Kommentar zum Bundestagswahlkampf: Unberechenbar

Kommentar zum Bundestagswahlkampf : Unberechenbar

Der Wähler des Jahres 2017 könnte allen Strategen in den Parteizentralen noch einen Strich durch die Rechnung machen. Knapp die Hälfte der Wahlberechtigten weiß demnach noch nicht, wem sie am 24. September ihre Stimme geben wird. Der Zeitgeist ist volatil, die Wahlentscheidungen sind es folglich auch.

Der Wahlkampf dümpelt also dahin, das Rennen ist schon gelaufen? Von wegen. Laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage gibt es zurzeit noch so viele Unentschlossene wie seit 20 Jahren vor keiner Wahl. Der unberechenbare deutsche Wähler des Jahres 2017 könnte allen Strategen in den Parteizentralen, die schon über mögliche Koalitionen nachdenken, noch einen Strich durch die Rechnung machen. Knapp die Hälfte der Wahlberechtigten weiß demnach noch nicht, wem sie am 24. September ihre Stimme geben wird. Die Bundestagswahl wird also doch noch spannend.

Ein Grund zur Sorge um Demokratie oder ein Zeichen für steigende Politikverdrossenheit ist die Unentschlossenheit nicht. Sie ist nur konsequenter Ausdruck unserer Lebensweise. Der Bürger der modernen westlichen Welt ist individueller und unverbindlicher geworden. Dank ständiger Erreichbarkeit und der Dauerpräsenz von zig Wahlmöglichkeiten in unserem Alltag sind wir daran gewöhnt, im letzten Moment zu entscheiden, abzusagen, umzudenken, uns mehrere Wege offenzuhalten. Überall, am Arbeitsplatz etwa, wird maximale Flexibilität verlangt. Wer hat heute schon noch vom Ausbildungsende bis zum Renteneintritt den gleichen Job? Verabredungen werden heute unter Vorbehalt getroffen, sind sie schließlich via Smartphone binnen Sekunden wieder änderbar. Für die nächste große Familienfeier bestellen wir online fünf Kleider und schicken zurück, was nicht gefällt. Es ist da nur logisch, dass auch die früheren, oft familiär geprägten Bindungen an Parteien einer eher spontanen Entscheidung in der Wahlkabine gewichen sind. Der Zeitgeist ist volatil, die Wahlentscheidungen sind es folglich auch.

Der Wähler im Jahr 2017, das kann man daraus außerdem schließen, ist auch weniger ideologisch als der Wähler der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Den eingefleischten Sozialdemokraten, dem eher die Hand abfallen würde, als dass er sein Kreuz bei der Union machen würde, trifft man nur noch selten an. Die erstaunlichsten Wählerwanderungen, etwa von Schwarz nach Grün oder umgekehrt, vor wenigen Jahren noch unvorstellbar, sind heute politische Realität. Manche trauern den alten Zeiten nach, als Wahlkämpfe noch stärker polarisierten und die Parteien deutlicher als heute voneinander zu unterscheiden waren. Sicher hat der pragmatische Politikstil von CDU-Chefin Angela Merkel dazu beigetragen, dass Unterschiede weniger augenfällig sind als in den 80er Jahren. Damals war auch die Welt eine andere, mit klaren Freund-Feind-Bildern und mit mehr Fragen, die sich noch mit einem einfachen Dafür oder Dagegen beantworten ließen.

Zittern dürfen jetzt vor allem die Kandidaten bis zum allerletzten Moment. Der Wahlkampf wird auch deshalb spannender, weil sie wissen, dass es sich lohnen könnte, bis zum 24. September um jeden Unentschlossenen zu kämpfen.

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