GA-Serie Lehrstellen-Check

So sieht die Arbeit eines Friseur-Azubis aus

Deyar Jamo (r.) erklärt Laszlo Scheuch (l.) unter dem kritischen Blick von Farzat Amin, wie er Anna Möllers richtig die Haare wäscht.

Deyar Jamo (r.) erklärt Laszlo Scheuch (l.) unter dem kritischen Blick von Farzat Amin, wie er Anna Möllers richtig die Haare wäscht.

Bonn. GA-Volontär Laszlo Scheuch hat Friseur-Azubi Farzat Amin einen Tag bei seiner Arbeit beim „Fabulous Hairdresser“ in Bonn begleitet und tatkräftig mit angepackt.

Gefühlvoll, mit ruhigen Kreisbewegungen massiert Farzat Amin der jungen Dame den Kopf und arbeitet dabei gleichmäßig eine Portion Shampoo in ihre braunen Haare ein. Im Hintergrund läuft elektronische Musik, in der Luft hängt der Duft von Haarfärbemittel, um ihn herum wuseln seine Kollegen. Doch Amin ist nur auf den Kopf vor sich fixiert. Der 18-Jährige ist angehender Friseur im ersten Lehrjahr. „Das war schon immer mein Wunsch“, sagt er. Im Friseursalon „Fabulous Hairdresser“ in der Bonner Kölnstraße setzt er ihn in die Tat um. Für einen Tag schaue ich dem Auszubildenden über die Schulter und packe tatkräftig mit an.

Als ich um 9 Uhr meinen Arbeitstag beginne und durch die Glastür den Salon betrete, ist Fabio Vanore-Landsberg schon lange da. Der 28-Jährige stammt aus einer Friseurfamilie, legte im Jahr 2012 seine Meisterprüfung ab und öffnete im Oktober 2013 den „Fabulous Hairdresser“. Heute führt er den Salon als Geschäftsführer. Inhaber ist Deyar Jamo. Vanore-Landsberg hat das Friseurhandwerk selbst von der Pieke auf gelernt. „Ich habe ganz klassisch mit einem Praktikum begonnen“ sagt er. Nach dem Realschulabschluss hat er mit 17 Jahren seine Ausbildung gestartet. Heute bildet er selbst aus: „Es ist cool, junge Leute um sich herum zu haben. Sie bringen frischen Wind und neue Impulse“, sagt der 28-Jährige. Haare schneiden sie aber erst ab der Mitte des zweiten Lehrjahres.

Haare auffegen und Gäste bewirten

Eine Schere werden meine Finger heute also nicht berühren. „Macht trotzdem Spaß. Haare schneiden übe ich zu Hause mit meinem Vater“, sagt Amin, während er Handtücher in ein Regal einräumt. Das gehört ebenso zu seinen täglichen Aufgaben wie das Auffegen von Haaren und die Bewirtung der Gäste. Als ein Paketbote zur Tür hereinkommt, nimmt Amin ihn in Empfang. „Ich erwarte von meinen Azubis, dass der Laden läuft und dass er immer in einem Zustand ist, bei dem ich mich vor Kunden für nichts schämen muss. Und es muss menschlich im Team passen – das ist immens wichtig“, sagt der gebürtige Bonner Vanore-Landsberg. Er weiß, was er an Amin hat: „Ein echter Glücksgriff, ohne den es hier für uns deutlich stressiger wäre. Wenn er nicht da ist, können wir gut ein Drittel weniger Kunden am Tag empfangen. Ich glaube und hoffe, dass wir langfristig etwas von ihm haben werden.“

Auszubildende wie er seien nicht die Regel und überhaupt sei es schwer, Nachwuchs zu finden. Das liege zum einen daran, dass es immer populärer sei, länger in die Schule und anschließend studieren zu gehen, zum anderen aber auch an der Bezahlung. Häufig würden sich auch Menschen bewerben, die „tendenziell wenig Perspektive haben“. Eine Wendung zum Besseren ist laut Vanore-Landsberg vor allem mit dem Gehalt verbunden. „Das muss man attraktiver machen. Das ist aber leichter gesagt als getan. Wir können von der Kalkulation, den Steuersätzen und der Miete her nicht mehr zahlen. Das Problem ist auch, dass Friseure nach der Ausbildung zunächst nur 900 bis 950 Euro netto verdienen.“ Wer sich als Friseur etwas leisten möchte, muss daher viel Ausdauer und Geduld mitbringen. Vanore-Landsberg etwa kann mit seinem eigenen Salon heute „gut davon leben.“

Aller Anfang ist schwer

Dass aller Anfang schwer ist, merke auch ich. Ich fege Haare zusammen, beobachte viel und erhalte unheimlich viele Eindrücke. Umso mehr freue ich mich, dass Jamo mich am frühen Nachmittag zu einer Kundin ruft, der er soeben die Haare gefärbt hat. „Jetzt bist du dran. Nimm eine Portion Shampoo und wasch ihr gründlich die Farbe aus“, sagt er. Von Amin kritisch beäugt, fange ich zaghaft an, der jungen Frau mit meinen Händen die frisch blondierten Haare zu waschen.

Ob das so okay und das Wasser nicht zu warm sei, möchte ich von ihr wissen. „Ich spüre gar keinen Unterschied zu vorher“, sagt Anna Möllers. Die 22-jährige Studentin ist nicht das erste Mal hier. Im Salon sei sie gut aufgehoben sagt sie, während ich ihr nach dem Waschen zum Schutz Conditioner auf die schulterlangen Haare sprühe. „Schön gleichmäßig, bitte“, sagt Amin. Anschließend drückt er mir einen Föhn in die Hand. Immer in Wuchsrichtung der Haare trockne ich Möllers Haare. Eine heiße Angelegenheit, nach der ich meinen aufgewärmten Fingern erst einmal eine Abkühlung unter dem kalten Wasserhahn gönne.

Amin kam erst im Oktober 2015 aus dem Irak nach Deutschland. Neben der Zeit im Friseursalon, die für ihn um 8.30 Uhr beginnt und in dem er täglich eine Stunde Mittagspause hat, besucht er zwei Tage pro Woche die Berufsschule. Mit der geringen Ausbildungsvergütung von aktuell rund 350 Euro netto im Monat kommt er zurecht. Allerdings auch deshalb, weil der 18-Jährige mit seinem Bruder zusammenwohnt und dieser die Miete zahlt. Dass Friseure so wenig verdienen liegt laut Vanore-Landsberg auch am Kunden. „Hier in der der Altstadt bekommst du teilweise einen Haarschnitt für sechs Euro. Das ist natürlich für Studenten interessant. Wir nehmen 25 Euro und können auch damit den Kostenbeitrag nicht so decken, dass wir unser Personal überdurchschnittlich bezahlen können. Da müsste eigentlich noch mal ein Zehner drauf.“

Ohne Trinkgeld geht es nicht

Seine Angestellte Alexandra Saloum sagt ganz klar: „Ohne Trinkgeld und Stammkundenkreis würde es nicht gehen.“ Die 32-Jährige entschied sich mit 17 Jahren für das Friseurhandwerk. „Man ist mehr als bloß Friseur und muss vor allem zuhören können“, sagt sie. „Ich hatte in meiner Laufbahn schon Kunden, die mir von ihrem Drogenkonsum oder Suizidplänen erzählt haben.“ Man sei immer auch ein bisschen Psychologe.

Meine psychologischen Fähigkeiten sind heute nicht gefragt. Um 19 Uhr endet der Tag. Ich gehe mit einem guten Eindruck nach Hause und der Meinung, dass das Friseurhandwerk ein unterschätzter Beruf ist, der zu schlecht bezahlt wird. Es ist mehr als bloß Haare schneiden: Für die Zeit des Besuchs ist der Kunde ganz in den Händen des Friseurs. Man bewirtet, berät, unterhält, wäscht, färbt, schneidet und lebt seine Kreativität aus.

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