Konzernzentrale sicherlich 3000 bis 4000 Arbeitsplätze, die wir nicht hätten, wenn wir kein globales Unternehmen wären. Wir haben zwar auch Arbeitsplätze in andere Länder verlagert, aber gleichzeitig wurden eben auch Arbeitsplätze in Bonn geschaffen. Für wachsenden Wohlstand ist weltweiter Handel enorm wichtig.

Zur Person

Frank Appel, Jahrgang 1961, wurde in Hamburg geboren und erwarb an der Universität München ein Diplom in Chemie. In Zürich promovierte Appel in Neurobiologie. 1993 fand sein beruflicher Einstieg bei der Unternehmensberatung McKinsey statt, wo Appel 1999 Mitglied der Geschäftsführung wurde.

Ein Jahr später wechselte er als Zentralbereichsleiter Konzernentwicklung zur Deutschen Post, wo Appel 2002 Mitglied des Vorstands wurde und seit 2008 Vorstandsvorsitzender ist. Frank Appel ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Königswinter.

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