Interview mit Leopold Hüffer: "Eine gewisse Pflichtvergessenheit"

Interview mit Leopold Hüffer : "Eine gewisse Pflichtvergessenheit"

Personalberater und Buchautor Leopold Hüffer geht mit dem deutschen Top-Management hart ins Gericht. Seine These: "Wir besetzen Top-Jobs mit Top-Flops." Über die Ursachen sprach er mit Delphine Sachsenröder.

Unfähige Top-Manager bezeichnen Sie als "kalte Fische". Was soll das bedeuten?
Hüffer: Der Ausdruck stammt aus dem Norwegischen und bezeichnet Menschen, die Eigennutz über Allgemeininteresse stellen. Im Management ist der Trend unübersehbar, dass Führungskräfte zu sehr an ihre eigenen Interessen statt an die des Arbeitgebers denken. Die Entwicklung zeigt sich unter anderem an den aus dem Ruder gelaufenen Großprojekten wie dem Berliner Flughafen oder der Hamburger Elbphilharmonie. Das hat mit einer gewissen Pflichtvergessenheit zu tun und kann so nicht weitergehen.

Werden Manager in Deutschland zu wenig für ihre Fehler in die Pflicht genommen?
Hüffer: Es wäre sinnvoll, Manager für ihre Fehler stärker haftbar zu machen. Das ist zwar juristisch schwierig, aber möglich. In der Schweiz beispielsweise haften Aufsichtsratsmitglieder persönlich bei einer Pleite für die ausstehenden Sozialbeiträge der Arbeitnehmer. Das macht sicherlich etwas vorsichtiger.

Was läuft schief bei der Einstellung von Führungskräften?
Hüffer: Oft werden Führungskräfte aus dem eigenen sozialen Netzwerk rekrutiert. Dabei besteht die Gefahr, im eigenen Saft zu schmoren und Kritik auszuschalten. Dazu kommt die menschlich durchaus nachvollziehbare Neigung von Chefs, sich bei der Besetzung von Führungspositionen keine zu starken Konkurrenten ins Haus zu holen. Es darf aber nicht dazu führen, so schwache Mitstreiter auszwählen, dass dadurch ernsthafte Verluste entstehen.

Was hat das für Folgen?
Hüffer: Die Fehlbesetzung von Top-Jobs kann richtig teuer werden. Werden Führungskräfte entlassen, müssen die Arbeitgeber meist ein bis zwei Jahresgehälter weiterzahlen, dazu kommen die Kosten für eine Nachfolgersuche, die oft schon vor der Kündigung im Hintergrund läuft. Außerdem entstehen indirekte Kosten, weil Chancen des Unternehmens oder der Organisation durch Managementfehler nicht genutzt wurden. Weiterhin zählt der Imageschaden. Bleiben unfähige Manager zu lange am Ruder, kann das bis zur Pleite führen. Oft sind die Besetzungen von Führungspositionen politische Entscheidungen, an denen die Arbeitgeber eisern festhalten, um keine Fehler einräumen zu müssen.

Kritiker fürchten, die in Deutschland diskutierte Frauenquote könne zu Fehlbesetzungen führen, weil nicht mehr die Qualifikation, sondern das Geschlecht entscheidet.
Hüffer: Diese Angst halte ich für unbegründet. Ich arbeite auch für norwegische Unternehmen und habe dort die Erfahrung gemacht, dass sich genug qualifizierte Frauen finden, um eine Quote zu erfüllen. Das würde auch in Deutschland gut funktionieren. Dass Top-Managerinnen als Alibifrauen diffamiert werden, halte ich für unfair. Es ist einfach ein Fakt, dass in gemischten Führungsteams mehr Ideenvielfalt herrscht.

Läuft die Auswahl von Führungskräften in anderen Ländern besser als in Deutschland?
Hüffer: In kleineren Ländern wie der Schweiz oder den Beneluxstaaten werden Führungsjobs oft mit mehr Sorgfalt besetzt. Zum einen können sich kleinere Volkswirtschaften keine großen Fehler leisten, zum anderen ist in solchen Ländern die soziale Kontrolle größer. Wer für eine Fehlbesetzung verantwortlich ist, wird persönlich darauf angesprochen.

Nicht wenige der "Top-Flops" in deutschen Chefetagen wurden von Ihrer Branche, den Personalberatern, vermittelt...
Hüffer: Die Personalberater schlagen zwar Kandidaten vor, aber die Entscheidung und damit die Verantwortung liegt immer noch beim Arbeitgeber, der sich für einen Bewerber entscheidet.

Zur Person

Der Diplom-Psychologe und Personalberater Leopold Hüffer lebt und arbeitet in Zürich. Der Buchautor ("Kalte Fische - warum wir Top-Jobs mit Top-Flops besetzen") beschäftigt sich vor allem mit sogenannten Einzelassessments, mit denen Fähigkeiten und Eigenschaften von Bewerbern ermittelt werden sollen.

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