Ärger über private Krankenversicherung: Auf dem Rücken der Versicherten

Ärger über private Krankenversicherung : Auf dem Rücken der Versicherten

Teils kräftige Beitragserhöhungen bei privaten Krankenversicherungen verunsichern die Mitglieder. Dennoch: Einfach die Kasse zu wechseln, kommt für die meisten Betroffenen nicht infrage.

Eigentlich war Ünal Ölcücü bisher zufrieden mit seiner privaten Krankenversicherung bei der DKV: Als der Elektroingenieur vor einem Jahr einen Bandscheibenvorfall erlitt, freute er sich über die schnelle und erfolgreiche Behandlung in einer renommierten Privatklinik.

Seit einem Monat sieht der Niederkasseler aber auch die Kehrseite der Medaille: „Ich hatte zu Jahresbeginn innerhalb der DKV den Tarif geändert um meinen Beitrag zu reduzieren“, sagt er. Das sei zwar mit einer Leistungsminderung verbunden gewesen, habe ihm aber auch um die 100 Euro monatlich sparen sollen. Diese Rechnung ist allerdings ganz und gar nicht aufgegangen, denn wie vielen anderen privat Versicherten flatterte auch Ölcücü sechs Wochen später eine Rechnung mit einer saftigen Tariferhöhung ins Haus: „135,99 Euro soll ich jeden Monat mehr bezahlen, das sind satte 31,1 Prozent.“ Bei vielen der 7,9 Millionen privat Versicherten ist die Stimmung nun ähnlich getrübt, wie bei Ölcücü: Mit Axa und DKV haben zwei große Versicherer ihre Beiträge zu Jahresbeginn erhöht oder eine Erhöhung angekündigt.

Einfach die Kasse zu wechseln, kommt für die meisten Versicherten nicht infrage, weil dann fast immer die Rückstellungen weg sind. In der privaten Krankenversicherung sparen die Mitglieder in jungen Jahren Gelder an, die dann später der Beitragsminderung zugute kommen.

Doch warum kommt es bei den Privaten immer wieder zu solch drastischen Preiserhöhungen? Tatsache ist schließlich, dass die Kosten einer alternden Bevölkerung oder der medizinische Fortschritt die gesetzlichen Kassen genauso treffen. Offenbar ist die Ursache eine Kombination der neuen Unisextarife und der anhaltenden Niedrigzinsphase: „Das Zinsergebnis dürfte maßgeblich dazu beigetragen haben, dass die Anpassung im Fall der DKV so überdurchschnittlich hoch ausgefallen ist, meint auch Reiner Will, Geschäftsführer der Kölner Ratingagentur Assekurata. Außerdem geht die Selbstverpflichtung der Privaten in fast allen Tarifen über das rein medizinisch Notwendige hinaus.

All das hat Einfluss darauf, wie viel Vorsorge die private Kasse für später treffen muss: „Vorauseilend einkalkuliert werden darf dies nicht. Vielmehr sind die Versicherungsunternehmen dazu verpflichtet, jedes Jahr aufs Neue die tatsächlichen Ausgaben in ihren Tarifen mit den kalkulierten Daten zu vergleichen“, sagt Dirk Lullies vom Verband der Privaten Krankenversicherungen. „Erst bei einer Abweichung um mehr als 10 Prozent müssen die Versicherer gegebenenfalls die Beiträge anpassen.“

Diese Regelung führe bisweilen dazu, dass nach mehrjährigen Phasen ohne Beitragsanpassung später auch sämtliche Leistungssteigerungen aus den Vorjahren eingepreist werden müssten. Lullies’ Verband wünscht sich daher, dass gesetzliche Kalkulationsgrundlagen angepasst werden, damit sich die Beiträge stetiger und damit moderater entwickeln. Die geltenden starren Schwellenwerte seien zu unflexibel und führten zu einem unnötigen Wechsel von mehrjährigen Null-Runden und dann sprunghaft ansteigenden Beiträgen.

Finanzmathematisch wären die aber gar nicht so ungünstig für den Kunden: „Entgegen dem spontanen Empfinden zahlen wir nämlich bei einer zwar höher ausfallenden aber später eintretenden Anpassung unter dem Strich weniger, als bei einer kontinuierlich steigenden aber dafür früher einsetzenden“, so Versicherungsfachmann Will.

Er könne zwar konkrete Beitragserhöhungen nicht kommentieren, so Lullies . Sein Verband rate Versicherten aber, sich immer die verschiedenen Tarife ihrer jeweiligen Versicherung genau anzusehen. Oft sei ein Wechsel innerhalb des Unternehmens zu annähernd gleichen Leistungen möglich. Ein Rat, den Ölcücü bereits zu Jahresbeginn befolgt hat, dennoch bezahlt er mehr als vorher. „Vielleicht sind die Forderungen nach einer Bürgerversicherung doch nicht so verkehrt“, fragt sich der Ingenieur ein wenig ratlos.

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