Streitkultur im Unternehmen: Der Streitschlichter

Streitkultur im Unternehmen : Der Streitschlichter

Der Bonner Wirtschaftsmediator Bernd Hoffmann sucht Lösungen für Konflikte in Unternehmen. Dabei wird es auch schon mal emotional.

Der Sohn will das Familienunternehmen vom Vater übernehmen. Dabei überwerfen sich die beiden Parteien. Der Senior will zwar aussteigen, kann aber nicht loslassen. Er will weiter im Geschäft das letzte Wort haben. Doch damit ist sein Sohn nicht einverstanden. Der Junior will nicht länger wie ein Kind behandelt werden. Vor allem aber will er Klarheit und Sicherheit. Denn so lange der Vater nicht komplett abgibt, könnte er die Firma jederzeit eigenmächtig verkaufen. Schließlich kommt es zum Eklat. Das Verhältnis ist zerrüttet. Die ganze Familie leidet unter der Situation. In solchen Momenten kommt Bernd Hoffmann ins Spiel.

Der Wirtschaftsmediator und Jurist aus Bonn bringt die Parteien wieder an einen Tisch. „Eine solche Situation ist hoch emotional“, erklärt er. Da passiert es auch schon, dass eins der Familienmitglieder in Tränen aufgelöst bei Hoffmann zu Hause anruft. Für ihn gehört das zum Beruf dazu. In acht bis neun Sitzungen innerhalb eines Dreivierteljahres seziert er gemeinsam mit den Angehörigen die Lage und die unterschiedlichen Erwartungen.

„Probleme bei der Unternehmensnachfolge sind weit verbreitet“, erklärt der Rechtsanwalt. Es geht um Neid, Loslassen oder die großen Fußtapfen der Vorgänger. Dabei muss Hoffmann für alle Seiten gleichermaßen da sein. Dass das nicht immer einfach ist, liegt auf der Hand. „In besonders schwierigen Fällen ziehe ich eine zweite Kollegin hinzu.“ Auch persönlich ist seine Aufgabe eine Herausforderung: „Es gibt immer wieder Situationen, die einem nahegehen. Man fragt sich auch selbst: War ich sachlich oder emotional?“. Selbstzweifel gehören ein Stück weit dazu.

Hoffmanns Kunden kommen in der Regel aus dem Mittelstand. Grundsätzlich nehmen aber auch große Firmen immer häufiger die Hilfe eines Mediators in Anspruch. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie, die Hoffmann als Inhaber und Geschäftsführer des Instituts für Wirtschaftsmediation gemeinsam mit der Technischen Hochschule Köln veröffentlicht hat. Demnach haben 34 Prozent der befragten Unternehmen bereits mit Mediatoren als außergerichtlichen Streitschlichtern gearbeitet. „Das halte ich für viel“, kommentiert Hoffmann. An der Studie nahmen 300 Führungskräfte aus Unternehmen unterschiedlicher Größe teil.

Die Studie sollte zeigen, wie mit Konflikten im Betrieb umgegangen wird. Die meisten Führungskräfte waren demnach zwar mit der Lösung von Konflikten im eigenen Unternehmen zufrieden. Gleichzeitig wünschen sich aber fast 80 Prozent Fort- und Weiterbildungen zu diesem Thema.

Kein Wunder: Denn die meisten Führungskräfte verbringen etwa ein Fünftel ihrer Arbeitszeit damit, Streitigkeiten zu schlichten. Und das ist teuer. Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG hat vorgerechnet, was Konflikte Unternehmen kosten können. Dabei wird ein Teil der Kosten am Gehalt der Personen festgemacht, die sich mit dem Konflikt beschäftigen müssen.

Ein konkretes Beispiel: Ein Abteilungsleiter (Jahresgehalt rund 100 000 Euro) verunsichert und demütigt mehrere seiner Mitarbeiter wiederholt über drei Jahre hinweg – ein Fall von Mobbing. Nachdem der Betriebsrat zum zweiten Mal einschreitet, lässt sich der Abteilungsleiter abfinden. Wie KPMG vorrechnet, entsteht dem Unternehmen ein Schaden von rund 433 000 Euro – inklusive Abfindung, Kündigung und Neurekrutierung eines weiteren Mitarbeiters, verlorene Arbeitszeit im Team und Rechtsanwaltskosten für den Konflikt mit dem Betriebsrat.

Ein Mediator, der für mittelständische Unternehmen arbeitet, verdiene 150 bis 300 Euro pro Stunde, verteilt auf die streitenden Parteien, so Hoffmann. Der Preis sei verhandelbar. Am Ende einer Mediation steht meist eine schriftliche Vereinbarung der beiden Parteien, die „wenn möglich nachhaltig ist und rechtlich trägt“, erklärt der Jurist. Im anfänglich beschriebenen Fall des Familienunternehmens war das allerdings anders. Der Sohn verließ den elterlichen Betrieb. Eine Einigung gab es nicht. Für Hoffmann ist aber auch das „eine Art der Konfliktlösung“.