Friedensnobelpreis für die EU: Warum das Komitee die richtige Wahl getroffen hat

Friedensnobelpreis für die EU : Warum das Komitee die richtige Wahl getroffen hat

Eine Auszeichnung für 27 Staaten und 500 Millionen Menschen - das ist selbst in der Geschichte des Nobelpreises einzigartig. "Als ich heute früh aufwachte, rechnete ich nicht damit, dass dies ein so guter Tag werden würde", ließ Kommissionspräsident José Manuel Barroso seinen Emotionen freien Lauf. Eine "unglaubliche Ehre", jubelte der sonst so verhaltene EU-Präsident Herman Van Rompuy über die geehrte Union. "Wir sind Nobelpreis", triumphierte der FDP-Europa-Politiker Alexander Graf Lambsdorff.

Mitten in ihrer sicher schwersten Krise wurde die EU von dieser Auszeichnung überrascht. "Sechs Jahrzehnte Frieden" waren für das Preiskomitee Grund genug, die Auszeichnung aus dem Nicht-EU-Land Norwegen nach Brüssel zu schicken. Dabei ging es am Anfang in Europa weniger um Frieden als vielmehr darum, einen neuen Krieg unmöglich zu machen.

Der berühmte Plan des französischen Außenministers Robert Schuman sah nämlich vor, die für die Rüstung zentralen Wirtschaftszweige Kohle und Stahl zu vergemeinschaften und unter die Oberaufsicht einer Verwaltungsbehörde zu stellen, die er Kommission nannte.

Diese Montanunion war ein Kind des Krieges und schlug sich schon wenig später mit den gleichen Fragen herum, die noch heute die Diskussion beherrschen: Wie viel Macht soll die EU haben? Wie viele Kompetenzen können die Mitgliedstaaten abgeben? Im Zeichen des Hungers der Nachkriegszeit entstand schnell die nächste Idee: Auch die Landwirtschaft sollte europäisch werden, um alle Menschen versorgen zu können. 1957 schufen die Römischen Verträge die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die 1992 mit der Einführung des Binnenmarktes zur EU mutierte.

Nach dem Zusammenbruch des Ost-West-Konfliktes drängten die einstigen Warschauer-Pakt-Staaten nach Westeuropa und in die Union. 2004 wuchs die Familie auf 27 an - ein gemeinsamer Markt mit 500 Millionen Verbrauchern, größer als die USA. Offene Grenzen und gemeinsamer Handel wurden zur Triebfeder der modernen EU. Heute exportiert die Bundesrepublik rund 63 Prozent ihrer Ausfuhren in benachbarte EU-Länder, jeder sechste deutsche Arbeitsplatz ist vom Binnenmarkt abhängig.

Fünf Milliarden Euro überweist Brüssel noch heute jedes Jahr an die Bundesrepublik, um Firmenansiedlungen, Tourismus oder Umweltprojekte zu fördern sowie die Infrastruktur zu verbessern. Allein die Harmonisierung der unterschiedlichen Vorschriften für Güter und Produktgruppen (aus 27 Vorschriften mach eine) erspart die deutschen Betriebe pro Jahr zu 50 Milliarden Euro, haben Statistiker in Brüssel ausgerechnet. Eine Erfolgsgeschichte.

Dabei blieb die EU immer ein Friedensprojekt. "Wer an Europa zweifelt, sollte öfter Soldatenfriedhöfe besuchen", lautet ein berühmter Satz des luxemburgischen Premierministers und Euro-Gruppen-Chefs Jean-Claude Juncker. Er wäre eine Zierde für die Nobelpreis-Urkunde. Denn die Union hat sich längst auch auf der Weltbühne als gewichtige Größe einen Namen gemacht. Im Nahost-Quartett sitzen die Europäer gemeinsam mit Russland und den Vereinigten Staaten neben den Vertretern der UN. Im Atomkonflikt mit dem Iran hat Brüssel nicht nur mit Teheran gerungen, sondern auch mit jenen Scharfmachern, die auf eine bewaffnete Intervention drängten. Europa ist heute der größte Zahler von Entwicklungshilfe für Afrika und Lateinamerika.

Einige Staaten konnten im Laufe der Jahre so sehr aufgebaut werden, dass man sie inzwischen von der Liste derer streichen konnte, denen man zur Entwicklung eines eigenen Marktes besondere Wirtschaftsbedingungen eingeräumt hatte.

Europa als Friedensmodell für die Welt hat außerhalb der Grenzen durchaus Konjunktur. Während im Inneren über den Euro und seine Stabilität gestritten wird, leihen sich Dritte von der Kommission deren Experten für eine Gemeinschaftswährung aus, um eine Art Asia-Euro zu installieren. Die Afrikanische Union gilt unter Beobachtern als Kopie der EU auf dem schwarzen Kontinent.

Reaktionen

"Das ist eine großartige Entscheidung, die mich stolz und glücklich macht. Der Nobelpreis ist uns großer Ansporn, jetzt erst recht unsere Probleme zu lösen" Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP).

"Dieser Nobelpreis ist ein Preis für alle EU-Bürgerinnen und Bürger...Vom Balkan bis zum Kaukasus ist die Europäische Union ein Leuchtturm für Demokratie und Verständigung." Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD).

"Angesichts aktueller Herausforderungen wird allzu leicht vergessen: Die europäische Einigung ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Seit über 65 Jahren herrscht auf unserem Kontinent Frieden. Aus Feinden wurden enge Partner und Freunde." CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe.

"Der Friedensnobelpreis für die Europäische Union wird die Politik ermuntern, die gegenwärtigen Herausforderungen als Geburtswehen eines erneuerten Europa zu verstehen." Der nordrhein-westfälische FDP-Vorsitzende Christian Lindner.

"Mit dieser Auszeichnung erhält das 60-jährige Friedensprojekt seine verdiente Anerkennung." Der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Europäischen Parlament, Markus Ferber.

"Die Entscheidung des Nobelpreiskomitees, die Europäische Union mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen, ist eine der klügsten Entscheidungen seit Jahren." Armin Laschet, Vorsitzender der NRW-CDU.

"Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union ist großartig und stimmt mich persönlich sehr glücklich. In Zeiten, in denen wir in der Europäischen Union vor einer großen Bewährungsprobe stehen, stärkt der Preis die Europäische Union als Werte- und Friedensgemeinschaft." Hans-Gert Pöttering, Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung und früherer Präsident des Europa-Parlaments.

"Als Europäer haben wir heute allen Grund, stolz zu sein." Helmut Kohl, Altbundeskanzler.

"Es ist das erste Mal, dass Europa den Preis erhält. Dabei ist die Einigung die erfolgreichste Friedensmission vielleicht in der ganzen Weltgeschichte. Die Anerkennung ist lange verdient." Elmar Brok, CDU-Europaabgeordneter.

"Die Europäer werden sich in diesen schwierigen Zeiten nicht mit dem Nobelpreis trösten, sondern erwarten, dass die richtigen Entscheidungen getroffen werden." Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker.

"Lächerlich." Die russische Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina.

Machen Sie mit!
Gegen die Europäische Union richten sich viele Vorwürfe: Zu bürokratisch, bürgerfern und undemokratisch sei der Bund. Ist angesichts dieser Kritik die Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis gerechtfertigt? Gibt es nicht andere Initiativen und Personen, die den Preis eher verdient hätten? Oder ist die Ehrung längst überfällig angesichts des jahrzehntelangen Friedens, den Europas Einigung dem einst von verheerenden Kriegen gequälten Kontinent verschaffte? Diskutieren Sie mit GA-Redakteur Kai Pfundt im Aktionsblog des General-Anzeigers unter blog.ga-bonn.de

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