Fall Khaschoggi: Saudi-Arabien entgeht Verurteilung durch die USA

Fall Khaschoggi : Saudi-Arabien entgeht Verurteilung durch die USA

Im Fall des verschwundenen saudi-arabischen Journalisten Jamal Khaschoggi will Washington ebenso abwarten wie die Türkei. Medien schildern grausige Details einer Ermordung.

Mehr als zwei Wochen nach dem Verschwinden des regimekritischen saudischen Journalisten Jamal Khaschoggi in Istanbul steht fest, dass Saudi-Arabien vorerst keinen großen Druck vom Hauptverbündeten USA befürchten muss. US-Außenminister Michael Pompeo sagte nach einem Besuch in Riad, er wolle die Ergebnisse der von Saudi-Arabien versprochenen Untersuchung abwarten. Auch die türkische Regierung gibt sich weiter zurückhaltend, obwohl aus türkischen Sicherheitskreisen immer neue angebliche Details über Folterung und Ermordung von Khaschoggi an die Öffentlichkeit kommen.

Laut den Berichten wurde Khaschoggi unmittelbar nach Betreten des saudischen Konsulats in Istanbul am 2. Oktober kurz nach Mittag getötet. Das „Wall Street Journal“, die Website „Middle East Eye“ und die regierungsnahe türkische Zeitung „Yeni Safak“ meldeten, nach dem Mord sei die Leiche des 59-Jährigen mit einer Knochensäge zerteilt worden. „Yeni Safak“ zufolge schnitten die Täter dem Regierungskritiker die Finger ab, bevor sie ihn töteten.

Als Quellen für die Berichte wurden Ermittlerkreise und Personen genannt, die mit den Ergebnissen der türkischen Nachforschungen vertraut sind. Offiziell will sich die türkische Regierung nicht äußern: Innenminister Süleyman Soylu sagte, die Bewertung der Beweismittel sei Sache der Justiz.

Saudi-Arabien hatte zunächst alle Berichte über eine Gewalttat zurückgewiesen. Inzwischen soll die Führung in Riad zugegeben haben, dass Khaschoggi während eines Verhörs zu Tode kam. Unklar ist, ob der Zugriff im Konsulat von der saudischen Regierung abgesegnet war.

Eine Schlüsselfigur im Fall Khaschoggi kann derzeit nicht befragt werden: Der saudische Konsul Mohammed al-Otaibi reiste am Dienstagabend plötzlich aus Istanbul nach Riad ab. Bei einer Durchsuchung des Konsulats hatten türkische Spezialisten laut Medienberichten neue Beweise für eine Gewalttat gefunden. Eine Untersuchung von Otaibis Residenz, auf deren Gelände die Leichtenteile vergraben worden sein könnten, verzögerte sich. Türkischen Regierungsangaben zufolge war die Durchsuchung für den Lauf des Mittwochs geplant.

Schützende Hand über Saudi-Arabien

Trotz der weltweiten Entrüstung über den mutmaßlichen Mord an Khaschoggi halten die USA weiter ihre schützende Hand über die saudische Regierung. Präsident Donald Trump beklagte, im Fall Riads gelte die Unschuldsvermutung offenbar nicht. Pompeo betonte nach Treffen mit König Salman und Thronfolger Mohammed bin Salman in der saudischen Hauptstadt, die Führung des Königreichs sei sich des Ernstes der Lage bewusst. Er wolle der Untersuchung des Falles nicht vorgreifen.

Pompeo sagte nicht, wann Saudi-Arabien mit eigenen Untersuchungsergebnissen an die Öffentlichkeit gehen will. Das solle in angemessener Zeit geschehen, sagte der Minister ohne weitere Angaben. Gespräche, die Pompeo am Mittwoch in Ankara führte, brachten ebenfalls keine neuen Erkenntnisse. Auch Pompeos Amtskollege Mevlüt Cavusoglu betonte, die Regierung wolle sich erst äußern, wenn die türkische Justiz ihre Ermittlungen abgeschlossen habe. Im Parlament von Ankara lehnte die Regierungspartei AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan einen Antrag der Opposition zur Einrichtung eines Untersuchungsausschusses zum Fall Khaschoggi ab.

Trump hatte zur Begründung für seine Zurückhaltung auf geplante saudische Rüstungsaufträge für US-Unternehmen im Wert von mehr als 100 Milliarden Dollar verwiesen. Saudi-Arabien ist auch politisch einer der wichtigsten Partner Washingtons im Nahen Osten und unter anderem im Kampf gegen den Einfluss des Iran in der Region für Trump von Bedeutung.

Die Türkei, die in den vergangenen Jahren im Nahen Osten immer mehr in die Isolation geraten war, will offenbar vermeiden, die ohnehin gespannten Beziehungen zu Saudi-Arabien in eine offene Krise schlittern zu lassen. Auch nach Morden an tschetschenischen Aktivisten in der Türkei in den vergangenen Jahren, für die der russische Geheimdienst verantwortlich gemacht worden war, ging Ankara einem öffentlichen Streit mit Moskau aus dem Weg.