Ein Dachs in aller Munde: Der Dax wird 30

Ein Dachs in aller Munde : Der Dax wird 30

Der deutsche Leitindex Dax feiert Geburtstag. Sein Erfinder Frank Mella aus Oberdollendorf sagt, wie es dazu kam.

Wenn man so will, bewahrheitet sich bei Frank Mella die lateinische Redensart „Nomen est omen“: Der Name als Bestimmung für eine Berufswahl oder Lebensweg. „Meles meles“ ist nämlich der wissenschaftliche Name für den Europäischen Dachs, und in ihm sieht Mella, von Beruf Wirtschaftsjournalist und heute, mit 68 Jahren, Pensionär, einen Namensvetter.

Natürlich hätte aus ihm mit einem solchen Namen auch ein Tierforscher werden können. Aber sein Dachs ist genau genommen nicht der Vertreter aus der Familie der Marder, sondern der Börsendachs, das dritte Wappentier der Frankfurter Wertpapierbörse nach Bulle und Bär. Das hängt damit zusammen, dass der deutsche Leitindex Dax, der am 1. Juli vor genau 30 Jahren eingeführt wurde, eine Entwicklung Mellas ist, für die er bereits 1995 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde.

Hilfe bei der Beseitigung des Wildwuchses

Ist der gebürtige Oberdollendorfer stolz darauf? „Nein, in diesen Kategorien denke ich nicht. Ich freue mich einfach, weil jeder den Dax kennt.“ Begonnen hatte alles 1987, als Mella, damals Redakteur bei der Börsen-Zeitung in Frankfurt, von seinem Verleger gebeten wurde, einen Aktienindex für die Frankfurter Börse zu entwickeln, weil zu dem Zeitpunkt verschiedene Indizes existierten, die miteinander konkurrierten. Mella sollte helfen, den Wildwuchs zu beseitigen.

Ein hartes Stück Arbeit. Drei Monate lang – meistens in seiner Freizeit, denn sein Ressortleiter verlangte das normale Redakteurspensum von ihm – brütete Mella über einem Konzept. Im März 1987 legte er ein 30-seitiges Diskussionspapier vor, das dem Verleger so sehr gefiel, dass er es an die Experten der Finanzwelt weiterleitete. „Und dann ging es durch die Gremien, und ich habe mich gefragt, ob überhaupt noch einmal etwas daraus wird“, erzählt Mella, der in seinem Elternhaus in Oberdollendorf zwischen wohl sortierten Stapeln von Zeitungsausschnitten, Börsenberichten und gerahmten historischen Aktienpapieren lebt. Der Geruch von Zigarrenrauch hängt in der Luft.

Kind des technischen Fortschritts

„Der Dax ist ein Kind des technischen Fortschritts“, erklärt Mella, der daran erinnert, dass früher einmal die Börse nur zwei Stunden täglich geöffnet war und die Börsenentwicklung innerhalb dieser Zeit halbstündlich festgehalten wurde. Heute geschieht dies dank schneller Computer im Sekundentakt, und gehandelt wird je nach Plattform acht Stunden und mehr.

„Deutscher Aktienindex“ war zunächst nur ein Arbeitstitel, das Kürzel kam später hinzu. Eingefallen sei es dem damaligen Börsenvorstandsmitglied Manfred Zaß, berichtet Mella.

Dem studierten Volkswirt waren die Augen geöffnet worden, als er Anfang der 1980er Jahre die Chicagoer Warenterminbörse besuchte. Solche Termingeschäfte sollten auch in Deutschland möglich sein, und deshalb wollte Mella den Dax so konzipieren, dass er Grundlage für den Handel mit „Futures“ und „Options“ werden konnte.

Der Dax – wie sein Vorbild, der Dow Jones – misst die 30 größten und liquidesten Unternehmen des deutschen Aktienmarktes, denn auch die Kapitalvermehrung durch Dividenden wird mit einbezogen.

Mehr als 30 Konzerne im Dax?

Die gelegentlich aufflammende Diskussion, ob die Zahl der Dax-Unternehmen erweitert werden soll, hält Mella für Unfug. Kritiker monieren, dass der Index die Struktur der deutschen Wirtschaft nicht ausreichend spiegele. Mella argumentiert mit der Tatsache, dass die Dax-Konzerne 80 Prozent der Marktkapitalisierung börsennotierter Aktiengesellschaften repräsentieren.

In drei Jahrzehnten hat sich der Dax zu einem der weltweit bedeutendsten Aktienindizes entwickelt, er dient als Basiswert für über 150.000 Finanzprodukte. Die Frankfurter Börse würdigt diesen Umstand in einer Feierstunde am Montag. Mella hält eine Einladung in der Hand: Der Erfinder des Dax wird dabei sein.