Säumige Kunden: Bonner Fachleute zeigen, wie man Stromsperren vermeidet

Säumige Kunden : Bonner Fachleute zeigen, wie man Stromsperren vermeidet

Nach jüngsten Daten ist im Jahr 2017 rund 344.000 Haushalten der Strom abgedreht worden. Der Arbeitskreis „Energiesperrungen vermeiden“ hilft Bonnern, die ihre Rechnung nicht mehr bezahlen können.

Stephan Herpertz schaut sich die Anzahl der Briefkästen vor der Haustür genau an: „Drei Wohneinheiten“, konstatiert er und fügt nach einem Blick auf die Fassade hinzu: „Das Haus stammt aus der Gründerzeit, um 1900 gebaut.“ Der Bonner Energieberater der Verbraucherzentrale NRW kann schon nach wenigen Minuten Vermutungen über die Probleme seiner Kunden anstellen. „In der Regel ist das warme Wasser einer der Treiber für den hohen Stromverbrauch“, sagt Herpertz. Heute hilft er einer Mieterin aus Bonn, die von einer Stromsperre bedroht ist.

Judith R. (Name von der Redaktion geändert) wechselte vor rund einem Dreivierteljahr, als sie arbeitslos wurde, von einem privaten Stromanbieter zu den Stadtwerken Bonn (SWB). Ihren monatlichen Abschlag von früher 70 Euro konnte sie auf 50 Euro reduzieren. Die Stadtwerke schätzten ihren Stromverbrauch auf 2000 Kilowattstunden pro Jahr. Damit läge sie laut Stromspiegel für Deutschland 2019 im Durchschnitt eines Einpersonenhaushalts. Doch vor einigen Wochen erhielt sie einen Brief, in dem sie aufgefordert wurde, über 200 Euro nachzuzahlen. „Ich konnte mir die Summe nicht erklären. Die Schuldnerberatungsstelle vermutete, dass ich einen Stromfresser in meiner Wohnung haben könnte und leitete mich an Herrn Herpertz weiter“, erklärt die Bonnerin.

Energieberater klärt: "Wo bleibt der Strom?"

Der Energieberater findet nach einem Blick auf den Stromzähler und die letzte Abrechnung schnell heraus, dass Judith R. mit einem Stromverbrauch von über 3000 Kilowattstunden in der schlechtesten Energieeffizienzklasse des Stromspiegels liegt und deshalb hohe Nachzahlungen ausgleichen muss. „Wo bleibt der Strom? Das klären wir jetzt“, kündigt Herpertz an und prüft mit einem Test zunächst, ob der Stromzähler richtig funktioniert und ob auch der richtige Zähler abgelesen wurde. „Es kommt sehr selten vor, dass der Zähler kaputt ist, aber es kann passieren“, erklärt er. Indem er einige Minuten lang warmes Wasser, das in der Wohnung von Judith R. mit einem Durchlauferhitzer aufgewärmt wird, laufen lässt, kann er erkennen, welcher Zähler zu welcher Wohnung gehört, ob dieser funktioniert und ob der Energieverbrauch bei der Erhitzung des Wassers durchschnittlich ist.

„Wie oft gehen Sie pro Woche duschen? Wie lang fließt dabei warmes Wasser? Wie lang lassen Sie es beim Spülen laufen?“, fragt Herpertz die Bewohnerin. Immer wieder tippt er Zahlen in seinen Taschenrechner ein und stellt dabei fest, dass der Warmwasserverbrauch zwei Drittel des Energieverbrauchs in dem Haushalt ausmacht. „Eine Minute warmes Wasser kostet zehn Cent. Stellen Sie sich vor, dass Sie jedes Mal eine Minute weniger duschen und das gesparte Geld dafür in ein Sparschwein stecken“, versucht Herpertz zu verbildlichen.

Stromsperrungen können meist vermieden werden

Seit 2015 sitzt der Fachmann regelmäßig mit anderen Institutionen im Arbeitskreis „Energiesperrungen vermeiden“ an einem Tisch, um gegen Stromsperren in Bonn vorzugehen. „Wir wollen so früh wie möglich tätig werden“, sagt Hermann Classen vom Verein für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe „Motiviva“. In den meisten Fällen kann der Arbeitskreis laut Carolin Herpertz von den Stadtwerken Bonn durch die Hilfsangebote Sperrungen vermeiden oder Ratenzahlungen vereinbaren. Zu Stromsperren kommt es „bei einem Rückstand von 100 bis 150 Euro“, berichtet sie. „In der Regel entsperren wir den Strom bei Zahlungsverzug nach zwei bis drei Tagen wieder.“

Doch wie kann es überhaupt so weit kommen? „Die Gründe für einen Zahlungsverzug sind vielfältig: Arbeitslosigkeit, psychische Drucksituationen, eine Scheidung. Die Betroffenen sind häufig überfordert“, sagt der Leiter der Sozialberatung des Bonner Caritasverband, Jörn Unterburger. Eine zusätzliche Stromsperre könne für Betroffene existenzbedrohend sein. Die Zusammenarbeit der Institutionen sei von besonderer Bedeutung, da auf diese Weise viel schneller Lösungen gefunden werden.

Stephan Herpertz versucht direkt vor Ort, zum Beispiel in der Wohnung von Judith R., Probleme zu lösen. Seine Tipps an die Bonnerin: „Jeden Tag drei bis fünf Minuten weniger warmes Wasser laufen lassen, beim Kochen immer den Deckel auf den Topf tun und bei Gelegenheit vielleicht einen kleineren und effizienteren Kühlschrank kaufen.“ Unter anderem mit diesen Tricks könne die Mieterin ihren Verbrauch um 1000 Kilowattstunden reduzieren. Doch das Wichtigste ist: „Strom liegt in der eigenen Verantwortung. Regelmäßiges Ablesen des Stromzählers kann schon helfen. Kontrolle ist der erste Weg, Defekte festzustellen und Strom zu sparen.“ Judith R. sieht positiv in die Zukunft: „Es ist toll, dass es so eine kostenlose Beratung gibt. Ich denke, dass ich meinen Stromverbrauch jetzt gut reduzieren kann.“

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