Porträt über den 76-Jährigen: Joe Biden gibt Präsidentschaftskandidatur bekannt

Porträt über den 76-Jährigen : Joe Biden gibt Präsidentschaftskandidatur bekannt

Joe Biden will sich als Präsidentschaftskandidat der Demokraten bewerben. Wer ist der 76-Jährige, der Vizepräsident von Obama war? Ein Porträt.

Er hat lange mit sich gerungen. Seit Monaten spekulieren die amerikanischen Medien darüber, ob Joe Biden seinen Hut wohl in den Ring werfen wird. Er selber ließ bisweilen an eine Sphinx denken, mal klang er fest entschlossen, mal eher zweifelnd. Er wolle den Leuten nicht ihre wertvolle Zeit stehlen, Wahlhelfern nicht aufopferungsvolle Arbeit abverlangen, wenn nicht klar sei, dass er echte Chancen habe, von den Demokraten zum Kandidaten fürs Weiße Haus gekürt zu werden, sagte er noch im März vor Studenten. Nun sind die Würfel gefallen. An diesem Donnerstag verkündet der Politik-Veteran per Video seine Bewerbung und reist vier Tage darauf nach Pittsburgh, wo er in einem Gewerkschaftslokal seine erste Wahlkampfrede hält.

Biden reiht sich ein in ein Kandidatenfeld, das so groß ist wie selten zuvor, schon jetzt angewachsen auf über zwanzig Namen. Der Andrang hat damit zu tun, dass sich die Opposition gute Chancen ausrechnet, Donald Trump nach nur vier Jahren im Oval Office abzulösen. Eine Opposition, die auch deshalb aus der Schockstarre der verlorenen Wahl des Jahres 2016 erwachte, weil jüngere, zumeist links gesinnte Politiker an der Basis für neuen Schwung sorgten.

Biden, politisch in der Mitte angesiedelt, ist 76, der Zweitälteste nach Bernie Sanders. Sollte er die Wahl gewinnen, wäre er 78, wenn er seinen Amtseid ablegen würde. Die einzige große Organisation dieser Welt, die von solchen Greisen geleitet werde, sei die römisch-katholische Kirche, spitzt es der legendäre Wahlstratege James Carville auf typisch flapsige Art zu.

Eine gewisse Bodenständigkeit bewahrt

Andererseits glaubt Biden, am ehesten in der Lage zu sein, jene weißen Arbeiter, die zu Trump überliefen, zurück ins Lager der Demokraten zu holen. Obwohl er seit fünf Jahrzehnten in Washington Politik macht, hat er sich eine gewisse Bodenständigkeit bewahrt, zumindest in der Rhetorik.

Was immer er fürs Leben gebraucht habe, betont Biden, habe er in Scranton gelernt, der Industriestadt in Pennsylvania, in der er aufwuchs. Mut, Verlässlichkeit, sich um andere kümmern, dazu der Glaube, dass man es auch dann weit bringen könne, wenn man seine Kindheit zwischen rauchenden Schloten verbrachte. Die Scranton-Werte, so nennt er das. Einmal ließ er in burschikosem Ton wissen, am liebsten würde er Trump „hinter die Turnhalle“ bitten, um Mann gegen Mann die Kräfte zu messen.

Ein früher Traum

Schon 2016, glauben seine Fans, hätte der kantige Volkstribun im Wettstreit mit dem Milliardär bessere Karten gehabt als Hillary Clinton. Den Rust Belt mit Staaten wie Michigan, Ohio und Pennsylvania an Trump zu verlieren – mit einem Joe Biden wäre das ihrer Überzeugung nach nicht passiert. Dass der damalige Vizepräsident, der Stellvertreter Barack Obamas, auf eine Kandidatur verzichtete, lag an einem Schicksalsschlag. Er trauerte um Beau, seinen 46-jährig an Krebs verstorbenen Sohn. Den Marathon einer Kampagne hätte er nicht durchgehalten, sagte er später, ihm habe schlicht die Kraft dafür gefehlt. Und seine Familie habe es ähnlich gesehen. Damals schien es, als bereite ein Altgedienter seinen Abschied von der Bühne der großen Politik vor.

Biden hat früh davon geträumt, einmal im Weißen Haus zu residieren. Er war Mitte zwanzig, als ihn die Mutter seiner ersten, später tragisch verunglückten Frau Neilia nach seinen Karrierezielen fragte und zur Antwort bekam: „Präsident. Präsident der Vereinigten Staaten“. Er war 30, gerade zum Senator gewählt, als das Auto mit Neilia am Steuer gegen einen Sattelschlepper prallte.

Seine Gattin und die einjährige Tochter Naomi starben, während die Söhne Hunter und Beau, zwei und drei, wochenlang im Krankenhaus lagen. Biden trug sich mit Selbstmordgedanken. Seinen Senatssitz wollte er aufgeben, worauf ihm ältere Kollegen zuredeten, es doch wenigstens für ein paar Monate zu versuchen. Um abends bei seinen Söhnen zu sein, pendelte er täglich zwischen Wilmington in Delaware und Washington, per Zug fast zwei Stunden für eine Strecke.

Zwei Bewerbungen ohne Erfolg

Zweimal bewarb er sich bislang fürs Präsidentenamt, beide Male ohne Erfolg. 1988 wurde ihm zum Verhängnis, dass er ganze Passagen einer Rede des britischen Labour-Politikers Neil Kinnock übernommen hatte. 2008 stand er chancenlos im Schatten Obamas und Clintons. Schon wegen der Vorgeschichte wird niemand behaupten, dass Biden nun der klare Favorit wäre. In den Umfragen liegt er zwar vorn, was allerdings nicht viel heißt, da die Vorwahlen erst im Januar beginnen.

Zudem schleppt er politischen Ballast mit sich herum. Er hat den Einmarsch im Irak unterstützt, davor, in den Neunzigern, plädierte er für drakonische Strafen, um der Kriminalität Herr zu werden. Was in der Umsetzung dazu führte, dass Amerikas Gefängnisse aus allen Nähten platzen. Auch weil der Besitz von Crack-Kokain, das vor allem Afroamerikaner konsumieren, ungleich härter geahndet wurde als der von Kokainpulver, das als Rauschmittel der Weißen gilt, waren es überproportional viele schwarze Amerikaner, die hinter Gittern landeten.

"Wer kann diesen Burschen besiegen?"

Das alles wird Biden Skeptikern in den eigenen Reihen noch einmal erklären müssen. Oder dass er Frauen anfasste oder an ihrem Haar roch, wenn diese sich, mit ihm im Rampenlicht stehend, nicht zu wehren trauten. Ein aus der Zeit Gefallener, monieren die Kritiker. Ein Mann, der aus Fehlern gelernt hat, halten seine Anhänger dagegen.

Joe Biden wiederum glaubt, dass eine Mehrheit der Wählerschaft seinen Pragmatismus zu schätzen weiß, sollte er im Finale gegen Trump antreten. „Und darum geht es ja: Wer kann diesen Burschen besiegen?“

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