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GA-Interview mit Helmut Heinen: „Die Pressefreiheit gilt für alle“

GA-Interview mit Helmut Heinen : „Die Pressefreiheit gilt für alle“

16 Jahre lang stand Helmut Heinen an der Spitze des Zeitungsverlegerverbandes. GA-Chefredakteur Helge Matthiesen sprach mit ihm im Interview über die Glaubwürdigkeit der Medien und Herausforderungen für die Branche.

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War ihnen zu Beginn der Amtszeit klar, dass der digitale Strukturwandel so bestimmend sein würde?

Helmut Heinen: Nein, das war nicht klar. Ich habe das Amt im Jahr 2000 übernommen, einem Rekordjahr bei den Anzeigenumsätzen. Sicher haben wir damals nicht gedacht, dass es mit Rekordwerten weiter gehen würde. Aber ich habe auch nicht erwartet, dass die Veränderungen vor allem bei den Anzeigen und im Nutzungsverhalten der Leser so schnell kommen würden.

Zeitungen ohne Stellenanzeigen oder amtliche Bekanntmachungen – haben Sie sich das damals vorstellen können?

Heinen: Da sind wir ja auch heute nicht. Ich bin sicher, dass die Zeitung generell und auch die Anzeigen eine Zukunft haben.

Hat die Branche die Digitalisierung unterschätzt?

Heinen: Ja, am Anfang. Aber wir waren zunächst durchaus euphorisch und haben uns in neue Angebotsformen gestürzt. Das fing an mit dem Bildschirmtext und den ersten Internetseiten. Es ist früh und, wie ich finde, auch mit beachtlicher Qualität auf Veränderungen hingearbeitet worden. Leider aber wurde versäumt, Erlösmodelle zu entwickeln, vor allem im Bereich der Inhalte, wo nicht deutlich genug gemacht worden ist, dass die Leser einen Beitrag zu den Redaktionskosten leisten müssen.

Erkennen Sie da inzwischen tragfähige Geschäftsmodelle?

Heinen: Immer nur teilweise. Es ist eine Zeit des Experimentierens und der Korrektur von Entwicklungen. Das Thema der Bezahlmodelle ist ein gutes Beispiel. Das betrifft die Abwicklung von Bezahlvorgängen, aber auch die Preismodelle. Das ist ein sehr komplexes Feld, in dem sich alle paar Monate neue Möglichkeiten eröffnen. Da werden wir noch viele gescheiterte, aber dann auch geglückte Versuche sehen. Es gibt erfolgreiche Modelle, aber die sind oft nicht für eine längere Zeit gesichert, denn die Rahmenbedingungen ändern sich schnell, und es ist auch für erfolgreiche Modelle oft so, dass sich das Umfeld schon nach einem Jahr wieder geändert hat und alles in Frage steht.

Müssen Verlage flexibler sein?

Heinen: Man darf nicht damit rechnen, dass man das eine, lange funktionierende Zukunftsmodell finden wird. Es mag sein, dass sich wieder Stabilität einstellt. Heute habe ich jedoch eher Zweifel, ob wir in den nächsten 20 Jahren diesen Punkt überhaupt erreichen.

Verleger haben eine Aufgabe in unserer Demokratie. Verändern sich diese Aufgaben mit der Digitalisierung?

Heinen: Es hat sich ja schon etwas verändert. Die alte Funktion der Medien, wie ein Schleusenwärter zu bestimmen, welche Nachrichten veröffentlicht werden und welche die Öffentlichkeit nicht erreichen, gibt es nicht mehr. Das war bisher professionellen Redaktionen anvertraut. In dieser Situation ist es aus meiner Sicht ganz wichtig, deutlich zu machen, wo der Unterschied zwischen professioneller Arbeit und einer Veröffentlichung von irgendjemanden liegt. Jede Veröffentlichung hat ihre Berechtigung und jede stellt, zumindest prinzipiell, einen Fortschritt für die Demokratie da. Aber es muss jetzt viel intensiver von den Rezipienten eingeordnet werden, dass sie beim Jedermann-Journalismus nicht mehr die gleiche Verlässlichkeit haben, die sie von den traditionellen Medien gewohnt waren.

Was können Zeitungen, was können Verlage da tun?

Heinen: In erster Linie gute Arbeit machen. Das bedeutet, die eigene Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit beizubehalten und zu untermauern. Es ist keine neue Qualität, die man da braucht. Neu ist aber, dass man über Fragen von Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit auch debattieren muss, mit Lesern und mit Kritikern, im konstruktiven und im kritischen Sinne. Die Leser haben noch nicht in ganzer Breite realisiert, dass Veröffentlichtes nicht immer auf professionellem Wege zustande gekommen ist.

Qualität ist auch eine Frage der Ausstattung von Redaktionen. Die wirtschaftliche Grundlage der Verlage verändert sich. Ist das ein Problem für die Zukunft der Medien?

Heinen: Es macht ganz sicher keinen Sinn, die Qualität durch Sparmaßnahmen zu gefährden. Aber es macht ganz sicher Sinn, durch Kooperationen Qualität sicherzustellen. Es muss nicht in jeder Stadt jede Redaktion alles machen und die ganze Welt im Blick behalten. Der Austausch ist durch die neuen Technologien viel einfacher geworden. Wer früher zwei bis drei Zeitungen in seiner Stadt fand, der hat heute Zugriff auf 200 oder 300, wenn er es denn will. Diese Form der Vielfalt sehe ich als völlig ungefährdet. Die Redaktionen sind da gut beraten, zusammenzuarbeiten und damit mehr Ressourcen für das einzelne Thema zur Verfügung stellen zu können.

Lange Zeit hat man politisch solche Zusammenschlüsse oder auch Aufkäufe von Zeitungen als Gefahr für die Meinungsvielfalt gesehen.

Heinen: Das ist keine Gefahr, denn der Zugang zu Zeitungen mit unterschiedlichsten Meinungen ist so viel besser geworden, sowohl was die Zahl als auch was die Geschwindigkeit angeht. Es gibt inzwischen Titel, die gedruckt wöchentlich erscheinen, aber im Netz tagesaktuelle Angebote machen. Es gibt die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die mittlerweile alle im Netz präsent sind. Hier kann man vernünftigerweise nicht von einer Einschränkung der Meinungsvielfalt durch Sparmaßnahmen oder durch marktbeherrschende Strukturen sprechen. Man würde sich vielleicht eher eine Debatte wünschen, dass diese Möglichkeiten auch tatsächlich für ein breiteres Meinungsspektrum genutzt werden.

In vielen europäischen Ländern werden Zeitungen aus staatlichen Kassen unterstützt. Ist das ein Modell auch für Deutschland?

Heinen: Ich halte wenig davon, weil all diesen Modellen das Problem anhaftet, dass man zu einer inhaltlichen Bewertung von Medien kommen kann. Man kann aber sehr wohl zeitungsfreundliche Maßnahmen auf einer allgemeineren, inhalteneutralen Ebene treffen, etwa bei der Mehrwertsteuer. Aus meiner Verbandsarbeit über 16 Jahre ziehe ich das Fazit, dass wir in der Summe besser gestellt wären, wenn es keine gesetzlichen Veränderungen gegeben hätte. Die Maßnahmen, die uns das Leben erschwert haben, sind weit in der Überzahl. Ich nenne das Werbeverbot für Tabak. Das wirkte sich im Ergebnis vor allem gegen die Zeitungen und Zeitschriften aus. Oder der Mindestlohn, der nicht eingeführt wurde, weil Zusteller, die ganz überwiegend im Nebenjob tätig sind, wegen des Zustelllohns von sozialer Not bedroht gewesen wären, sondern als einheitliche Lösung für alle Branchen.

Hat die Politik die Debatte um die Pressefreiheit unter dem Stichwort „Lügenpresse“ ernst genug genommen?

Heinen: Ich sehe durchweg ein großes Interesse und eine große Sensibilität von Politikern auf allen Ebenen, die sich sehr wohl der Bedeutung der Pressefreiheit und vor allem auch der Funktionsfähigkeit von Presse bewusst sind. Klar ist, dass es keinen „closed shop“ (einen exklusiver Zugang zu Informationen, Anm.d Red.) etablierter Medien gibt, die besondere Rechte für sich beanspruchen könnten. Pressefreiheit gilt für alle, auch für alle neuen Medienangebote. Man erkennt aber zunehmend, dass ein wechselseitiges Schlechtreden der Medien über die Politik, aber auch der Politik über die Medien, weder hilfreich, noch klug ist.