Kommentar zum Ärger um Kramp-Karrenbauer: Stürmischer Karneval

Kommentar zum Ärger um Kramp-Karrenbauer : Stürmischer Karneval

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat einen Scherz gemacht, der von vielen kritisiert wird. Das ist schwierig, findet auch unser Autor.

In der diesjährigen Karnevalssession geht es stürmisch zu. Stürme auf Rathäuser. Das Sturmtief „Bennet“. Und Stürme der Entrüstung. Zuerst ereilte es Bernd Stelter, der Witze über Annegret Kramp-Karrenbauer und Frauen-Doppelnamen riss. Nun tobt ein Sturm um Kramp-Karrenbauer selbst. Sie hat, so der Vorwurf, in einer Büttenrede Scherze auf Kosten von intersexuellen Menschen gemacht.

Ist ja nur Karneval? Ganz so einfach ist es nicht. Denn AKK ist nicht Bernd Stelter oder irgendein Büttenredner, sondern sie ist Vorsitzende der CDU und mögliche nächste Bundeskanzlerin. Klingt spießig, aber es hilft ja nichts: Was sie auf einer Bühne sagt, ist immer auch politisch. Denn es lässt Rückschlüsse zu auf ihr Denken, ihr Gesellschaftsbild und welche Politik sie daraus ableitet. Und Kramp-Karrenbauer nutzt die Bütt umgekehrt ja selbst als Bühne für ihr politisches Projekt: die Schärfung des konservativen Profils ihrer selbst und der CDU.

So ist auch jener Witz zu verstehen, um den es jetzt Streit gibt. „Wer war denn von Euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen“, sagte Kramp-Karrenbauer. „Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette.“

Tusch. Lacher. Punkte bei allen, die dieses Gender-Gedöns und die Verweichlichung der Männer schon lange stört. Für intersexuelle Menschen, die das Gelächter der anderen seit Kindertagen kennen, muss der Scherz allerdings verletzend sein – weil Kramp-Karrenbauer deren Probleme zu einer Mode von Großstadt-Hipstern erklärt und in einen Pipiwitz packt.

Dafür muss man AKK kritisieren, ohne ein politisch korrekter Humorpolizist zu sein. Aber man muss auch nicht gleich die rhetorischen Großkaliber auspacken, wie es manche politische Gegner tun. Auch sie nutzen den Skandal, um ihr eigenes Profil zu schärfen.

Bevor wir vor lauter Streit den Karneval vergessen, eine Frage: Was haben Politiker eigentlich überhaupt auf Karnevalsbühnen verloren? Karneval ist: Regierte veräppeln die Regierenden. Unten gegen oben. Die Machtlosen gegen die Mächtigen. Mit Kostümen, Liedern, Mottowagen und Büttenreden. Karneval ist nicht: die Mächtigen gegen die Machtlosen.

Für Politiker gibt es ein geeigneteres Forum: Morgen beim politischen Aschermittwoch. Der hat seine Ursprünge übrigens in Bayern – wo es demnächst an Schulen Toiletten für intersexuelle Kinder geben soll. Kein Scherz.

Mehr von GA BONN