Verein für deutsche Kulturbeziehungen: 27 Schüleraustasche wegen Insolvenz geplatzt

Verein für deutsche Kulturbeziehungen : 27 Schüleraustasche wegen Insolvenz geplatzt

Der Verein für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland aus Sankt Augustin ließ 27 bezahlte Schüleraustausche platzen. Im März 2019 musste der Verein Insolvenz anmelden.

Die 16-jährige Bonnerin freute sich auf ihren Schüleraustausch: Zwei Monate sollte es im Sommer nach Chile gehen. Fast 3000 Euro hatte die Familie bereits bezahlt, alles war organisiert. Drei Monate vor dem Abflug erreichte die Bonner Familie eine Mail: „Der Vorstand des Vereins für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA e.V.), dessen Vorsitzender ich bin, hat entsprechend der gesetzlichen Vorgaben Ende März 2019 leider Insolvenz anmelden müssen“, schrieb Alexander Klein im April. Auf das Insolvenzverfahren habe der Verein selbst keinen unmittelbaren Einfluss. „Gerne will ich mich aber dafür einsetzen, dass der finanzielle Schaden der einzelnen Gläubiger so gering wie nur irgend möglich ausfällt“, so Klein. Über den Verein war der Schüleraustausch organisiert, an ihn war das Geld geflossen.

Das Entsetzen bei der Bonner Familie war wie bei 26 anderen Betroffenen groß. Denn mit dem Schreiben war klar, dass der Austausch nicht in der geplanten Form stattfinden konnte. Mittlerweile ist die Homepage des Vereins nicht mehr erreichbar, die Geschäftsstelle in Sankt Augustin mit drei hauptamtlichen Kräften geschlossen.

Allerdings hat das Amtsgericht Bonn die Eröffnung des Ende März gestellten Insolvenzantrags bereits im Mai abgelehnt. „Es lag ein Formfehler vor“, erläutert die Direktorin des Amtsgerichts Bonn, Birgit Niepmann. Der Antrag sei nicht von allen Vorstandsmitgliedern unterschrieben gewesen. Ein neuer Antrag wurde seitdem aber nicht eingereicht. Solange müssen die Vorstandsmitglieder für den Verein haften.

Der VDA-Vorsitzende Alexander Klein, zuvor Mitglied des Verwaltungsrates, erklärt, dass er die „hoffnungslose Überschuldung“ des Vereins sofort erkannt habe, als er zu Jahresbeginn den Vorsitz übernommen habe. Klein ist Unternehmensberater aus dem bayrischen Bernau am Chiemsee. Er habe dann noch in der konstituierenden Sitzung seinen Rücktritt erklärt. Um dem Verein überhaupt wieder einen handlungsfähigen Vorstand zu geben, der die Insolvenz anmelden könne, habe es mehrere Anläufe gebraucht. Verwaltungsratssitzungen seien zwischenzeitlich nicht beschlussfähig gewesen. Es habe Verfahrensfehler gegeben. Ein Vorstandsmitglied sei zwischenzeitlich so schwer erkrankt, dass er keine Willensbekundung habe abgeben können. Jetzt habe der Verwaltungsrat aber einen neuen Vorstand installiert. Die Formalitäten würden gerade über das Amtsgericht München abgewickelt. Dann könne dann auch ein zweiter Anlauf genommen werden. „Der Insolvenzantrag ist unumgänglich“, sagt Klein.

Ein weiterer wichtiger Akteur des Vereins gibt sich wortkarg. Hartmut Koschyk war CSU-Bundestagsabgeordneter, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und zuvor Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Viele Jahre war er selbst VDA-Bundesvorsitzender. Er war im Dezember 2018 zum Vorsitzenden des neu konstituierten VDA-Verwaltungsrates gewählt worden. „Leider kann ich Ihnen keinen aktuellen Sachstand mitteilen, da das VDA-Insolvenzverfahren in den Händen des Vorstandsvorsitzenden Herrn Klein liegt.“ Der Verein für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland mit Hauptsitz in Sankt Augustin ist eine traditionsreiche Einrichtung.

Zuvor hatte der Verein für Schlagzeilen gesorgt. Es ging um finanzielle Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Fördermitteln des Bundes. Mit der Auflösung der Sowjetunion gab es eine Rückkehrwelle von Spätaussiedlers aus Russland und den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken nach Deutschland. Die Bundespolitik erkannte schnell, dass sie dem Ansturm der Russlanddeutschen etwas entgegensetzen sollte. Hohe Mittel für Hilfsprojekte in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion wurden freigegeben. Der VDA koordinierte die Projekte. Doch dabei gab es große Probleme. Das Innenministerium entzog dem Verein die Zuständigkeit für die Projekte. 1998 wurden von der rot-grünen Bundesregierung außerdem die jährlichen Millionenzahlungen aus dem Etat des Auswärtigen Amtes gestrichen.

Der Schüleraustausch, den es nach Vereinsangaben seit 40 Jahren gab, war neben kulturellen Begegnungen ein wichtiges Instrument des Vereins, der sich seitdem aus Spenden und Beitragszahlungen finanzierte. VDA-Vorsitzender Klein sieht die Hauptursache für die finanziellen Probleme des Vereins im Rückgang an Interessenten für einen Schüleraustausch. „Das hat uns das Genick gebrochen.“ Eingegangene Mittel für den Austausch seien für andere Zwecke verwendet worden, um die laufenden Kosten zu decken. Der Markt für Schüleraustauschreisen sei hart umkämpft, es gebe viele Angebote. Außerdem habe der VDA zwei Jahre lang keinen Vorsitzenden gehabt, nachdem sich der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig zurückgezogen habe, um sich seinem Bundestagswahlkampf widmen zu können. Aus dem damaligen Vorstand habe niemand die Reißleine gezogen und erkannt, dass der Schüleraustausch ein Zuschussgeschäft geworden war. Die Bonner Schülerin hat ihren Austausch dann doch noch machen können. Ihre Eltern haben ein zweites Mal für Flug und Aufenthalt gezahlt. Das war anderen Betroffenen nicht möglich. Bislang hat die Bonner Familie nur gut zehn Prozent ihrer an den VDA gezahlten Summe zurückbekommen. Der Bonner Vater hat jetzt Strafanzeige wegen Insolvenzverschleppung gegen den VDA-Vorstand gestellt.

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