70 Jahre Grundgesetz: Holocaust-Überlebende macht Mut

70 Jahre Grundgesetz : Holocaust-Überlebende macht Mut

Talisman für eine Mutmacherin: Die Deutschlandstiftung Integration feiert 70 Jahre Grundgesetz und die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer. Zentrale Bedeutung kommt Artikel 1 des Grundgesetzes zu.

Es ist dann doch Artikel eins, an dem an diesem Vormittag alle hängenbleiben, besser gesagt: nicht daran vorbeikommen. Gleich kommt die Bundeskanzlerin, die bei diesem Festakt der Deutschlandstiftung Integration zu 70 Jahren Grundgesetz selbstredend auch etwas zu jenem schlichten Satz sagen wird, den die Mütter und Väter gewissermaßen als oberstes Gebot dem Grundgesetz vorangestellt haben. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Angela Merkel ist seit Gründung vor zehn Jahren Schirmherrin der Deutschlandstiftung Integration, die sich zum Ziel gesetzt hat, durch Chancengerechtigkeit beim Zugang zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe die Basis für erfolgreiche Integration zu schaffen. Die 900 Stipendiaten werden frühzeitig durch gut 600 Mentoren in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft vernetzt. Für die Wirtschaftsingenieurin Schinda Sarochan (27) ist Artikel eins des Grundgesetzes ebenso wie für die Ärztin Nada Abedin (26) oder für Thevagar Mohanadhasan (24), Mitarbeiter bei einer deutschen Europaabgeordneten, der schönste, der prägendste Artikel.

Abedin sagt: „Man muss die Menschen als Menschen nehmen.“ Das Schöne am Grundgesetz sei, „dass es so allumfassend ist.“ Viele Menschen wüssten gar nicht, „welches Glück sie haben, in diesem Gesetzesrahmen zu leben.“ Auch Mohanadhasan gibt sich überzeugt: „Viele Menschen wissen gar nicht, was es für ein Privileg ist, eine solche Verfassung mit derartigen fundamentalen Rechten zu haben.“

Alle in der Pflicht, Werte des Grundgesetzes zu schützen

Vorne in Reihe eins sitzt eine Frau, die als junger Mensch erlebt hat, wie es ist, in Todesangst ohne fundamentale Rechte zu leben. Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, 97 Jahre alt, musste erst miterleben, wie ihre Mutter und ihr Bruder von den Nazis ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.

Sie selbst lebte dann von Januar 1943 bis April 1944 im Untergrund – in 15 Monaten bei 16 verschiedenen Familien versteckt. Friedländer sagt über ihre Beschützer, die sich dadurch selbst in Lebensgefahr begaben: „Sie waren Menschen. Sie waren mein Talisman.“

Jetzt hält Friedländer, die das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hat, den neu geschaffenen „Talisman“-Preis der Deutschlandstiftung Integration in Händen, der das Engagement für den Zusammenhalt der Gesellschaft würdigt. Der frühere Bundespräsident und heutige Stiftungsratsvorsitzende, Christian Wulff, sagt: „Sie sind ein Leuchtturm, ein herausragendes Vorbild, Sie sind ein Glücksfall für Deutschland.“

Friedländer ist auch eine Mutmacherin. Bundeskanzlerin Merkel dankt der 97-Jährigen, dass sie als Zeitzeugin mit jungen Menschen über die Nazi-Zeit diskutiere. Alle seien in der Pflicht, die Werte des Grundgesetzes zu schützen.

Friedländer selbst sagt: „Es gibt kein jüdisches, christliches oder arabisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Wir sind alle Menschen.“ Ihre Mutter hatte ihr kurz vor ihrer Deportation durch die Nazis noch einen Satz mitgegeben: „Versuche, Dein Leben zu machen.“ Margot Friedländer hat es gemacht. 2010 ist sie nach mehr als 60 Jahren in New York in ihre Heimatstadt Berlin zurückgekehrt. „Ich habe es keine Minute bereut.“ Dann ist sie wieder bei Artikel eins des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

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