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Diskriminierung am Arbeitsmarkt: Bewerber ohne Gesicht

Diskriminierung am Arbeitsmarkt : Bewerber ohne Gesicht

Niklas oder Sefa? Büsra? Oder lieber eine Marie? Dass der Name in Deutschland ein ausschlaggebendes Kriterium für den Erfolg einer Bewerbung sein kann, hat in den vergangenen Jahren vermehrt zu Debatten geführt.

Denn auch bei vergleichbarer Qualifikation haben Bewerber mit einem fremd klingenden Namen deutlich schlechtere Chancen, überhaupt zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Ein Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, an dem sich mehrere große Unternehmen und Behörden beteiligten, sollte zum Umdenken anregen - mit anonymisierten Bewerbungen. Doch etwas mehr als drei Jahre nach Ende des Projekts haben die sich auf dem Arbeitsmarkt lange nicht zum Standard entwickelt.

"Wir haben mit dem Pilotprojekt mehr erreicht, als wir jemals erwartet hätten", zeigt sich Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, trotzdem zufrieden. Denn das Thema stehe weiterhin in der öffentlichen Debatte, außerdem gebe es mittlerweile in über zehn Ländern Projekte, an denen sich Unternehmen, aber vor allem auch Behörden oder Stadtverwaltungen beteiligen. "Viele halten nach dem Projekt am anonymisierten Bewerbungsverfahren fest", sagt Lüders. "Sicher auch, weil es zu deutlichen Effizienzgewinnen bei der Personalauswahl führen kann." Von dem ersten Projekt, an dem sich unter anderem die Post und die Telekom beteiligten, nutze ihren Informationen nach noch gut die Hälfte die anonymen Verfahren. Post und Telekom zählen allerdings nicht dazu. Die beiden Dax-Konzerne hatten damals direkt erklärt, dass das bereits vorher etablierte Bewerbermanagement ausreichende Chancengleichheit garantiere.

Für Michael Bus war das Pilotprojekt der Schlüssel zum Erfolg: Als 40-Jähriger hatte er sich damals auf eine Stelle als Trainee bei der Bundesagentur für Arbeit beworben. Heute ist er dort in einer Führungsposition. "Das Verfahren hat mich gereizt, weil ich wegen meines Alters schon viele Absagen erhalten hatte", berichtet Bus. Doch obwohl sich das Verfahren laut Pressesprecherin Aneta Schikora bewährt habe, ist die Bundesagentur für Arbeit ebenfalls seit gut zwei Jahren davon abgerückt. Der Grund: "Zu viel Aufwand", erklärt Schikora. Denn aus Datenschutzgründen habe man jede Bewerbung händisch schwärzen müssen. Eine geschickte technische Lösung fehle bislang. Aber sie betont: "Wir vertreten sowieso einen sehr bewussten Ansatz zur Diversität."

Dort setzt auch die Kritik der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände an, die sich gegen eine standardmäßige, anonyme Bewerbung ausspricht. "Die Unternehmen in Deutschland sind viel weiter, als der Ruf nach anonymisierten Bewerbungen weismachen will. Sie haben die Vorteile der Vielfalt längst erkannt", betont ein Sprecher. Schon aus demografischen Gründen könne man es sich nicht leisten, geeignete Bewerber nach "unsachlichen Kriterien" auszuwählen. In den USA, England und Skandinavien seien die anonymen Bewerbungen dagegen längst Standard, berichtet Lüders. Die Arbeitgeber relativieren das: "Erfahrungen im Ausland zeigen, dass die positiven Effekte nicht belegbar sind." Sicher seien nur der bürokratische Mehraufwand und die höheren Kosten.

Annabelle Krause vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) sieht darin ebenfalls einen Grund dafür, dass sich das Verfahren in Deutschland noch nicht flächendeckend durchgesetzt hat: "Wenn Unternehmer nicht komplett von dem Sinn überzeugt sind, wollen sie die Umstellungskosten natürlich vermeiden." Doch die anonymisierte Bewerbung berge eine große Chance. Denn dass diese tatsächlich weniger aussagekräftig sei, weil ihr Name, Foto, Alter und Geschlecht fehlen, weist Krause entschieden zurück: "Es geht nicht darum, weniger in die Bewerbung zu schreiben. Vielmehr soll der Fokus von bestimmten Merkmalen genommen werden." Besonders in den kleineren Unternehmen werde stärker diskriminiert. Diese Erfahrung hat auch Michael Bus gemacht.

Zum einen, als er sich selbst bewarb, aber auch, als er in seiner ehemaligen Position in einem kleineren Unternehmen Mitarbeiter einstellte. "Bilder und Namen haben einen großen Einfluss. Vielen haben wir wegen dieser Faktoren nie eine Chance gegeben", sagt Bus. Doch gerade wenn es nur wenige Bewerbungen gibt, ist der Aufwand für die Anonymisierung hoch. Dass die Unternehmen vorsätzlich diskriminieren, sei aber eher nicht der Fall, meint Krause: "Vielmehr geht es um Stereotypen." Diese könnten aber im persönlichen Kontakt widerlegt werden, sagt Lüders von der Antidiskriminierungsstelle: "Entscheidend ist, dass Sie nicht einfach wegsortiert werden, nur weil Sie eine Frau sind, zu alt oder einen fremd klingenden Namen haben."

Ein Garant für eine Anstellung ist das aber nicht. Denn beweisen müsse man sich trotzdem, sagt auch Michael Bus: "Mein Erfolg ist eine Mischung aus der Chance, die ich durch das anonyme Verfahren bekommen habe, und dem Beweisen meiner eigenen Stärken."