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Flughafen Berlin Brandenburg: Wie es zu dem Desaster am BER kam

Flughafen Berlin Brandenburg : Wie es zu dem Desaster am BER kam

Das Desaster am Großflughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt geht weiter: Aktuell wird mittlerweile nicht mehr ausgeschlossen, dass erst zum Winterflugplan 2013 von und in BER gestartet und gelandet wird. Zudem verklagt der Airport seine Planer. Eine Bestandsaufnahme.

9213 Kilometer. Wer muss schon von Königs Wusterhausen in Brandenburg nach Bhubaneswar in Ostindien? Niemand. Auch Stephan Loge, Landrat des Landkreises Dahme-Spreewald, muss dienstlich nicht nach Bhubaneswar. Und doch haben Königs Wusterhausen und Bhubaneswar auf bizarre Art miteinander zu tun.

"KW", wie Königs Wusterhausen im Einheimischen-Jargon gerne gekürzelt wird, trifft dabei auf ein anderes, allerdings offizielles Kürzel: BBI. Es ist der Buchstabencode der Internationalen Flugtransport-Vereinigung (IATA) für den Biju Patnaik Airport in Bhubaneswar. BBI? Viele Menschen in Königs Wusterhausen und Berlin durften lange Zeit glauben, BBI stehe für etwas anderes: für Berlin Brandenburg International, den neuen Großflughafen. Ein Airport, der so ist wie Berlin: nicht fertig.

Jetzt gilt ein neuer Code: BER wie Berlin. Oder mit vollem Namen: Berlin Brandenburg Willy Brandt. Auch hier spielt Königs Wusterhausen eine - ganz entscheidende - Rolle. Denn in "KW" sitzt das für den Airport BER zuständige Bauordnungsamt. Dessen Leiterin Kirsten Globig hatte es im Frühjahr zu landkreisübergreifender Bekanntheit gebracht, weil sie sich geweigert hatte, wegen gravierender Mängel beim Brandschutz grünes Licht für die Eröffnung des neuen Flughafens zu geben. Damit war auch der zweite mit einigem Getöse abgekündigte Starttermin 3. Juni 2012 gekippt.

Der Imageschaden ist gewaltig. Mittlerweile ist noch nicht einmal sicher, ob nicht auch der nächste Eröffnungstermin 17. März 2013 gestrichen werden muss. Ursprünglich sollte der neue Technik-Chef Horst Amann dem Aufsichtsrat bei der nächsten Sitzung am 16. August seine Sicht zum Stand der Dinge schildern. "Überaus ambitioniert" sei der Zeitplan, hatte Amann vorbeugend gesagt. Jetzt heißt es, Amann werde seine Empfehlung, ob der Termin 17. März realistisch sei, erst bei der übernächsten Aufsichtsratssitzung im September vorlegen.

[kein Linktext vorhanden]Am Flughafen jedenfalls schließen sie mittlerweile nicht mehr aus, dass erst zum Winterflugplan 2013 von und in BER gestartet und gelandet wird. Die Flughäfen Tegel und Schönefeld (alt), die den Verkehr nach dem Debakel auffangen müssen, könnten erst dann endgültig schließen. Dabei waren zuletzt doch Brandschutztests am BER "nach erstem Augenschein erfolgreich" verlaufen, wie die Flughafengesellschaft mitteilte.

Doch was heißt das schon auf einer Baustelle, auf der sich die Planer offenbar derart verplant haben, dass die Flughafengesellschaft ihnen im Mai die Kündigung schickte. Fristlos. "Das Vertrauen in Sie als verantwortlichen Gesamtplaner" sei "endgültig so erschüttert, dass uns eine Fortsetzung der Zusammenarbeit nicht zugemutet werden kann", heißt es in dem Schreiben, das dem "Spiegel" zugespielt wurde.

So sollte alles werden: Der Imagefilm zum Airport

Die Planer sitzen beziehungsweise saßen im Hauptstadtbüro der Architektenikone Meinhard von Gerkan, der unter anderem Fußballstadien für Großereignisse in Südafrika, Polen oder Russland baut. Zur Unterstützung planten noch das Frankfurter Architekturbüro JSK und ein Mittelständler mit, die sich allesamt zur Planungsgemeinschaft Berlin Brandenburg International (pg bbi) zusammengeschlossen hatten.

Schlampige Zeichnungen der Projektplaner

Mitte Juni hatte die Flughafengesellschaft dann eine Feststellungsklage beim Landgericht Potsdam gegen die Planer unter Führung von Gerkans gmp-Büro eingereicht. Möglicher Schadenersatz: um die 80 Millionen Euro. Von Gerkans Mitarbeiter, so der Vorwurf, sollen so schlampig geplant haben, dass die Baufirmen auf den Zeichnungen nicht fanden, was sie hätten finden sollen. Beispielsweise Brandmelder.

Das Fehlen solcher überlebenswichtiger Details fanden wiederum die Damen und Herren von der Bauordnungsbehörde in Königs Wusterhausen gar nicht lustig. Erst recht nicht das Auftreten der gmp-Leute und Abgesandter des Flughafens. "Die sind zusammen mit unseren Leuten aufgetreten wie Graf Koks und haben die Genehmigungsbehörde komplett sauer gefahren", erzählt ein Projektbeteiligter.

Von Gerkans gmp betreibt nun Öffentlichkeitsarbeit der absolut geschlossenen Tür. Medienanfragen werden nicht beantwortet, es gibt noch nicht einmal eine vorgestanzte Presseerklärung. Die Großbaustelle, so heißt es bei Projektbeteiligten wieder, habe man "vor die Wand gefahren". Zum Schluss habe Konfusion pur geherrscht: "Immer mehr Leute, immer mehr Beschleunigung, das totale Chaos." Jetzt kostet der Nicht-Betrieb des Großflughafens BER jeden Monat geschätzte 15 Millionen Euro an Einnahmen, die nicht reinkommen, weil nicht gestartet und gelandet wird, nicht gekauft, nicht gegessen und nicht getrunken.

Hohe Lärmbelastung für Anwohner in Selchow

Also wird im Falle der Flughafengesellschaft prozessiert. Und im Falle von Alfred Mann gekämpft. Mann ist Ortsvorsteher von Selchow, einem Ortsteil der Gemeinde Schönefeld, der direkt am neuen Flughafen liegt. Selchow hat noch 190 Einwohner. Selchow hat, wenn BER erstmal startet, Flugzeuge über den Dächern, die ICE-Trasse zum Flughafen am Ortseingang, einen S-Bahn-Haltepunkt, ein Autobahnkreuz vor der Haustür, eine vierspurige Bundesstraße in Sichtweite und die neue Messe Selchow GmbH, unter anderem mit der Internationalen Luftfahrtausstellung ILA, als Nachbar. Lärmgeplagter geht es nicht.

Mann, für die Wählergemeinschaft "Alle für Eine" (AfE) zum ersten Mann im Ort gewählt, sitzt auf seiner Wohnzimmercouch und fragt: "Was bleibt da für uns übrig?" Mann will bleiben, komme, was da wolle. Er zeigt auf seinen Garten. Seine Wellensittiche zwitschern im Außenkäfig. Selchow hat drei neue Teiche bekommen, einen sanierten Gutspark, einen Radweg.

Jetzt bauen sie noch eine Umgehungsstraße. Und an der großen Halle der neuen Messe steht Wolfgang Reineck auf einem Gerüst und malt Selchower Impressionen auf einer Länge von 150 Metern. Links der Berliner Bär, in der Mitte die Dorfkirche, rechts der Brandenburger Adler. Was hat Ortsvorsteher Mann also von dem neuen Flughafen? Ein Steinwurf nur, und er könnte in die Welt starten.

Mann guckt einen an und sagt: "Ich fliege nicht." Flugangst? "So ungefähr."

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Der Bau des Berliner Flughafens ist ein Debakel: drastische Mängel, schlampige Planung, unabsehbare Verzögerungen bei der Fertigstellung, explodierende Kosten. Und kein Happy End in Fernsicht. Stattdessen verklagt der Airport jetzt seinen Planer. Wie groß ist der Imageschaden? Diskutieren Sie mit unter: blog.ga.de/aktion