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Förster Peter Wohlleben im Interview: „Wir müssen unser naturfremdes Komfortverhalten reduzieren“

Förster Peter Wohlleben im Interview : „Wir müssen unser naturfremdes Komfortverhalten reduzieren“

Der Förster, Leiter einer Waldakademie und Bestseller-Autor Peter Wohlleben fordert im Interview von der Bundesregierung ein mutigeres Vorgehen bei der Reduzierung des Kohlendioxid- und Methanausstoßes. Er sprach mit GA-Autor Holger Willcke.

Für Peter Wohlleben hat der deutsche Wald eine gute Überlebensschance – vorausgesetzt, Politik und Forstwirtschaft sind zum Umdenken bereit. Der Öko-Förster und Bestseller-Autor wirbt daher für mehr Gelassenheit und Toleranz gegenüber den Heilkräften der Natur. Klimawandel und Trockenheit sind für ihn von Menschenhand verursachte Probleme, auf die man jetzt schnell reagieren muss. Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes und Ausweitung der Waldflächen sind zwei seiner wichtigsten Forderungen. Wohlleben warnt aber vor kopflosem Handeln. Die Resultate sowohl vom Wald- als auch vom Klimagipfel der Bundesregierung haben ihn enttäuscht; die Vorschläge seien zu halbherzig. Mit dem gebürtigen Bonner sprach Holger Willcke .

Klimawandel, Waldsterben, Umweltverschmutzung – wie steht es um den deutschen Wald?

Peter Wohlleben: Welchen Wald? Wir haben kaum noch echten, natürlich gewachsenen Wald. Viele bewaldete Flächen sind eigentlich nichts anderes als Plantagen, auf denen Holz angebaut wird. 32 Prozent Waldfläche existieren in Deutschland – wie gesagt, überwiegend Plantagen, also künstliche Ökosysteme, die zumeist nicht standortgerechte Bäume vorweisen. Und dieser sogenannte Wald ist nicht in der Lage, die Folgen von Klimawandel und Trockenheit abzufedern. Der Klimawandel ist zwar ein Problem, aber hauptsächlich verschärft er die Fehler der Forstwirtschaft, die sich seit Jahrzehnten wiederholen.

Können Sie das erläutern?

Wohlleben: Neueste Studien belegen, dass es in den vergangenen Jahren in alten Buchenwäldern im Vergleich zu Großstädten im Sommer bis zu 15 Grad Celsius kühler war. Folglich muss die Politik dafür Sorge tragen, dass zum Beispiel landwirtschaftlich genutzte Flächen für Tierhaltung reduziert und in Wald umgewandelt werden, der dann die Chance bekommen muss, sich auf natürliche Weise verjüngen zu können. Dadurch kann die Durchschnittstemperatur lokal gesenkt werden, was Mensch und Natur hilft.

Wer durch den Nationalpark Eifel wandert, ist erschrocken, wenn er die vielen abgestorbenen Fichten sieht. Kann das Baumsterben noch gestoppt werden?

Wohlleben: In diesem Fall hoffentlich nicht. Das hört sich jetzt erst einmal komisch an, aber die Fichten müssen langfristig durch heimische Laubbäume ersetzt werden. Dieser durch den Borkenkäfer forcierte Änderungsprozess findet umso heftiger statt, je naturferner eine Landschaft ist. Für Fichten ist es derzeit selbst in der Eifel zu warm. Bereits vor den vergangenen beiden heißen Sommern haben sich 58 Prozent der Fichten durch Sturm und Borkenkäfer verabschiedet. Die Nationalpark-Verwaltung begeht den Fehler, die betroffenen Flächen teilweise abzuräumen, statt die Bäume liegen zu lassen, damit sich aus dem Humus neues Leben entwickeln kann.

Warum ist das ein Fehler?

Wohlleben: Das widerspricht dem natürlichen Prozess. Würden Menschen nicht eingreifen, würde sich der Wald in einer Übergangsphase in einen Mischwald und Hunderte Jahre später in einen reinen, widerstandsfähigen Laubwald entwickeln. Will sagen: Je weniger wir eingreifen, desto stabiler wird der Wald.

Wie muss die Politik auf den Klimawandel reagieren?

Wohlleben: Auf der einen Seite durch eine kräftige Reduzierung des CO 2 - und des Methanausstoßes, der zum Beispiel bei der Massentierhaltung entsteht. Alle anderen Maßnahmen – wie das Umsteigen vom Verbrennungs- auf den Elektromotor – sind zweitrangig. Wir müssen zuerst einmal unseren Materialdurchsatz hinterfragen, dann die Energiewahl. Auf der anderen Seite muss der blinde Aktionismus im Wald ein Ende haben. Durch den Einsatz schweren Geräts wird der Waldboden derart verdichtet, dass künftige Baumgenerationen automatisch wieder in Trockenstress geraten, weil ihre Wurzeln nicht an die Wasservorräte in tieferen Schichten gelangen können. Außerdem: Durch das Aufforsten mit nichtheimischen Baumarten pflanzen wir uns die nächste Katastrophe. Ein Fehler reiht sich an den nächsten. Die Politik agiert derzeit kopflos.

Und zu was raten Sie?

Wohlleben: Mehr Gelassenheit wünsche ich mir und mehr Mut zur Naturverjüngung. Der Wald regelt seinen Fortbestand selbst. Keiner weiß, wie sich das Klima genau entwickeln wird. Lokal kann es durchaus erst einmal wieder kühler werden, weil die Aufwärmung der Luft durch den Golfstrom erlahmt. Selbst wenn die globale Temperatur steigt, kann es lokal erst einmal kühler werden.

Viele Menschen sind bereit, für kommende Generationen auf Lebensstandards zu verzichten. Womit muss der Einzelne beginnen?

Wohlleben: Ich sehe das anders. Verzicht bedeutet verlieren, aber wir verlieren nicht nur, sondern wir gewinnen eine gesündere Natur und damit bessere Lebensbedingungen. In materiellen Bereichen wird es Einschnitte geben müssen. Dafür werden wir aber Freude an der Natur empfinden. Das will ich übrigens auch mit meinen Büchern vermitteln.

Hat die klassische Forstwirtschaft versagt?

Wohlleben: Ja, das hat sie definitiv. Der Zweite Weltkrieg wird immer als Schuldiger für die Fichtenmonokulturen genannt. Weil schnell Bauholz benötigt wurde, pflanzte man Fichten. An dieser Strategie hält man immer noch fest. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass der Buchenanteil im Wald in den vergangenen 40 Jahren sogar gesunken ist. Waldumbau hat also faktisch nicht stattgefunden. Das ist ein Systemversagen, das man aber nicht dem einzelnen Förster vorwerfen kann. Forstwirtschaft ist heute noch viel zu nadelholzlastig.

Was haben Sie anders gemacht?

Wohlleben: Ich habe diese und andere Fehler in meinen ersten Berufsjahren auch gemacht. Das tat mir aber dann irgendwann in der Seele weh, und ich habe die von mir betreuten Waldbesitzer überzeugt, kahlschlagsfrei zu arbeiten und ökologischen Waldumbau zu betreiben. Weg von schweren Maschinen hin zu Waldarbeitern und Rückepferden. Wir pflanzen auch nicht mehr, sondern überlassen den Wald der natürlichen Entwicklung. Aber ich lerne als Förster immer noch dazu. Die Zukunft wird zeigen, ob wir den richtigen Weg eingeschlagen haben.

Was halten Sie von einem Bürgerwald, wo man durch Baumspenden der Natur zur Gesundung verhilft?

Wohlleben: Unter einem Bürgerwald verstehe ich etwas anderes. Der Staatswald ist eigentlich der Wald, der den Bürgern gehört. Aber eine stärkere Beteiligung der Bürger bei der Suche nach Lösungsmöglichkeiten für die Gesundung der Natur finde ich spannend. Bislang nehme ich aber nur wahr, dass Schulklassen dazu missbraucht werden, öffentliche Flächen wieder aufzuforsten, die später wieder holzwirtschaftlich abgeerntet werden. Das ist seitens der Forstverwaltungen widersinnig und unfair. Mit Baumpflanzungen schafft man keinen Wald, sondern weiter nur Plantagen.

Ist der Wald ein Sehnsuchtsort?

Wohlleben: Eindeutig ja, weil er unsere eigentliche Heimat ist. Unser Arbeitsplatz ist dagegen eine Kunstumgebung, in der unsere Sinne gar nicht alle gefordert werden. Ein Waldspaziergang dagegen entspannt die Seele und hilft, dass unsere Sinne nicht verkümmern. Wir müssen zurück zur Natur finden und unser naturfremdes Komfortverhalten reduzieren. Wir verkümmern sonst.

Schon in den 1980er-Jahren war das Waldsterben beherrschendes Thema. Viele Prophezeiungen sind nicht eingetreten. Woran lag das?

Wohlleben: Das muss man differenzieren. Einige Szenarien sind sehr wohl eingetreten. Im Bayerischen Wald und im Harz sind damals viele Bäume durch sauren Regen abgestorben. Der Einbau von Katalysatoren und die Reduzierung der Säurebelastung wurden durch ein Umsteuern der Politik erreicht. Dadurch hat sich der Wald erholt. Das ist eigentlich eine schöne Blaupause für heute: Wenn Politik beherzt reagiert, können für die Natur gefährliche Entwicklungen verändert werden. Der CO 2 -Ausstoß muss drastisch reduziert und sanktioniert werden. Die Welt guckt auf Deutschland. Wir sind beim Thema Naturschutz Impulsgeber für die Mehrzahl anderer Länder. Leider haben wir bei den angesprochenen Themen zehn Jahre geschlafen.

Was bringt der Klimagipfel?

Wohlleben: Ich habe mir deutlich mehr erhofft. Mein Wunsch: Kostenfreies Fahren mit Bus und Bahn. Eine CO 2 -Steuer, die sozialverträglich und schnell umsetzbar wäre, scheint vorerst vom Tisch zu sein. Was bleibt, ist ein kleiner Sprung statt einem großen Wurf.

Und der Waldgipfel?

Wohlleben: Das Ergebnis des Gipfels war absehbar: Die Eckpunkte formulierte das Ministerium vorher, die drei Gesprächsrunden mit insgesamt 200 Teilnehmern mussten über neue Baumarten, die Frage, wie das Geld in den Wald kommt sowie über eine Steigerung des Holzverbrauchs diskutieren – also über die Fortsetzung der Plantagenwirtschaft. Der Wald als Ökosystem und die Reduzierung der Treibhausgase in der Landwirtschaft hatten das Nachsehen. Immerhin kann Ministerin Julia Klöckner nun behaupten, sie hätte alle maßgeblichen Akteure gehört. Auch wenn das bei drei runden Tischen gleichzeitig schon rein physisch gar nicht möglich war.

Was halten Sie von der Initiative „Fridays for Future“?

Wohlleben: Finde ich ganz toll, eine ermutigende Jugendbewegung. Die vermeintliche Generation Handy macht Politik. Schüler jagen Bundeskanzlerin Angela Merkel vor sich her. Das Thema Klima hat die Politik lange Zeit verpasst. Ein gutes Beispiel sind die Proteste gegen die Abholzung des Hambacher Forsts. Damit konnte die Politik nicht umgehen. Noch vor zwei Jahren wäre diese Initiative für mich nicht vorstellbar gewesen.

Und Greta Thunberg?

Wohlleben: Es ist ein Wahnsinn, was diese junge Frau ausgelöst hat. Sie ist für mich eine der bewegendsten Persönlichkeiten der letzten Jahre. Sie ist die Keimzelle für „Fridays for Future“. Jugend kann so viel bewegen.

Die Rückkehr des Wolfes bedeutet?

Wohlleben: Die Rückkehr des Wolfes ist eine Erfolgsstory des Naturschutzes. Der Wolf stellt für Menschen keine besondere Gefahr dar. Statistiken belegen 30 000 Übergriffe von Haushunden auf Menschen pro Jahr. Beim Wolf wurde noch kein einziger Übergriff nachgewiesen. Einzelne Wölfe reißen Schafe, aber ein Wolfsrudel jagt eher Wildtiere. Auch da gilt: Kein Eingriff durch Menschen. Gefestigte Rudelstrukturen garantieren ein friedliches Miteinander.