Interview zur Shell Rheinland-Raffinerie: Direktor Thomas Zengerly: „Es gibt keine absoluten Garantien“

Interview zur Shell Rheinland-Raffinerie : Direktor Thomas Zengerly: „Es gibt keine absoluten Garantien“

Er ist angetreten, um die Sicherheit in der Rheinland Raffinerie zu verbessern, sagt er über sich selbst. Seit März 2015 ist Thomas Zengerly der neue Direktor in Godorf.

Der Ölpreis ist im Keller. Für den Betreiber der Rheinland Raffinerie, Shell, hat das Auswirkungen. Die Gewinne brechen ein, Tausende Entlassungen hatte der Konzern bereits vergangenen Monat angekündigt. Macht Sie das nervös? Wie oft werfen Sie derzeit am Tag einen Blick auf den aktuellen Ölpreis?
Thomas Zengerly (lacht): Normalerweise mache ich das nur ein mal am Tag. Obwohl, in letzter Zeit habe ich tatsächlich öfter nachgeschaut. Der Ölpreis selbst ist für uns in der Raffinerie aber gar nicht so bedeutsam. Für uns ist entscheidend, wie groß die Differenz zwischen dem Ölpreis und den Produktpreisen ist.

Also, interessiert Sie der Ölpreis gar nicht?
Zengerly: Das Raffineriegeschäft selbst ist relativ unabhängig vom Ölpreis. Im letzten Jahr hatten wir ein ähnliches Ergebnis wie im Jahr davor, als der Ölpreis noch um einiges höher war. Aber die Entwicklung des Ölpreises insgesamt macht mir natürlich schon Sorgen. Denn das Gesamtunternehmen ist mehr als nur die Raffinerie. Und das interessiert mich ja als Shell-Mitarbeiter. Schließlich wird es für unsere Fördergeschäfte schon schwierig bei dem jetzigen Preisniveau von unter 30 Dollar pro Barrel.

Bei den angekündigten Stellenstreichungen von Shell sind keine Stellen hier vor Ort betroffen. Das heißt, Sie können 2016 alle Mitarbeiter behalten?
Zengerly: Ich bin kein Prophet und die Entscheidungen treffe ich nicht alleine. Wir wollen so stark wie möglich im Portfolio der Shell sein und es dem Gesamtunternehmen möglichst schwer machen, eventuelle Kürzungsentscheidung bei uns zu treffen. Und das beste Argument ist, erfolgreich zu wirtschaften. Mit Blick auf den Wettbewerb haben wir dafür gute Voraussetzungen. Wir sind eng mit der Chemie verzahnt. 20 bis 30 Prozent unserer Produkte gehen an Unternehmen der chemischen Industrie. Wir sind davon überzeugt, dass diese Verzahnung eine gute Zukunft hat – zusammen mit der nötigen Größe. Immerhin sind wir, was den Rohöl-Einsatz angeht, die größte Raffinerie Deutschlands.

Also, glauben Sie nicht, dass es hier in den nächsten Jahren vermehrt zu Entlassungen kommt?
Zengerly: Jedenfalls nicht im großen Stil. Wir achten natürlich immer auf unsere Kosten, auch auf die Personalkosten.

Welche Produkte verkauft die Rheinland Raffinerie derzeit am meisten?
Zengerly: In der Vergangenheit wurden hier Investitionsentscheidungen getroffen, die dazu geführt haben, dass wir sehr viel Mitteldestillate wie Diesel und Heizöl sowie Chemieprodukte herstellen. Der Dieselabsatz ist erfolgreich, denn wir verkaufen einen großen Teil des Diesels an den Güterverkehr und der hat in den letzten Jahren stark zugenommen.

Können Sie für die Chemieprodukte, die Sie produzieren ein paar Beispiele nennen?
Zengerly: Propylen, Ethylen, Benzol … um drei Beispiele zu nennen – Grundprodukte also für die chemische Industrie.

Und wofür werden diese Produkte verwendet?
Zengerly: Das ist ganz unterschiedlich. In der Textilbranche oder zur Herstellung von Medikamenten, Farben oder Kosmetikartikeln und vieles andere mehr. Rund 70 Prozent aller Produkte der deutschen chemischen Industrie basieren auf Rohöl.

Das klingt krisensicher. Haben Sie eigentlich Probleme, Fachkräfte zu finden?
Zengerly: Bei den Ausbildungsplätzen bekommen wir sehr viele Bewerbungen. Schwierigkeiten gibt es manchmal, sehr gute Hochschulabgänger mit den entsprechenden Erfahrungen zu finden. Und: Es könnten mehr Frauen sein. Ich war ein paar Jahre beruflich im Ausland. Bei meiner Rückkehr war ich doch sehr überrascht, wie sehr die Führungsebene unserer Branche in Deutschland von Männern dominiert wird. Ich habe das auch schon anders erlebt. Vielfalt hilft dem Arbeitsklima und dem Geschäftsergebnis. Deshalb verfolgt die Shell weltweit Ziele, den Anteil von weiblichen Führungskräften zu steigern. Vielfalt macht sich aber nicht nur am Geschlecht fest, sondern beispielsweise auch, aus welchen Kulturkreisen unsere Führungskräfte weltweit kommen. Beispielsweise sind asiatische Führungskräfte unterrepräsentiert.

Shell will eine Quote für asiatische Führungskräfte?
Zengerly: Keine Quote, aber eine Zielvorstellung. Shell ist weltweit in mehr als 70 Ländern aktiv. Es ist das Ziel des Konzerns, dass die Zusammensetzung unserer Führungskräfte derjenigen unserer Kundschaft ähnlich sein soll. Ein großer Teil des Geschäfts von Shell spielt sich mittlerweile in Asien ab. China und Indien sind große Märkte mit Zukunft. In Europa stagniert der Absatz von Ölprodukten dagegen Shell will bei gleicher Qualifikation deshalb unter anderem Asiaten für Positionen im Management fördern.

Welche Ziele hat sich Shell im Hinblick auf Frauen in Führungspositionen gesetzt?
Zengerly: Shell hat sich ein Ziel von über 20 Prozent in den nächsten Jahren gesetzt.

Haben Sie für die Rheinland Raffinerie die gleichen Ziele?
Zengerly: Ja, das würde ich schon gerne erreichen. Allerdings sind wir derzeit noch weit davon weg. Im Moment arbeiten hier auf der Führungsebene sieben bis acht Prozent Frauen. Dabei unterscheiden sich die einzelnen Unternehmensteile. Im Laborbetrieb sind wir beispielsweise bereits deutlich weiter.

Wie sieht es im Ausbildungsbereich mit der Verteilung von Männern und Frauen aus?
Zengerly: Das sieht gut aus. Unsere Strategie ist es, einen höheren Anteil weiblicher Führungskräfte von der Ausbildung an aufzubauen. Ziel bei den Azubis ist 50/50. Noch ist die Bewerbungsquote von Männern höher als die der Frauen. Deshalb klappt das nicht in jedem Jahr. Aber wir lassen uns einiges einfallen, um die Ausbildung und den Beruf für Frauen attraktiv zu machen. Außerdem hat Shell attraktive Angebote zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Was tun Sie denn für die Vereinbarkeit? Planen Sie eine Betriebskita für die Werke in Godorf und Wesseling?
Zengerly: Das könnte eine Möglichkeit für die Mitarbeiter in den Verwaltungsabteilungen sein. Im Produktionsbetrieb einer Raffinerie ist dies etwas schwieriger. Generell versuchen wir vor allem, Flexibilität zu zeigen. Ein Beispiel: Ich kann mir vorstellen, dass bis zu 20 Prozent der Mitarbeiter ganz oder teilweise aus dem Home-Office ihre Arbeit erledigen.

Sie sind noch nicht so lange zurück in Deutschland. Wie sieht es mit der Zahl der Frauen in anderen Ländern aus, in denen Sie gearbeitet haben? Gerade in dieser Branche?
Zengerly: Russland war interessant. Dort arbeiten sehr viele Frauen in technischen Berufen. Gerade in den Kontrollwarten und Messräumen. Das ist ähnlich wie in Amerika.

Und in den Führungsetagen?
Zengerly: Das war in Russland noch sehr dürftig. Das Management-Team dort war ein reines Männerteam. Aber Gazprom, der Mehrheitseigner der Firma, für die ich gearbeitet habe, hatte die Management-Etage gerade umgebaut und auch einige Frauen in verantwortungsvolle Leitungspositionen gebracht.

Haben Sie hier Kolleginnen im Management?
Zengerly: Leider nicht, aber die Leiterin des globalen Raffineriegeschäfts bei Shell ist zur Zeit eine Frau.

Versuchen Sie das zu ändern?
Zengerly: Ja. Aber natürlich muss die Qualifikation stimmen. Sofern die männlichen Bewerber besser sind, entscheiden wir nicht nur aufgrund einer Quote. Damit tut man auch Frauen keinen Gefallen.

Im Auslandsvergleich ist auch das Thema Sicherheit interessant. Das war schließlich auch hier in den letzten Jahren ein großes Thema.
Zengerly: Man unterscheidet zwischen persönlicher Sicherheit und Anlagensicherheit. Bei der persönlichen Sicherheit stehen wir mittlerweile, auch dank der Entwicklungen im letzten Jahr, besser da als viele Wettbewerber in anderen Ländern. Allerdings sind wir nicht die Besten. Und ich weiß auch, dass wir noch besser werden können. Wir hatten zehn Verletzungen im letzten Jahr. Das sind zehn zu viel.

Wie viele Verletzungen sind das im Vergleich zu den letzten Jahren?
Zengerly: Viel weniger. Vor nicht allzu langer Zeit waren es 50 Verletzungen pro Jahr. Die Sicherheitsphilosophie war damals noch ganz anders. Das Sicherheitsdenken bei uns hat auch großen Einfluss auf unser Privatleben. Ich weiß das aus eigener Erfahrung: Man treibt seine Familie damit manchmal in den Wahnsinn.

Treffen Sie Sicherheitsvorkehrungen zu Hause?
Zengerly: Ja, man geht einfach keine Treppe hinunter ohne sich am Treppengeländer festzuhalten. Und da weise ich meine Familie auch darauf hin, wenn sie das macht.

Sie sagten eben, im Vergleich mit anderen Ländern ist Deutschland in punkto Sicherheit nicht an der Spitze. Wer ist denn besser?
Zengerly: Die Verletzungsquote der Firma, für die ich in Russland gearbeitet habe, war noch niedriger als unsere.

Woran liegt das?
Zengerly: In Russland verfolgt man die Sicherheitsvorschriften mit viel Nachdruck. Bei uns hat Fehlverhalten zwar auch Konsequenzen. In Russland ist man da ein bisschen schroffer. Damit erzeugt man weniger Verletzungen, aber auch viel Angst.

Wie steht es um die Anlagensicherheit in Godorf?
Zengerly: Das ist natürlich ein großes Thema bei uns. Ich habe die Ereignisserie der vergangenen Jahre aus der Ferne verfolgt. Immerhin habe ich zu Beginn meines Berufslebens selbst in der Rheinland Raffinerie gearbeitet. Deshalb interessierte es mich, was hier passiert. Und es hat mich gefuchst. Deshalb bin ich gerne hier angetreten, um dabei zu helfen, die Anlagen zuverlässig zu betreiben. Wir wissen aber auch: Es gibt keine absoluten Garantien. Trotzdem steht fest: Wir wollen keine Vorfälle!

Das heißt, Sie machen die Raffinerie jetzt sicherer?
Zengerly: Nicht ich alleine. Aber mit unseren guten Teams hier in der Raffinerie schaffen wir das.

Schaffen Sie 2016 ein Jahr ohne Zwischenfall?
Zengerly: Ich bin vorsichtig mit solchen Aussagen. Aber wir arbeiten dran.

2012 sind aus einer unterirdischen Leitung rund eine Million Liter Rohöl ausgetreten. Wie weit sind Sie mit der Beseitigung des „Kerosinsees“?
Zengerly: 313.000 Liter haben wir durch Abschöpfbrunnen zurückgewonnen. Wir werden diese Abschöpfung fortsetzen, wenngleich sie irgendwann an die Grenzen kommen wird. Wir wissen, dass ein Teil fest im Erdreich gebunden ist. Unter anderem durch Zugabe von Sauerstoff werden wir dessen natürlichen Abbauprozess unterstützen.

Für die Anwohner war das damals ein Schock. Dann der Brand letztes Jahr. Jetzt veranstalten Sie einen Nachbarschaftskaffee und Fahrradaktionen für die Anwohner. Bringt das was?
Zengerly: Nur Transparenz hilft, Vertrauen zu schaffen. Dabei reicht es für den Dialog natürlich nicht aus, wenn nur wir Informationen absenden. Beide Seiten müssen Interesse am Dialog haben. Dieses Interesse geht in ruhigen Zeiten eher zurück. Deshalb lassen wir uns einiges einfallen, um auch in ruhigen Zeiten in Kontakt zu bleiben. Dazu zählen eine Nachbarschaftszeitung, viele Treffen oder auch die Einladung zum Kaffee.

Wie schätzen Sie die Beziehung zu den Anwohnern derzeit ein?
Zengerly: Insgesamt ganz gut. Diese Treffen machen mir immer Spaß. Ich mag es, mit Leuten zu sprechen und externe Eindrücke zu sammeln. Es gibt sicher auch kritische Stimmen. Das hilft uns zu erkennen, wo wir uns weiter verbessern können oder müssen. Aber es sind respektvolle und konstruktive Gespräche.

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