Jugend in Bonn: Heißhunger auf gekochtes Gemüse

Jugend in Bonn : Heißhunger auf gekochtes Gemüse

Mittagspause an einer Bonner Hauptschule. Ein knappes Dutzend Fünft- und Sechstklässler sitzt in der Kantine. Bunte Kinderbilder hängen an den Wänden, helle Holzmöbel sorgen für eine Atmosphäre wie aus dem Ikea-Katalog.

"Leon, das kann nicht sein, dass Du keine Hausaufgaben aufbekommen hast", sagt die Studentin von der Übermittagsbetreuung. "Es gibt immer Hausaufgaben." Leon schmollt. Andere Kinder räumen mit Tabletts ihr Geschirr ab. Es gab Reis mit Gemüse.

"Gemeinsames Essen", sagt Andrea Kühnen und deutet auf die Mittagstische. "Das kennen die meisten von zu Hause nicht." Kühnen (Name von der Redaktion geändert) arbeitet als Sozialpädagogin. Kinderarmut ist für sie mehr als eine Statistik, die am nächsten Tag wieder in der Schublade verschwindet. Kinderarbeit und ihre Folgen sind ihr Arbeitsalltag, seit fast zwei Jahrzehnten. Kühnen kennt die Geheimnisse der Kinder, wenn es um Geldnöte geht, und die Ausreden der Eltern.

Sie kennt die Hilflosigkeit der Lehrer, wenn Klassenfahrten abgesagt werden müssen, weil die Hälfte der Eltern nicht zahlt. Und sie kennt die Schwierigkeiten, mit den Hilfsangeboten diejenigen zu erreichen, die Hilfe brauchen. Denn Kinderarmut ist nach ihrer Erfahrung ein Phänomen, das nur schwer zu erkennen ist. "Kein Kind und kein Erwachsener wird hier sagen, er sei arm", weiß die Sozialpädagogin. Es sind die Kleinigkeiten, die von den Problemen zeugen: Der eine Schüler hat keine Winterjacke, dem anderen fehlt das Geld für den gemeinschaftlichen Kinobesuch der Klasse. "Vor allem gegen Monatsende wird es bei vielen knapp", sagt Kühnen.

Lange Zeit habe sie nicht verstanden, warum Unterstützung trotzdem oft abgelehnt wird. Heute weiß sie, dass das Stigma der Armut für viele schwerer wiegt als der Verzicht. "Der soziale Druck ist gerade in den sogenannten Problemvierteln oft enorm", sagt sie. "Selbst wenn die Schulden schon hoch sind, wird noch die neue Couchgarnitur bestellt, damit die Nachbarn nichts merken." So würden auch die Kinder in armen Familien oft mit teuren Geschenken überhäuft, sobald Geld vorhanden ist. "Alle Schüler haben ein eigenes Handy", sagt sie. "Aber keinen interessiert es, wenn ihnen die Nase läuft."

Kühnen nennt das eine "emotionale Armut", die nach ihren Erfahrungen im Schulalltag die Kinder deutlich mehr belastet als der Geldmangel. "Viele Eltern sind als Arbeitslose tagsüber zu Hause", sagt sie. "Aber statt eines Frühstücks bekommen die Kinder zwei Euro in die Hand gedrückt und kaufen sich auf dem Schulweg beim Discounter Cola und eine Tüte Chips." Armut kann viele Gesichter haben. "Bei uns in der Kantine sind Apfelschnitze und gekochtes Gemüse der Hit", sagt die Sozialpädagogin. "Denn das kennen viele Kinder von zu Hause nicht." Keiner müsse hungern, betont sie. "Es gibt halt ein paar Tiefkühlpizzen, die jeder allein in seinem Zimmer neben Fernseher oder Computer isst."

"Es fehlt in erster Linie das Kümmern", sagt sie. "Dann erst kommt das Geld." Trotzdem hält sich die Sozialpädagogin mit Vorwürfen gegenüber den Eltern zurück. "Oft setzen sich Verhaltensmuster über Generationen fort." Wer als Kind nie gelernt habe, sich zu organisieren, scheitere damit oft auch in der eigenen Familie.

Aber es gibt auch die anderen Beispiele. Diejenigen, weshalb der Bonnerin ihr Beruf trotz der Schwierigkeiten Spaß macht. "Wenn Jugendliche einen Weg aus der Armutsfalle suchen, dann stehen die Chancen gut, dass sie ihn auch finden", ist Kühnen überzeugt. In der Region stehen derzeit viele Ausbildungsplätze zur Verfügung, "auch für Hauptschüler", wie Kühnen betont.

Die Pädagogin hat sich mit einer Situation abgefunden, die oft infrage gestellt wird. "Die Schule muss immer mehr das vermitteln, was die Eltern nicht schaffen", sagt sie. Sie will den Kindern einen Eindruck von der "anderen Welt" vermitteln. Mit ihr haben viele Schüler zum ersten Mal in ihrem Leben ein Restaurant besucht, ein Theaterstück gesehen oder auch nur ganz simpel Nudeln gekocht. "Solche vermeintlichen Selbstverständlichkeiten sind auch wichtig für das Selbstbewusstsein, das Jugendliche für den späteren Berufseinstieg brauchen", sagt sie.

Das Fazit der Pädagogin lautet: "Armen Kindern bringt es nichts, wenn die Eltern mehr Geld bekommen. Sie brauchen mehr professionelle Betreuungsangebote." Schule könne die Kinder bei Stress zu Hause stabilisieren. In Bonn helfen vor allem Spenden, den benachteiligten Jugendlichen Chancen zu bieten. Unternehmer sponsern Frühstücke, Hilfsorganisationen finanzieren Musikunterricht und Sportangebote. "Anders geht es nicht", sagt Kühnen. Stadt und Land fehlt das Geld.

Und trotzdem bleiben Kinder außen vor. Drei Mädchen sitzen mittags in der Bonner Hauptschule im Flur, die Rücken an ihre Schulranzen gelehnt. Der Unterrich ist längst beendet. Keine der Schülerinnen nimmt offiziell an der Übermittagsbetreuung teil. "Sie sind jeden Tag hier", sagt die Sozialpädagogin.