Virtueller Yuan: China führt staatliche Digitalwährung ein

Virtueller Yuan : China führt staatliche Digitalwährung ein

Das Geld wird von der Zentralbank programmiert und kontrolliert. Es soll keine Konkurrenz zu Bitcoin sein und gilt als neues Überwachungsinstrument.

Die chinesische Regierung lehnt Krypto-Geld wie Bitcoin ab – und führt zugleich eine offizielle Digitalwährung ein. Aus offizieller Sicht gibt es hier keinen Widerspruch: Die neue Währung ist von der Zentralbank programmiert und kontrolliert. „Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, wir sind startbereit“, sagte Mu Changchun, ein hochrangiger Beamter der Notenbank, auf einer Konferenz in Shanghai. Damit befindet sich China auf bestem Wege, „das erste größere Land zu sein, dem die Einführung einer staatlichen Digitalwährung gelingt“, schreiben Experten der Krypto-Börse Binance in einem aktuellen Forschungspapier. „Es handelt sich jedoch nicht um Konkurrenz für existierende Kryptowährungen wie Bitcoin oder Monero.“

Chinas offizielle Digitalwährung ist im Wesentlichen eine hochgradig digitalisierte Version des herkömmlichen Geldes. Ein „Upgrade der umlaufenden Geldmenge“ sieht Binance in dem Projekt. Das markiert zwar einerseits eine wichtige technische Neuerung: Ihre Einführung bereitet das Finanzsystem auf die Möglichkeiten der Zukunft vor. Von einer chinesische Version von Bitcoin lässt sich jedoch schon deshalb nicht sprechen, weil Chinas staatliche Banken den Daumen auf dem virtuellen Yuan halten werden.

Die Idee hinter Krypto-Währungen war ursprünglich anarchisch. Sie wollten die Macht des Staates nicht stärken, sondern untergraben. Bitcoin ist daher unabhängig von Zentralbanken, Großunternehmen und dem ganzen Apparat rund um das Normalgeld. Der chinesische Staat empfindet solche Digitalwährungen als Bedrohung für die Stabilität, wie der dortige Zentralbankchef mehrfach betont hat. Ein Pfeiler der Macht für die allein herrschende Kommunistische Partei ist schließlich die Kontrolle von Geld und Wirtschaft. Die China-Coins sind deshalb weder unabhängig noch dezentral, im Gegenteil: Letztlich sind sie ein neues Überwachungsinstrument.

Das neue Projekt machte deshalb zwar bestimmte Vorteile von Digitalwährungen auf breiter Front nutzbar, aber die Zentralbank behält immer Zugriff auf die entscheidenden Stellschrauben. Es handelt sich dabei am ehesten um eine Reaktion auf Libra, eine Schöpfung des Facebook-Konzerns, die das Bezahlen im Netz und das Verschieben von Geld rund um den Globus erleichtern soll.

Libra ist für China ein Alarmzeichen

Hinter der Einführung von Libra stecken bereits ganz andere Motive als hinter Bitcoin. Hier geht es vor allem um die Profitinteressen von Großkonzernen. Für China ein besonderes Alarmzeichen: Der Yuan wird den bisher veröffentlichten Facebook-Plänen kein Teil des Libra-Systems sein, weil er nicht international handelbar ist.

Die Ausgabe der chinesischen Zentralbank-Digitalwährung soll wie die des normalen Geldes über die Geschäftsbanken erfolgen, sagt Mu. Die neue Währung sei jederzeit gegen den Yuan eintauschbar. Sie verfolge einen doppelten Ansatz: zum Teil beruhe sie auf Blockchain-Technik, zum Teil auf herkömmlichen Verrechnungsverfahren. In einem Feldversuch habe sich gezeigt, dass die Blockchain nicht schnell genug sei, um die Transaktionen vieler Nutzer gleichzeitig korrekt abzubilden.

Der digitale Yuan ließe sich damit bestens für mobiles Bezahlen, für unkomplizierte Kreditvergabe oder für den Bau automatisierter Finanzprodukte verwenden. Doch alle Beschränkungen des alten Yuan bleiben erhalten: Überweisungen über die Landesgrenze hinaus bleiben genehmigungspflichtig, und der Staat kann selbst im Inland jeden Geldfluss nachvollziehen. Ein wichtiges Ziel laut Zentralbank ist es denn auch, den Kampf gegen „Geldwäsche und Terrorismus“ zu stärken. Als Terroristen gelten in China wohlgemerkt alle unzufriedenen Staatsbürger, die aufmucken wollen. Aus Sicht der Nutzer herrscht zwar eine gewisse Anonymität, doch der Staat kann weiterhin überall hineinschauen.

Aus Sicht von Krypto-Experten handelt es sich bei so einem dirigistischen Ansatz um eine vertane Gelegenheit. „Der vielleicht wichtigste technologische Durchbruch des Jahrhunderts wird zu einer technischen Effizienzsteigerung degradiert“, sagt Christoph Bergmann, Betreiber von Bitcoinblog.de und Autor des maßgeblichen deutschsprachigen Buches zu Bitcoin. Eine öffentliche, dezentrale Blockchain wäre eigentlich eine riesige Chance, so Bergmann: Die Staatsfinanzen lassen sich damit transparenter machen und die Inflation berechenbar. Wenn Staaten aber eine eigene Blockchain benutzen, dann verkehren sie diesen Gedanken ins Gegenteil. „Die größten Vorteile einer Blockchain werden hinfällig, wenn sie zentralisiert von einem Staat betrieben werden“, so Bergmann. „Sie wird weder transparent sein noch inflationsresistent.“

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