Veröffentlichung der Nationalität von Tätern: Presserat: "Nicht alles, was Fakt ist, ist auch von Relevanz"

Veröffentlichung der Nationalität von Tätern : Presserat: "Nicht alles, was Fakt ist, ist auch von Relevanz"

Namen von Tätern zu nennen, kann im Einzelfall in Ordnung sein. Das sagt der Geschäftsführer des Deutschen Presserates, Lutz Tillmanns, in einem Interview des General-Anzeigers. Mit ihm sprach Ulrich Lüke

Im Pressekodex, auf den sich die deutschen Medien geeinigt haben, heißt es seit dem Jahre 1973 in Ziffer 12: "Niemand darf wegen ...seiner Zugehörigkeit zu einer nationalen Gruppe diskriminiert werden." Ist es noch zeitgemäß, Nationalitäten von Tätern nicht zu nennen?

Lutz Tillmanns: Das Diskriminierungsverbot ist selbstverständlich noch zeitgemäß. Bei der Frage, ob man Nationalitäten nennt, kommt es auf den einzelnen Fall an. Die Redaktionen müssen hier prüfen, ob dies eine diskriminierende Wirkung hat oder nicht.

Ist die Nennung der Nationalität nach den Vorfällen von Köln in Ordnung?

Tillmanns: Das kann ich pauschal nicht beantworten. In Köln sind die Medien nach meiner Beobachtung in dieser Frage sehr überlegt vorgegangen. Hinweise, die ja aus den Kreisen der Opfer kamen, auf mögliche Nationalitäten zu nennen - das war aus meiner Sicht möglich und in Ordnung. Der Hinweis auf Täterkreise aus nordafrikanischen Regionen ist zulässig gewesen.

Aber generell die Nationalität ermittelter Täter zu nennen, das lehnen Sie ab...

Tillmanns: Ich bin in jedem Fall dagegen, grundsätzlich die Nationalität von Tätern zu nennen. Die Nationalität kann, wie auch andere Hinweise auf Minderheiten, eine diskriminierende Wirkung entfalten. Das muss man immer in Betracht ziehen.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Medien, die nach dem Pressekodex verfahren, verschwiegen wichtige Fakten?

Tillmanns: Das ist ein genereller Vorwurf, der so nicht trifft. Ich beobachte, dass Medien diese Sachverhalte und die Wirkung ihrer Arbeit sehr genau prüfen. Medien machen öffentlich und sie machen das öffentlich, was relevant ist. Nicht alles, was Fakt ist, etwa die Nationalität, ist deshalb auch von Relevanz.

Macht es Sie besorgt, dass die Medien in Deutschland immer häufiger mit dem Vorwurf der Lügenpresse konfrontiert werden?

Tillmanns: Das macht mich sehr besorgt. Es gibt eine gewisse Stimmung dieser Art, die wird auch gesteuert. Das ist nicht die Meinung der Bevölkerung insgesamt. Für die Medien kann das nur heißen, sorgfältige und gute Arbeit zu leisten und davon Abstand zu nehmen, zu polarisieren und zu provozieren. Kritische, korrekte Berichterstattung ist das Ziel.

Gibt es für den Deutschen Presserat Anlass, den Pressekodex zu überarbeiten?

Tillmanns: Wir denken - auch wegen der Kölner Ereignisse - darüber nach. Das Thema Flüchtlinge, Zuwanderer, Ausländer ist hochgradig aktuell. Wir werden Anfang März im Plenum darüber beraten. In welche Richtung das gehen wird, kann ich im Moment noch nicht sagen.

Der Presserat

Der Deutsche Presserat ist eine Organisation der großen deutschen Verleger- und Journalistenverbände Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), Verband Deutscher Zeitschriftenverleger e. V. (VDZ), Deutscher Journalisten-Verband (DJV) sowie Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di. Gegründet wurde der Presserat am 20. November 1956 nach dem Vorbild des britischen "Press Council". Seit Juni 2009 hat die Geschäftsstelle ihren Sitz in Berlin, zuvor in Bonn. Seine publizistischen Grundsätze hat der Presserat als "Pressekodex" ausgearbeitet, eine Art Ehrenkodex für Medienvertreter, der 1973 erstmals veröffentlicht wurde.

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