Verbraucher: Das ist beim Wechsel des Stromanbieters zu beachten

Verbraucher : Das ist beim Wechsel des Stromanbieters zu beachten

Wenn Stromanbieter die Preise erhöhen, sind die Kunden oft verärgert. Doch die wenigsten sind so konsequent und wechseln dann den Anbieter. Das Bundeskartellamt empfiehlt Verbrauchern genau das.

Der Brief mit der angekündigten Strompreiserhöhung lag im März im Briefkasten von GA-Leser Claus Winkelmann (Name von der Redaktion geändert). Um satte 36 Prozent soll sich zum 1. Mai der Grundpreis seines Naturstrom-Tarifs von den SWB Energie und Wasser erhöhen, der Verbrauchspreis um 5,72 Prozent. Winkelmann hat ausgerechnet, dass ihn der Strom unter dem Strich 10,5 Prozent mehr kosten dürfte.

Laut dem Vergleichsportal Check24 haben seit Jahresbeginn schon 607 Grundversorger allein ihre Basistarife um durchschnittlich 5,2 Prozent angehoben. Die Strompreise seien auf einem neuen Rekordniveau, so Check24. Um den Wettbewerb auf dem Strommarkt voranzutreiben, empfiehlt auch der jüngste „Monitoringbericht“, den das Bundeskartellamt und die Bundesnetzagentur im Februar gemeinsam veröffentlichten, einen Anbieterwechsel: „Allerdings lohnt sich für Haushaltskunden weiterhin der Wechsel vom Grundversorgungsvertrag zu anderen Verträgen“, heißt es dort.

31 Prozent der Privathaushalte beziehen ihren Strom inzwischen von einem Alternativanbieter, doch wenn es nach den Regulierungsbehörden geht, könnten es noch viel mehr sein. 2017 wechselten 4,7 Millionen Haushalte ihren Stromanbieter. Im Schnitt stehen 124 Versorger und Händler zur Auswahl, doch in Bonn sind es sogar rund 430. „Ich wollte eigentlich dem Heimatversorger treu bleiben“, sagt Winkelmann. „Doch bei einem solch drastischen Anstieg des Grundpreises muss ich das überdenken.“

Kein Buch mit sieben Siegeln

Ein Buch mit sieben Siegeln ist der Strommarkt für Verbraucher längst nicht mehr. Die in den 1990er Jahren begonnene Liberalisierung im Energiebereich hat zu rechtlichen Entflechtungen und Privatisierungen geführt. Die Idee: Trenne die physische Infrastruktur, also die Leitungen, und deren Betrieb vom Strom, sodass der Privatkunde diesen als eigenes Produkt kaufen kann. Von einem Stromerzeuger in Bayern, einem Grundversorger in Norddeutschland oder einem reinen Stromhändler. So ist die Bonn-Netz GmbH heute ein eigenständiges Unternehmen der Stadtwerke Bonn (SWB), im Strombereich ist sie für rund 3300 Kilometer Kabel auf einer Fläche von 140 Quadratkilometern zuständig. Die Preise, die sie den Stromlieferanten für die Netznutzung in Rechnung stellt, muss sie sich von der Bundesnetzagentur genehmigen lassen. Der örtliche Grundversorger, die SWB Energie und Wasser, muss für seine Stromdurchleitung dieselben Preise zahlen wie andere Anbieter.

„Bei einer so großen Netzlänge haben wir auch höhere Instandsetzungskosten als andere Netzbetreiber“, erklärt Geschäftsführer Theo Waerder unserer Zeitung. Im Endkundenpreis für Strom machen die Netzgebühren im Schnitt 23 Prozent aus (siehe Grafik). Allerdings sind diese Preise regional sehr unterschiedlich – auch das erfasst der Monitoringbericht akribisch. In Ostdeutschland etwa sind die Netzentgelte im Mittel viel teurer, weil die Netze sehr groß dimensioniert sind, für oftmals dünn besiedeltes Gebiet. Im dicht besiedelten NRW sind sie eher günstig.

Auch die Preisblätter für die Netznutzung sind im Internet einsehbar: Bonn-Netz hat bis 2017 keinen Grundpreis erhoben, nun ist er pro Haushaltsanschluss innerhalb eines Jahres um 26,50 auf 39 Euro pro Jahr angestiegen, dafür hat man den Arbeitspreis ein wenig gesenkt. In dem Anschreiben an den Leser Winkelmann hatte die SWB die Verteuerung des Naturstrom-Tarifs damit begründet, dass nicht nur die Strombezugskosten, sondern auch der Grundpreis für die Netzentgelte gestiegen seien.

Auffällig ist: Nach einem jahrelangen Anstieg der Netzentgelte sind laut Monitoringbericht diese Kosten bei einem typischen Jahresverbrauch von 2500 bis 5000 kWh im vergangenen Jahr erstmals wieder gesunken – im Bundesschnitt.

Kostenersparnis dank Bonus

Warum es in Bonn offenbar anders ist, erklärt Waerder so: Wegen sinkenden Stromverbrauchs, weil Haushalte ihren eigenen Solarstrom produzieren, habe Bonn-Netz die „Systematik von Grundpreis und Arbeitspreis geändert“, sprich den Grundpreis erhöht. Warum Bonn überhaupt ein so ausgedehntes Netz hat, erklärt der Geschäftsführer mit der früheren Regierungssitzfunktion: Die Bundesministerien hätten eine hohe Versorgungssicherheit benötigt, weshalb sie jeweils über mehrere Anschlüsse verfügten. „Unsere Netze haben eine hohe Ausfallreserve“, betont Waerder. Steuern, Abgaben und Umlagen wie die Förderung der erneuerbaren Energien machen mehr als die Hälfte des Strompreises aus. Bleiben im Schnitt 22,4 Prozent des Endkundenpreises, den die Anbieter selbst in der Hand haben: Energiebeschaffung, Vertrieb und Marge.

Hier kommen nun die Vergleichsportale ins Spiel. Im Energiebereich sind Check24 und Verivox die Internetportale mit dem größten Lieferantenangebot. Sie funktionieren nach demselben Schema: Gibt der Nutzer seine Postleitzahl ein, weiß der Algorithmus, welcher Grundversorger vor Ort ist. Automatisch ist der Grundtarif für den Strom eingestellt. Der Nutzer muss nur noch seinen bisherigen Jahresverbrauch eingeben, und schon wirft das System in wenigen Sekunden eine Liste mit Alternativangeboten aus.

Im Fall des Lesers Winkelmann gibt er allerdings als Vergleichstarif Bonn Naturstrom ein, der bei einem Jahresverbrauch von 2500 KWh 818 Euro kostet. Da er weiterhin reinen Ökostrom will, trägt er dies in einer Filtermaske ein und erhält bei Verivox nun 51 Vergleichsangebote. Sie reichen von rund 692 Euro bis 855 Euro, beim letzten Tarif ist aber vermerkt, dass der Anbieter keinen Bonus zahlt.

Es stellt sich heraus, dass die Kostenersparnis im Wesentlichen aus einer Kombination von „Sofortbonus“ und „Neukundenbonus“ beruht, die immer nur für das erste Jahr gelten. Immerhin: Da auch die Vertragslaufzeit in der Regel zwölf Monate beträgt, könnte der Kunde dann seinen Anbieter wechseln, um dort wieder den Neukundenbonus zu erhalten.

Preisspannen von 38 Prozent

Das Kartellamt und die Netzagentur haben in dem Monitoringbericht festgestellt, dass der Spielraum der vom Lieferanten beeinflussbaren Preisspannen im vergangenen Jahr bei 38 Prozent lag – so groß war der Abstand zwischen dem Durchschnittspreis der Grundversorger und dem Durchschnittspreis der Lieferanten, die nicht der örtliche Grundversorger sind. 2017 hatte diese Preisspanne noch bei 29 Prozent gelegen.

Der Monitoringbericht listet auch auf, wie viel Verbraucher im Durchschnitt bei einem Wechsel sparen können: Wählte er einen neuen Tarif bei seinem örtlichen Grundversorger, betrug die Preisreduktion 68 Euro (bei einem Verbrauch von 3500 kWh), bei einem Alternativanbieter lag die Ersparnis bei 85 Euro. Einmalige Bonuszahlungen beim Grundversorger betrugen im Schnitt 55 Euro.

Anruf bei der SWB Energie und Wasser: Kann die Gesellschaft auch Winkelmann ein Alternativangebot machen? Antwort: Beim Naturstrom-Tarif ist nichts zu machen. Aber er könne ja Beethoven-Strom wählen, das ist ein Mix aus 75 Prozent Ökostrom und 25 Prozent Atom- und Kohlestrom. Bei zwölf Monaten Laufzeit und einer Preisgarantie bis 2021 soll das den Leser 732 Euro kosten. Eine Ersparnis von 86 Euro oder 10,5 Prozent. Es entspricht genau der Erhöhung seines bisherigen Tarifs.

Im Vergleich zum SWB-Tarif Bonn-Basis würde Winkelmann bei Verivox sogar 184 Euro sparen. Dass der Grundversorgungstarif immer der teuerste ist, erklärt sich aus den Risikofaktoren: Hier sind die Kündigungsfristen am kürzesten. Außerdem müssen die Grundversorger bei Insolvenz eines Lieferanten den Strom für die betroffenen Haushalte bereitstellen.

Und dieser Fall ist gar nicht selten. Bonn-Netz-Geschäftsführer Waerder erklärt, wöchentlich gehe im Schnitt ein Lieferant insolvent. Verbraucherschützer raten deshalb, bei einem Lieferantenwechsel niemals in Vorkasse zu gehen, weil bei einer Pleite das Geld verloren sei. Ansonsten ist ein Anbieterwechsel praktisch risikolos. Sorge, ohne Strom zu sein, braucht niemand zu haben.

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