Interview mit Thorsten Galert: "Argumente gegen Hirndoping sind nicht zu Ende gedacht"

Interview mit Thorsten Galert : "Argumente gegen Hirndoping sind nicht zu Ende gedacht"

Die Argumente in der Debatte um das Hirndoping sind nicht zu Ende gedacht, findet Thorsten Galert, Neuro-Enhancement-Experte vom Deutschen Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften in Bonn.

Über den Druck der Leistungsgesellschaft, die Schwelle der Zumutbarkeit und das Eingreifen in die Natur sprach mit ihm Katrin Puvogel.

Würde es sich heute lohnen, vor der Arbeit eine leistungssteigernde Pille einzuwerfen?
Thorsten Galert: Die Präparate heute sind noch sehr unvollkommen. Bei Gesunden scheinen sie kaum zu wirken, und es ist ungewiss, welche Nebenwirkungen sie haben. Aus Gründen der Klugheit würde ich also nicht dazu raten. Interessanter ist die Frage, was eigentlich dagegen spräche, ideale Präparate einzunehmen, die zukünftig verfügbar sein könnten.

Da fällt vielen Menschen sicherlich so einige Kritik ein.
Galert: Viele der ethischen Argumente, die belegen sollen, dass Neuro-Enhancement grundsätzlich verkehrt sei, sind aber nicht zu Ende gedacht. So halten es manche etwa für falsch, Pillen zur Leistungssteigerung zu nehmen, weil damit in die Natur des Menschen eingegriffen werde. Wir lehnen es aber offenbar nicht ab, mit den gleichen Präparaten "natürlich" auftretende Krankheiten zu bekämpfen.

Sind die Behandlung einer Krankheit und das Verändern der gesunden Persönlichkeit nicht zwei völlig unterschiedliche Dinge?Galert: Auch Medikamente, mit denen psychische Erkrankungen behandelt werden, oder Therapien greifen in gewisser Weise in die Persönlichkeit ein. Das aber würden die wenigsten ablehnen. Und auch ansonsten nehmen wir unsere Persönlichkeit nicht einfach als gegeben hin. Eine Veränderung der Persönlichkeit kann ja auch eine positive sein, weil wir sie bewusst entwickeln und gestalten. Kritiker des Neuro-Enhancements müssten erklären, warum gesunde Menschen in diesem Prozess nicht auf Pillen zurückgreifen dürfen sollten.

Wie ordnen Sie die Suchtgefahr von Neuro-Enhancement-Präparaten ein?
Galert: Es macht sicherlich Sinn, restriktiv mit Mitteln umzugehen, die körperlich abhängig machen. Doch man kann nicht alles verbieten, wovon Menschen psychisch abhängig werden können. Fast alle Menschen sind in diesem Sinn von etwas abhängig, sei es das Handy oder der Aberglaube, dass zwei unterschiedlich farbige Socken für den Erfolg in einer heiklen Klausur verantwortlich sind.Bei den Rufen nach einem Verbot von Hirndoping handelt es sich eigentlich um einen Stellvertreterkrieg.

Stellvertretend für was?
Galert: Wir betrachten den Druck in unserer Leistungsgesellschaft und fragen uns, wann die Schwelle zur Unzumutbarkeit erreicht ist. In der öffentlichen Debatte ist das oft der besagte Griff zum Medikament. Doch wären theoretisch ideale Präparate verfügbar, müsste man diese Schwelle ganz neu diskutieren. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Mitarbeiter ihre Freizeit zum Beispiel für Fortbildungen hergeben. Das ist völlig normal. Aber vorausgesetzt, es gäbe die ideale "Leistungspille": Wäre es nicht zumutbarer, eine solche zu schlucken, statt seine Zeit herzugeben?

Die Einnahme der Präparate sollte also nicht mit mehr Zeit für die Arbeit einhergehen?
Galert: Es wäre natürlich fatal, wenn sich wegen der Verfügbarkeit entsprechender Pillen die Erwartung herausbilden würde, dass alle rund um die Uhr arbeiten müssen. Wenn solche Präparate Menschen jedoch dabei helfen würden, Leistungsanforderungen besser zu bewältigen und mehr Spielräume im Leben zu gewinnen, wäre das aus meiner Sicht kaum zu beklagen.

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