"Abends war ich zum Lesen zu müde"

"Abends war ich zum Lesen zu müde"

"Mein erster Job": Bärbel Dieckmann schälte als Schülerin Kartoffeln im Marienhospital - Bonner Oberbürgermeisterin erinnert sich gern an gute Arbeitsatmosphäre

Bonn. "Mit 17 hat man noch Träume" - heißt es so schön im Schlager. Wie wahr das ist, daran kann sich Bonns Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann noch erinnern. Damals im Jahr 1966 hatte sie ein ganze Reihe von Wünschen. Und wie sie sich die als Oberstufenschülerin erfüllen konnte, da wusste eine Freundin guten Rat: In den Ferien in der Großküche des Marienhospitals arbeiten.

Drei Wochen lang machte sich Bärbel Dieckmann, damals hieß sie mit Nachnamen noch Pritz, jeden Tag mit ihrem Fahrrad von Kessenich früh morgens auf in die von Ordensschwestern geleitete Küche am Venusberg.

"Gemüse putzen, Kartoffeln schälen und das Essen auf die Teller füllen", das war ihre Hauptaufgabe. Aber auch Obst schneiden und Pudding kochen. "Und das acht Stunden lang".

Schließlich ging es nicht darum, kleine Töpfe zu füllen, sondern große Kessel. Das hieß, ein riesiger Kartoffelberg musste geschält und kiloweise Gemüse bearbeitet werden.

"Das war wirklich viel Arbeit, aber es herrschte eine gute Atmosphäre in der Küche, da man gemeinsam etwas erreichte", sagt sie heute. Und: "Ich habe gelernt und nicht vergessen, wie anstrengend, aber auch anspruchsvoll die Arbeit war und erfahren, wie mühselig auch scheinbar einfache Arbeit sein kann."

Auch der Gedanke, mit den eigenen Händen für andere zu arbeiten, die Nahrung für kranke Menschen zuzubereiten, sei gut gewesen. Weniger positiv und doch ein Lehre fürs Leben war die Erkenntnis, dass "nach so einen langen Tag mit körperlicher Arbeit und stundenlangem Stehen ich abends zu müde war, um noch ein Buch zu lesen".

Wie hoch ihr erster Lohn war, daran kann sie sich nicht mehr erinnern. Allerdings: "Es war für mich damals viel Geld". Als Bärbel Dieckmann nach den Ferien wieder die Schulbank drückte, war sie auch im übertragenen Sinn um einiges reicher.

Allem voran der Fähigkeit, Verständnis für Menschen zu haben, "die auf diese Weise ihr ganzes Berufsleben lang den Lebensunterhalt verdienen". Bevor Bärbel Dieckmann nach ihrem Abitur ihr Lehramtsstudium absolvierte und ab 1974 ihre Tätigkeit als Lehrerin aufnahm, jobbte sie in den Semesterferien als Reiseleiterin bei Jugendreisen und gab Nachhilfeunterricht.

Zur Person: Bärbel Dieckmann, 1949 in Leverkusen geboren, studierte Philosophie, Geschichte und Sozialwissenschaften an der Universität Bonn, unterrichtete ab 1974 unter anderem am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium in Bonn, war dort Studiendirektorin, bis sie 1995 in das Amt der Oberbürgermeisterin der Stadt Bonn gewählt wurde.