Kommentar zur „Sanierung West“: Mauerfall im Kopf

Kommentar zur „Sanierung West“ : Mauerfall im Kopf

Es gibt Schwächen in Ost und West und Nord und Süd. Die müssen ausgeglichen werden. Gesamtdeutsch, meint GA-Korrespondentin Kristina Dunz.

Mit den blühenden Landschaften hat es länger gedauert, als sich Helmut Kohl das einst vorgestellt hatte. Die Ostdeutschen bekamen erst einmal Deindustrialisierung, Arbeitsplatzverlust und Abwanderung zu spüren.

Mehr als eine Million Menschen verließen ihre Heimat. Und das, obwohl bis heute etwa 1,5 Billionen Euro in den Osten transferiert wurden. Inzwischen kann man sich jedoch tatsächlich über blühende Landschaften freuen, wenn es auch nicht überall rosig ist. Wer durch der Osten fährt, der weiß wo das Geld geblieben ist: Historische Gebäude, alte Häuser, Museen und Kirchen wurden saniert, Straßen und Bahnlinien ausgebaut und moderne Arbeitsplätze geschaffen. Was noch nicht gelungen ist: gleichwertige Lebensverhältnisse, was Bruttoinlandsprodukt, Lohn- und Rentenniveau betrifft. Und noch schlimmer: gegenseitige Anerkennung. Ossis schimpfen auf Wessis und umgekehrt. Immer noch. Eine klärende Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit fängt gerade erst an. Sie ist dringend nötig.

Dann muss auch offen angesprochen werden, was Armin Laschet in der „Süddeutschen Zeitung“ eine „Sanierung West“ nennt. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident beschreibt, dass hochverschuldete Kommunen im Ruhrgebiet Kredite aufgenommen haben, um den Aufbau Ost mitzubezahlen. Das gilt auch für Kommunen anderswo. Wer durch den Westen fährt sieht, dass an vielen öffentlichen Gebäuden, in Schulen, Schwimmbädern oder an Straßen lange nichts mehr gemacht wurde. Welkende Landschaften. Das schafft Unfrieden.

Es gibt Bürger, die sich zurückgesetzt sehen, weil Flüchtlinge Hilfe bekommen, es gibt Ostdeutsche, die Westdeutsche als habgierig bezeichnen und es gibt Westdeutsche, die Ostdeutsche für undankbar halten. Wenn der eigene Standard trotz aller Anstrengung bedroht erscheint, richtet sich das Augenmerk oft auf jene, die gefördert werden. Oft profitiert die AfD davon. Auch in recht gut situierten Gegenden.

Besser noch als „Sanierung West“ hört sich dieser Vorschlag von Laschet an: Wir brauchen eine gesamtdeutsche Herangehensweise. Ähnlich hat es auch einmal Thüringens Linken-Ministerpräsident Bodo Ramelow gefordert. Im Westen müssen Straßen saniert und im Osten endlich mehr Bundesbehörden angesiedelt werden. Es gibt Schwächen in Ost und West und Nord und Süd. Die müssen ausgeglichen werden. Gesamtdeutsch. 30 Jahre nach dem Mauerfall muss das möglich sein. Nötig ist dafür der Mauerfall im Kopf.

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