Irland: Krawalle in Belfast nehmen kein Ende

Irland : Krawalle in Belfast nehmen kein Ende

Sie ist der Funke am Pulverfass für eine ganze Stadt: Die britische Flagge am Rathaus von Belfast soll nicht mehr täglich, sondern nur noch zu besonderen Anlässen gehisst werden. Seit sieben Nächten in Folge lassen aufgebrachte Protestanten ihren Frust darüber in Straßenschlachten aus.

Ihnen geht es um mehr als nur den eingemotteten Union Jack: Für sie ist sein Verschwinden Anzeichen dafür, dass sie im hochgelobten Friedenprozess von Nordirland zu den neuen Verlierern zählen könnten. Gestern Morgen wurde das heikle Stückchen Stoff zum ersten Mal in diesem Jahr in den grauen Himmel von Belfast hochgezurrt - eine Ehre, die allein dem Geburtstag von Prinz Williams' Ehefrau Kate galt.

So soll es laut Beschluss des Stadtrates auch in Zukunft gehalten werden: An jährlich 18 Jubeltagen der royalen Familie darf der Union Jack am Belfaster Rathaus fliegen, den Rest des Jahres aber soll dieses Symbol britischer Dominanz verschwinden. Ein simpler, zeitgemäßer Kompromiss, so mag es Außenseitern scheinen, denn immerhin teilen sich die Konfliktparteien von einst - anti-britische Katholiken und pro-britische Protestanten - heute die Macht in Nordirland. Doch das Teilen ist eben auch das Problem.

Im Osten Belfasts, einst Arbeiterviertel, heute sozialer Brennpunkt der Protestanten, entlud der Frust sich vergangene Woche als erstes. Über hundert Jugendliche und junge Arbeitslose randalieren dort seitdem jede Nacht. Auch friedliche, pro-britische Demonstranten machen aus ihrem Zorn kein Geheimnis: "Wir haben sogar ein Recht darauf, unsere Flagge zu hissen", ereifern sich Teilnehmer bei einem Protestmarsch, "warum entfernt man die Fahne, für die fast täglich Soldaten in Afghanistan sterben?"

Hinter der Wut auf den ausrangierten Union Jack verbirgt sich allerdings noch mehr, nämlich das Gefühl der Loyalisten, dass ihre Kultur, ihre Identität, in Nordirland nach und nach ausradiert werden könnte. Dass die Flagge nur der Anfang ist. Und dass ausgerechnet sie, die bis zum Ende des Nordirlandkonflikts alle lukrativen Jobs in den Belfaster Docks und im öffentlichen Dienst untereinander aufteilen konnten, jetzt in Friedenszeiten immer öfter den Kürzeren ziehen.

Tatsächlich sorgen Antidiskriminierungsgesetze dafür, dass die Arbeitslosigkeit bei Katholiken nach Jahrzehnten der Ausgrenzung sinkt. Sie studieren häufiger, steigern ihr Lohnniveau. Gleichzeitig haben die Protestanten ihre Job-Hochburg, den Schiffs- und Werftenbau in Belfast, durch den Strukturwandel verloren. Um die knappen Stellen und die Verteilung öffentlicher Gelder herrscht ein erbitterter Kampf, in dem sich die protestantischen Viertel, in diesen Tagen Schauplatz der Straßenkämpfe, als Verlierer fühlen.

Statistisch belegen lässt sich ihr Verdacht übrigens nicht. Heute sollen die Konfliktparteien im Landtag ihre Beschwerden vortragen. Die Rädelsführer der Straßenschlachten, die die Unruhen am Samstag bis nach Dublin tragen wollen, haben bereits signalisiert, dass sie an der Aussprache nicht teilnehmen wollen. Während die Polizei schon Zehnjährige bei den Krawallen dingfest macht, zählen zu den Drahtziehern erfahrene Veteranen aus Zeiten der "Troubles".

Für Belfast kommen die Unruhen zu einer denkbar heiklen Zeit. 2012 hat die Stadt ihr Titanic-Museum eröffnet, das Touristen und Geld in die wirtschaftlich angeschlagene Stadt spült. Der gleiche Effekt soll auch die benachbarten Kommunen Derry, UK-Kulturhauptstadt 2013, und Enniskillen, Tagungsort der G8-Staatschefs im Juni, aufwerten. Doch mancher spendable Impulsgeber reagiert verschnupft auf die Szenen in Belfast. "Wegen der Straßenschlachten haben einige Investoren bereits das Interesse an Belfast verloren", so Nigel Smyth vom Verband der Britischen Industrie.